Metro-Station Stalingrad

Frankreich Im Pariser Viertel "La Goutte d´Or" ist bei den Banlieue-Unruhen im Herbst nichts passiert. Von Glück wollen die Bewohner nicht reden

Wer an einem Samstagmittag die Métro-Station Château Rouge verlässt, braucht Geduld und Ellenbogen und bekommt sicherlich auch den einen oder anderen Stoß in die Rippen. Die Station ist schwarz von Menschen, und die Gendarmerie hat ihre Beamten sogar hier unten hingestellt. Oben würde man sich, wären da nicht die schönen alten Häuser des Boulevards und die winterlichen Temperaturen, eher in Timbuktu oder Nouakchott als in Paris glauben. Auch die Trottoirs sind gestopft voll, verstellt mit Waren und Krimskrams, der Kiosk vor der Station ist nur mit Mühe zu erreichen. Wenn man den Blick über die Menge hebt und auch die andere Straßenseite ins Auge fasst, wird man bald gewahr, dass Menschen weißer Hautfarbe die Ausnahme sind, Schwarze und Araber bilden die erdrückende Mehrheit auf Straßen und Gehsteigen.

Beten auf der Straße

Überall in Europa ist im vergangenen November und Dezember viel geschrieben worden über die Banlieues der französischen Vorstädte, in denen die Revolte der Kinder, der Immigrantenkinder aus dem Maghreb und Schwarzafrika, hoch kochte. Dieses Terrain hier, an der Station Château Rouge, ist eine heiße Zone innerhalb von Paris "intra muros", wie die 20 Arrondissements der Kernstadt auch genannt werden. Und mit dem französischen Hang zur Klassifizierung hat so eine Gegend auch ihren administrativen Code: Zone Urbaine Sensible (ZUS), sensibles Stadtviertel, städtische Problemgegend mithin.

Ich gehe ein kleines Stück den Boulevard hinunter und biege dann nach links in die Rue Myrha ein, die Schlagader des Quartiers, die das Gebiet der Goutte d´Or, des "Goldenen Tropfens" im Süden, von Château Rouge im Norden teilt.

Auf einer Fläche von nicht einmal einem halben Quadratkilometer leben in diesem Quartier rund 14.000 Menschen. Wie viele von ihnen Immigranten sind, ist nicht zu erfahren, weil es zu den Tabus der Republik gehört, dass die Religionszugehörigkeit oder die ethnische Herkunft französischer Staatsbürger irgendwo verzeichnet wird. Paris ist die am dichtesten besiedelte oder - bautechnisch ausgedrückt - die am meisten verdichtete Stadt Europas, und hier oben im 18. Arrondissement, im Norden und Osten der Stadt, ist die Verdichtung noch weit höher als in den besseren Vierteln im Süden und Westen. Zum Freitagsgebet wird die Rue Myrha auch schon einmal von der Polizei gesperrt, weil die beiden Moscheen des Quartiers häufig zu klein sind, um alle Gläubigen aufzunehmen, die dann also ihr Gebet auf der Straße verrichten.

Im zweiten Hinterhof eines Gebäudes aus dem 19. Jahrhundert besitzt ein Bekannter eine Atelierwohnung. In den Höfen herrscht eine beinahe Zillesche Idylle, die sich überraschend abhebt von der Hektik der heruntergekommenen Straße draußen. Ich bin mit Olivier Perret verabredet, einem jungen Ingenieur, der bei der Mairie von Paris, dem zentralen Rathaus, angestellt ist, in dem die meisten Kompetenzen (und die finanziellen Mittel) auch für die 20 Arrondissements angesiedelt sind. Er wohnt nebenan und hat sich früher hier im Quartier beruflich mit der Sanierung, dem Neubau und der Vermietung von städtischem oder teilweise städtischem Wohnraum beschäftigt. Doch ja - sagt er - das Freitagsgebet bei uns vor der Tür ist etwas Besonderes. Es ist halt so, dass nach dem Gesetz von 1905, das die Trennung von Kirche und Staat regelt, letzterer zwar Gotteshäuser, die zu diesem Zeitpunkt schon bestanden, unterhalten, aber keine neuen bauen darf. Das führt andererseits dazu, dass die Quellen, aus denen die Mittel zum Bau von Moscheen fließen, häufig im Dunklen bleiben.

Die Probleme hier? Nun ja, hohe Jugendarbeitslosigkeit, Drogen - obwohl in letzter Zeit weniger Heroin gedealt wird als früher -, Prostitution, und zwar schwarzafrikanische für Schwarze, sowie Schmuggel. Sein Quartier sei das einzige in Paris, wo es neben einer starken Polizeipräsenz sogar einen Posten der Zollfahndung gäbe. Nein, antwortet er auf meine Frage, ethnische oder rassische Konflikte gebe es kaum, ich hätte ja sicher die jüdischen Geschäfte am Boulevard gesehen, es handle sich ausschließlich um sephardische Juden, früher sei das hier ein stark von Juden bewohntes Viertel gewesen. Heute könnten die jüdischen Geschäfte ohne ihre arabische und afrikanische Kundschaft gar nicht existieren.

Über 5.000 Euro für den Quadratmeter

Man lebte stets mehr aneinander vorbei als miteinander. Innerethnische oder innerreligiöse Konflikte habe es dennoch gegeben: 1995 ist der Imam der radikalen Moschee der Rue Myrha erschossen worden. Dass die Sicherheit nach wie vor nicht unbedingt gewährleistet ist, lässt sich auch am Angebot der Mairie des 18. Arrondissements ablesen, die den Bewohnern des Quartiers seit letztem September zwischen 16 und 24 Uhr so genannte Nachtbetreuer zur Verfügung stellt, die jemanden nach Hause begleiten oder einen Streit schlichten.

Die Stadt müht sich, eine größere soziale Durchmischung der Wohnbevölkerung hinzukriegen, indem sie ungesunde Wohnungen und Häuser saniert und neue baut, man habe den Standard von etwa 80 Wohnungen in den vergangenen drei Jahren erheblich verbessert, berichtet stolz die Zeitung des 18. Arrondissements, die einmal im Quartal an alle Haushalte verteilt wird. Auch zwei neue Schulen sind hinzugekommen. Und 2006 geht es weiter. Das Journal du XVIIIème beschreibt, erklärt inständig und zeigt anhand eines Plans, wo überall im Verlauf dieses Jahres bis in den Herbst hinein Bau- oder Umbaubeginn sein wird. Die tristen Straßenzüge, Siedlungsblöcke und Sozialwohnungen, die da möglicherweise entstehen, weil die Planer es einfach nicht schaffen, Urbanität und menschengemäßes Bauen umzusetzen, sind die Kehrseite der Medaille. Die kann man auch weiter östlich im oberen Teil von Belleville in Augenschein nehmen, dem ehemaligen roten Arbeiterviertel, in dem sich einst die letzten Kämpfer der Kommune verbarrikadierten. Dieses Terrain wurde in den achtziger Jahren teilsaniert, und Olivier Perret meint, es sei trotz Prostitution und des hohen Anteils an maghrebinischer, schwarzafrikanischer und chinesischer Wohn- und Arbeitsbevölkerung schon längst keine "ZUS", kein Problemgebiet mehr. Die beiden sensibelsten innerstädtischen Quartiere seien zweifellos die Goutte d´or und die Gegend um die Métro-Station Stalingrad, ganz in der Nähe.

Aber zugleich machen die galoppierenden Immobilienpreise und Mieten allen Bemühungen zumindest teilweise einen Strich durch die Rechnung. Der Quadratmeter in Paris kostet derzeit im Schnitt über 5.000 Euro, und hier im Norden ist der Preis in der Relation viel stärker gestiegen als anderswo. So ziehen junge Familien weg. Aber es sind nicht nur die Wohnkosten, meint Isabelle, eine Soziologin aus der Nachbarschaft - der Lärm, die Enge, die immer übervollen Gehsteige, die mangelnde Sicherheit, kein Auslauf für Kinder. Hier bleibt man entweder hängen und gewöhnt sich ein wie in ein paar alte Schuhe oder man zieht bald wieder weg. In den Vororten lebt es sich viel billiger, das gilt für Immigranten genauso wie für junge weiße Familien, die dafür und für mehr Sicherheit und Ruhe lange Anfahrtswege zu Arbeit, Einkauf und Unterhaltung hinnehmen. Es ist schon ein wenig wie ein Teufelskreis. Auch nach den Unruhen in den Banlieues scheinen die Urbanisten noch keine Lösungen gefunden zu haben, um soziale Integration, menschenwürdiges Wohnen, einen von den Bewohnern angenommenen öffentlichen Raum und Sicherheit zu verbinden.

Der öffentliche Raum ist übervoll

Natürlich hat es auch hier im Quartier immer wieder Zoff gegeben. Dreimal wohl in den vergangenen zehn, zwölf Jahren, darin sind sich Isabelle und Olivier einig. Der Auslöser kann ein unbedeutender Anlass sein. Die tiefer liegenden Ursachen sind hohe Arbeitslosigkeit der Immigrantenkinder, schlechte Ausbildung, soziale Perspektivlosigkeit, Kriminalität, Banden, Schmuggel, Dealen. Und dann fährt die Staatsmacht zusätzlich zur hohen Polizeipräsenz mit Hundertschaften der CRS, also den kasernierten Spezialtruppen der Gendarmerie, auf. Das ganze Quartier in den Händen der bewaffneten Autorität des Staates, das verkauft sich dem Publikum außerhalb der Zones Urbaines Sensibles immer gut und gehört daher nicht umsonst zu den Lieblingsinstrumenten von Innenminister Sarkozy, der auch stets für mediale Präsenz sorgt. Die Polizei, aufgerüstet und sichtbar im Quartier, das ist sein Credo. Dafür werden in den Cités immer mehr Streetworker abgezogen, häufig selbst Immigrantensöhne, die das Gebiet und seine Jugendlichen kennen und zwischen Welten vermitteln, die immer weiter auseinander driften.

Und warum gab es hier im November keine Krawalle? Ganz einfach, weil es die riesigen Wohnmaschinen, die Ghettos nicht gibt. Weil zahlreiche Nachbarschaftshilfen präsent sind, die sich um Alphabetisierung, Schulaufgaben, Prostitution, Drogen und anderes kümmern. Weil die Respektspersonen nie allzu weit weg sind. Vor allem aber, weil der öffentliche Raum besetzt ist, von Jungen, von Erwachsenen, von Alten. Der öffentliche Raum ist stets übervoll. In den Cités haben an vielen Orten die Bewohner hingegen darum gebeten, die Bänke vor den Hochhäusern abzuschrauben, dort würden sich nur die Jugendlichen zusammenrotten - ansonsten benutze sie niemand. So geht öffentlicher Raum verloren.

Im Goutte d´Or ist das anders. Es ist nichts passiert im Herbst. Weil wir auch Glück hatten, sagt Isabelle, weil es einfach nicht die Stunde der Rebellion war.

Auf dem Tresen meines Bistros lege ich Faltblätter und Notizen ab. Wo sind Sie gewesen? fragt der Patron. In der Goutte d´Or. Wo? Beruflich. Ach so, ich verstehe. Wissen Sie was, ich gebe einen aus. Santé. Entspannen Sie sich erst einmal.


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00:00 17.03.2006

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