Hani Yousuf
27.04.2012 | 09:30 2

Mein Land ist kaputt, am Arsch

Pakistan Seit dem Tod von Osama bin Laden vor einem Jahr ist die Arbeit von Journalisten in Pakistan noch schwerer ­geworden. Unsere Autorin hat ihre Heimat bereits verlassen

Es ist Donnerstag, ein normaler Tag in der vergangenen Woche. Wieder ist in Pakistan ein Journalist ums Leben gekommen. Murtaza Razvi, Redakteur und Kolumnist bei Dawn, der größten pakistanischen Tageszeitung, wurde ermordet. Die Leiche ließ man in einem Künstleratelier in einem wohlhabenden Viertel Karatschis zurück. Sein Körper trug Zeichen von Folter, er sah aus, als hätte man ihn erdrosselt. Die Ergebnisse der Obduktion sind noch nicht da, Razvis Familie hat daher die Medien gebeten, nicht über den Mord zu spekulieren, bis die Ermittlungen offiziell beendet sind.

Ich erfuhr durch eine Google-Chat-Nachricht von seinem Tod. „Komm nicht zurück,“ stand darin. Ein Freund aus Pakistan hatte sie mir geschickt. „Dieses Land ist kaputt, am Arsch,“ schrieb er. Ich kannte Murtaza Razvi zwar nicht persönlich, habe aber als freie Autorin auch für Dawn gearbeitet. Außerdem zählte ein enger Angehöriger seiner Familie zum Kreis jener Journalisten, mit denen ich in Karatschi befreundet war. Wir unterhielten uns oft darüber, dass wir Pakistan verlassen müssten, bevor wir intellektuell ersticken würden. Einer nach dem anderen aus unserer Runde ist schließlich gegangen. Ich auch.

Ein Bericht von Reporter ohne Grenzen besagt, dass in den vergangenen zwei Jahren kein Land für Journalisten so gefährlich gewesen sei wie das, in dem ich geboren bin. Kurz nachdem Osama bin Laden am 2. Mai 2011 getötet wurde, schrieb ich einen Text über die Ermordung des pakistanischen Investigativjournalisten Saleem Shahzad. Zwei Tage bevor er ermordet aufgefunden wurde, hatte ich folgende Nachricht erhalten: „Sie haben Saleem Shahzad.“ Natürlich fragte ich nicht, wer mit „sie“ wohl gemeint war.

Die nächsten Tage war ich unruhig, hoffte, Saleem Shahzad werde wieder auftauchen. Lebend. Derweil klagte Human Rights Watch in Pakistan den ISI an, den Nachrichtendienst des pakistanischen Militärs. Shahzad hatte vor seinem Verschwinden von einem Treffen mit Leuten des ISI gesprochen. Human Rights Watch bezeichnete diese Begegnung als gefährlich. In einem Interview mit dem Islamabad-Korrespondenten des Time Magazins sagte Ali Dayan Hasan, der Direktor des pakistanischen Büros von HRW: „Da Shahzad zu Lebzeiten behauptet hat, vom ISI bedroht worden zu sein und wir dies für glaubwürdig halten, ist es nun am ISI zu beweisen, dass er ihn nicht illegal gefangen gehalten hat und seine Leute nicht für seinen Tod verantwortlich sind.“ So unverhohlen hatte noch nie jemand Vorwürfe gegen die am meisten gefürchtete Organisation des Landes erhoben. Kurz vor seinem Verschwinden hatte Shahzad einen Bericht über einen Anschlag auf eine Marinebasis in meiner Heimatstadt Karatschi verfasst. Darin schrieb er, die Attacke sei nicht von den pakistanischen Taliban verübt worden, die offiziell die Verantwortung dafür übernommen hatten, sondern von al-Qaida-Anhängern.

Der Mai 2011 war nicht gut

Der Anschlag auf die Mehran-Basis in Karatschi war peinlich für die pakistanische Armee, die bereits wenige Wochen zuvor eine Blamage hatte hinnehmen müssen, als Bin Laden in der Garnisonsstadt Abottabad gefunden worden war. Abottabad liegt unweit der Hauptstadt Islamabad und nur wenige Minuten von der führenden Militärakademie Pakistans. Der Mai 2011 war einfach kein guter Monat für das pakistanische Militär und seinen gefürchteten Nachrichtendienst. Am 2. wurde Bin Laden getötet, am 31. Shahzad tot aufgefunden.

Zwei Tage danach gab der Nachrichtendienst eine Stellungnahme heraus, in der er den Mord an dem Journalisten verurteilte und jegliche Verantwortung zurückwies. Daraufhin sagte mir der pakistanische Journalist Mohammed Hanif, der einen satirischen Roman über die pakistanische Armee mit dem Titel Eine Kiste explodierender Mangos geschrieben hat, auch das sei eine Premiere für den ISI.

Die Pressefreiheit ist in Pakistan eine heikle Angelegenheit. In der 65-jährigen wechselhaften Geschichte des Landes wurde die militärische Herrschaft immer nur vorübergehend von einer zivilen unterbrochen. Die Ära des Militärdiktators Zia-ul-Haq, der den Prozess der „Islamisierung“ der Verfassung begann und im Kalten Krieg einer der engsten Verbündeten Amerikas war, gehörte wohl zu den schlechtesten.

Ironischerweise sorgte ausgerechnet Pervez Musharraf, der letzte Militärdiktator, für eine Lockerung der Meinungsfreiheit. Dennoch: Man kann es wenden, wie man will, freie Presse hin oder her: Wer gewisse Dinge aussprach, hatte in Pakistan immer mit Konsequenzen zu rechnen.

Das pakistanische Magazin Newsline, bei dem ich einst zu arbeiten begann, ist bekannt dafür, dass man dort Kritik am Establishment übt. Es wurde von einer Gruppe von Redakteuren gegründet, die Herald, das andere politische Monatsmagazin, verlassen hatten, weil sie dort die damalige Regierung nicht kritisieren durften. Beinahe zehn Jahre später wurde die langgediente pakistanische Journalistin und Newsline-Gründerin Razia Bhatti in ihrer Wohnung von der pakistanischen Polizei bedroht, weil sie einen der Provinzregierung gegenüber kritischen Artikel veröffentlicht hatte. All das ereignete sich unter der demokratischen Regierung der Partei PPP von Benazir Bhutto.

Ungläubig und deprimiert

„Wenn Journalisten den Ärger des Militär­establishments auf sich ziehen, haben sie mit Konsequenzen zu rechnen, die immer nach demselben Muster ablaufen,“ sagte Hanif damals in unserem Telefongespräch. „Sie werden abgeholt, gefoltert und dann nach ein, zwei Tagen wieder laufen gelassen.“ Nach Shahzads Tod berichtete ein Reporter der Zeitung The News ebenfalls, vom Militär gefoltert und sexuell gedemütigt worden zu sein, nachdem er in einem Bericht Kritik am Militär geübt hatte. Doch von kaltblütigem Mord an einem gestandenen und bekannten Journalisten hörte man nicht so oft. Jedenfalls nicht vor Shahzad.

Wie Razvi kannte ich auch Shahzad nicht persönlich. Doch die Nachricht ihres beinahe exakt ein Jahr auseinanderliegenden Todes, nicht Mordes, erreichte mich auf sehr ähnlichem Wege: Durch Chat-Nachrichten von befreundeten Journalisten aus der Heimat. Meine Reaktionen auf die Tode dieser beiden Männer, die ich nicht kannte, waren ebenfalls ähnlich. Beide Male brach ich weinend zusammen und verbrachte die folgenden Tage unter Schock, ungläubig und deprimiert.

27 Jahre in Karatschi haben mich, so hatte ich jedenfalls immer gedacht, unempfindlich gegenüber Berichten von Gewalt und Schmerz gemacht. Doch warum, frage ich mich nun, traf mich der Tod zweier Menschen, die ich kaum kannte, so hart? Vielleicht liegt es daran, dass diese Dinge in meiner Heimat passieren? Oder weil ich insgeheim ahne, dass es auch jeden anderen hätte treffen können? Ob ich es zugab oder nicht: Ich hatte Angst um meine Freunde.

So weit weg von zu Hause zu sein, ist schwer, zumal, wenn man solche Nachrichten erhält. Oft versuche ich mir vorzustellen, wie es sich dort anfühlt, wie die Stimmung und die Atmosphäre ist. Dass ich das aus der Ferne kaum schaffe, frustriert mich. Ich verliere das Gefühl für die Nuancen und Komplexitäten, die sich, wenn man sie nur unbewusst wahrnimmt, überlagern. Treffend und mit sensiblem Gespür darüber zu schreiben, ist eine Herausforderung. Zum Glück habe ich noch Freunde dort, die ich anrufen kann.

„Mir ist schlecht“, sagte einer von ihnen, ein Journalist und Mentor. Er war den Tränen nahe. In seiner Redaktion seien alle niedergeschlagen, sagte er. Doch in Belutschistan stürben jeden Tag Journalisten, und davon erfahre man noch nicht einmal etwas, fügte er hinzu. Und er hat recht.

Man gerät schnell in Gefahr

In Belutschistan nämlich, der am westlichsten gelegenen Provinz Pakistans, gibt es in jüngster Zeit separatistische Bestrebungen. Die Armee führt dort angeblich Operationen gegen Nationalisten durch. Eine Reihe von Journalisten und Aktivisten befinden sich inzwischen im Exil.

Wenn man beginnt, „Namen zu nennen“ oder „bestimmte Ereignisse“ nachzurecherchieren, sagte Hanif im vergangenen Jahr zu mir, dann gehe man schon zu weit. Der Mord an Shahzad habe das noch einmal bewiesen. Wenn man diese Grenze übertrete, gerate man in Gefahr.

Nach der Operation gegen Bin Laden im Mai schien sich die Situation zunächst zu ändern. In den Medien wurde Kritik am Militär laut. Das Thema Belutschistan erhielt endlich Beachtung, als das US-Außenministerium in einer Stellungnahme Aufmerksamkeit für die belutschischen Unabhängigkeitsbestrebungen forderte. Seither ist in den Zeitungen sehr viel häufiger von Belutschistan die Rede. Hanif selbst hat einen Artikel über einen Belutschen geschrieben, der in Militärhaft gestorben ist. Diesen Winter machten Gerüchte über einen Putsch die Runde. Wieder schrieb Hanif einen Artikel, diesmal für den britischen Guardian. Die Armee habe es nie nötig gehabt, Gerüchte zu streuen. Wenn sie putschen wollte, hätte sie es einfach getan, schrieb er und spekulierte darüber, dass die Macht der Armee im Schwinden begriffen sei.

Wir wissen noch nicht, wer Razvi getötet hat. Wir werden es vielleicht nie erfahren. Und obwohl wir die Wünsche der Familie respektieren wollen, ist man versucht zu spekulieren. In diesem gewaltsamen Land hätte er zum Opfer sektiererischer Gewalt werden können. Er stammte aus einer schiitischen Familie, was oft Grund genug ist, ermordet zu werden. Ebenso wie persönliche Feindschaften, eine Verwechslung, ein fehlgeschlagener Raubüberfall. Auf der Webseite des Asian Correspondent waren Auszüge aus den letzten drei Artikeln des toten Journalisten zu lesen. In einem ging es um die erhöhte Medienaufmerksamkeit für Belutschistan, in einem anderen darum, dass der Islam nicht ausreiche, Pakistan zusammenzuhalten. Keinen dieser Texte stufte die internationale Journalistenorganisation Committee to protect journalists als so provozierend ein, dass man sagen könnte, er sei zu weit gegangen.

Kaputt oder nicht – Pakistan ist mein Land, ich werde dahin zurückgehen. Der politische Dichter Faiz Ahmed Faiz sagte einmal: „Sprich, denn dein Mund ist frei!“ Das jedoch ist eine große Herausforderung.

Hani Yousuf wurde 1982 in Karatschi geboren. Sie studierte Literatur und Journalistik an der Columbia University in New York. Heute lebt sie in Berlin und schreibt für das pakistanische Monatsmagazin Newsline.

Übersetzung: Zilla Hofman

Kommentare (2)

weinsztein 28.04.2012 | 04:14

Mir gefällt die Formulierung "Operation gegen Bin Laden" nicht, im Zusammenhang mit Ihrer trauernden Anteilnahme an Folter und Mord an pakistanischen Journalistinnen und Journalisten, um die ich mit Ihnen trauere.
Als US-Spezialeinheiten gegen Bin laden operierten, schossen sie ihm das Gesicht weg und die Außenministerin des operierenden Landes sagte so was wie "wow" oder "yeah" oder beides.