Mensch, Marke

Medientagebuch Gedanken zur Personalisierung im Talkshowgeschäft aus aktuellem Anlass: Am Sonntag startet "Anne Will"

Hej, Anne! Du hast doch nichts gegen die Anrede? Das Du und der Kumpelton drängen sich ja auf nach dem ganzen Gedöns um Deine Person: "Anne Will wird die neue Christiansen".

Das bitte nicht! Um es gleich zu sagen: zumindest äußerlich besteht keine Wiederholungsgefahr. Anne Will sieht mit Abstand am besten, weil am klügsten aus. Irgendwie seriöser, trotz oder wegen der berühmten linken Augenbraue. Eher wie die große Schwester, die studiert und ihre Erfahrungen nicht nur gesammelt, sondern erlebt hat. So vernünftig, so distanziert, so "angenehm schnörkellos", wie in 1001 Zitaten "aus dem Kollegenkreis" gelobt.

Schon komisch, wenn allenthalben behauptet wird, auch von Dir selbst, Du seiest gar nicht branchenüblich eitel. Bei dem Getue um Deine Person muss das doch zwangsläufig kommen. Oder? Dank des Medienhypes sollen wir vertraut mit Dir sein. Wir wissen, welche Eltern Du hast, dass Du immer Deinem Bruder nacheifern wolltest, wo Du zur Schule gegangen bist und was Dein Traum wäre. Vieles wissen wir zwar auch nicht, aber dennoch wird alles auf Anne Will getrimmt. Der Titel, die eigens dafür gegründete Produktionsfirma Will Media GmbH, die Sendung, jeder Artikel, auf jeder Litfasssäule, sogar in den Bahnhöfen. Überall steht "Anne Will" drauf, alles dreht sich um den Namen. Wie fühlt man sich, wenn man nicht mehr als Person, die man als Tagesthemen-Moderatorin noch sein durfte, wahr genommen, sondern zur "Marke" oder gar zum "Format" wird?

Nun gut, das ist nun mal die neue Fernseh-Zeit: Kerner, Beckmann, Menschen bei Maischberger, Maybrit Illner. Aber eigentlich doch alles nur Seife. Wenn die Programmentscheider sich einbilden mögen, die Typologie des Immergleichen sei gut für die Quote, zeugt das von deren eigener Beschränktheit oder von einer ziemlich demokratiefeindlichen Politik. Die Zuschauer lassen sich vielleicht einlullen oder verlieren das Interesse, weil sich alle Fragen und Gastzusammenstellungen ähneln und der tägliche Talk sich abnutzt. Schlimmer jedoch, wenn auch beabsichtigt, bewirkt die Personalisierung von Sendeformaten deren Entpolitisierung. Es geht mit der Entscheidung, ob die Fragestellerin im Mittelpunkt steht oder der Inhalt des Gesprächs, auch um die Entscheidung zwischen privatisierter Oberflächlichkeit oder journalistischer Kultur und demokratischer Bildung. Der nächste Fall könnte Frank Plasbergs neue Sendung in der ARD werden. Hart, aber fair war bislang ein Stück politischer Interviewkultur, wo die stark anzunehmende Eitelkeit des Moderators durch die inhaltliche Titelausrichtung nicht zum Tragen kam. Nun ist um Plasberg ein Personenkult entstanden, der befürchten lässt, dass "seine" neue Talk-Sendung im Sinne des Mainstreams heißen wird: Plasberg oder Frank und frei. Ein Gegenbeispiel konnte man vor kurzem bei Nina Ruge und Alles wird gut (ZDF) erleben. Obwohl der Part der Moderatorin eigentlich an der Art der Gesprächsführung, den Fragen, dem Nachhaken und Auf-den-Punkt-Kommen gemessen wird, war sie die ideale Gastgeberin, insofern sie den Gästen die Hauptrollen ließ. Das hätte unter dem Titel Nina! sicher einen anderen Dreh gehabt, zumindest im öffentlichen Bewusstsein, und das wiederum beeinflusst die Wahrnehmung des abgehandelten Inhalts. Wenn jede Aussage nur noch mit dem auf eine bestimmte Rolle festgelegten Typ einer Person verbunden wird, verhindert das gesellschaftliche Aufklärung und politischen Durchblick.

Muss man so sehen. Von wegen Gedöns, Ex-Kanzler Schröder hin oder her, den Du, Anne, doch tatsächlich sofort zusammen mit Angie Merkel einladen würdest, wie Du in einem der 1001 Interviews zu Deiner Talk-Runde gesagt hast. Na ja, ob das nun so eine innovative Idee ist. Klingt eher nach Spektakel. Das hatten wir doch schon zur Genüge.

Dabei hast du doch angekündigt, Du wolltest kein Geplauder, sondern nach jeder Sendung "Erkenntnisgewinn". Und "mehr Frauen" einladen. Möglicherweise hängt das beides ja zusammen. Warum so schüchtern und nicht mal andersrum als bisher, etwa: drei Frauen und ein Mann, und zwar zu harten Themen wie Wirtschaft und Militärpolitik?

Ist schon in Ordnung. Journalismus sei gründlich erlerntes Handwerk und eine Frage der Haltung, hast Du vor zwei Jahren noch Alice Schwarzer erzählt. Vergiss nicht Deine guten Vorsätze und nimm Dich als Person zurück. Vielleicht macht es ja dann "pling" in den Köpfen von Programmverantwortlichen, und sie denken um und kommen endlich von diesen aufgeblasenen Personality-Shows weg. Dann dürftest Du sicher auch den dämlichen Allerweltstitel "Anne Will - politisch denken, persönlich fragen" ändern und würdest einen journalistischen Meilenstein in die Medienlandschaft setzen. Das wäre doch was richtig Neues. Was ganz Tolles.

Anne Will. Ab 16. September sonntags, 21.45 Uhr, ARD


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