Metropole unter Quarantäne

SARS-Alltag in China Die Bauern im Umland von Peking schotten ihre Dörfer mit Barrikaden ab

Wer in dieser Stadt seit Jahrzehnten lebt, macht eine neue Erfahrung. Die chinesische Kapitale, mit rund zehn Millionen Einwohnern und drei bis vier Millionen Wanderarbeitern gewöhnlich zum Bersten voll, wirkt so leer wie nie. Die Angst vor SARS hält die Menschen in den Häusern, entvölkert die Straßen, die U-Bahnen und die öffentlichen Plätze. Nicht nur die Schulen, die Kinos, Theater und die meisten Bars sind geschlossen, sondern seit dem vergangenen Wochenende auch die "Verbotene Stadt" mit dem Kaiserpalast, viele Restaurants und Ausflugsziele. Auch die Schwimmbäder und andere Sportstätten haben dicht gemacht. Die Studenten wurden aufgefordert, in den Universitäten zu bleiben. Sie können ihren Campus nur noch mit einer Sondergenehmigung verlassen. Ausfahrten in die Vororte und die Berge sind auch nicht mehr möglich, weil die Bauern rund um Peking ihre Dörfer abschotten - mit tiefen Gräben auf den Landstraßen, Barrikaden und rund um die Uhr besetzten Wachposten. Gegen unerwünschte Besucher aus der Hauptstadt wird gelegentlich auch radikal vorgegangen, und Augenzeugen berichten von demolierten und abgefackelten Autos mit Pekinger Nummernschildern. Die Behörden dulden das stillschweigend, denn keiner will sich ausmalen, was passiert, wenn sich das aggressive SARS-Virus auch auf dem Lande ausbreitet, wo die hygienische Situation oft recht desolat ist und ein Gesundheitssystem kaum existiert.

Der Geschäfts- und Reiseverkehr ist inzwischen massiv eingebrochen. Obwohl die meisten internationalen Fluggesellschaften - darunter auch die Lufthansa - ihre Frequenzen nach China ohnehin stark reduziert haben und manche Linien ganz eingestellt wurden, sind die in Peking ankommenden Maschinen gähnend leer. Von täglich etwa 800 einheimischen und internationalen Flügen aus und nach Peking sind weniger als 100 übrig geblieben.

Und die Angst nimmt weiter zu. Zum Teil nährt sie sich aus der Gerüchteküche. Die Führung habe sich in den drei Autostunden von Peking entfernten Meeres-Kurort Beidaihe abgesetzt, wollen manche erfahren haben. Auch die Spekulationen über die Abriegelung der Stadt und die Ausrufung des Ausnahmezustandes wollen nicht verstummen, obwohl sie mehrfach dementiert wurden. Die Angst wächst aber vor allem, weil die Zahlen der Neuerkrankungen und der SARS-Toten, die jetzt alltäglich nachmittags um 16 Uhr - aufgeschlüsselt nach den einzelnen Stadtbezirken - von den Gesundheitsbehörden veröffentlicht werden, immer noch ansteigen. Die Anzahl der neuen Fälle hätte sich jetzt auf einer "Plattform" stabilisiert und würde in wenigen Wochen zurückgehen, suggerierte die Stadtregierung zu Wochenanfang. Aber viele wollen das nicht glauben. Sie vermuten, dass die veröffentlichten Daten noch immer geschönt sind und dass es noch schlimmer kommen könnte. Etwa, wenn sich von den rund 15.000 unter Quarantäne gestellten Verdachtsfällen in der Hauptstadt noch mehr als tatsächliche Infektionen erweisen würden. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt keine Entwarnung. Im Gegenteil: man bekomme noch immer nicht ausreichend statistisches Material über den Krankenstand, die Umstände der Infektionen und die Gegenmaßnahmen, klagen die Sprecher der WHO in der Stadt . Aus derselben Quelle hieß es, dass sich das SARS-Virus widerstandsfähiger zeigte als zunächst angenommen. So mutiert es nicht nur und ist damit schwer zu verfolgen, sondern hält sich beispielsweise auf Plastikflaschen bis zu 24 Stunden.

Die Behörden sind inzwischen offener, die Informationen transparenter geworden. Nachdem das wahre Ausmaß der zunächst in der Südprovinz Guangdong aufgetretenen atypischen Lungenentzündung Monate lang verschwiegen oder schöngeredet wurde, gibt es nun kaum noch ein anderes Thema in den Massenmedien. Es wimmelt von detaillierten Verhaltensmaßregeln zum Schutz vor einer Infektion, von Reportagen aus den Betrieben und Dienststellen und aus den für die Behandlung von SARS festgelegten Krankenhäusern. Reporter in Schutzanzügen und mit Gesichtsmasken berichten regelmäßig aus den Sperrgebieten, in denen mittlerweile rund 15.000 Menschen unter Quarantäne gestellt wurden, zumeist in ihren Wohnungen. Im Zentrum der Aufmerksamkeit und der Propaganda steht ein von Armee-Einheiten in nur sieben Tagen errichtetes Nothospital im Stadtteil Xiaotangshan. Es verfügt über mehr als 1.000 Betten, Mitte der Woche war schon die Hälfte belegt. Rund 1.200 Ärzte und medizinisches Personal hat die Armee abgestellt, um in Xiaotangshan und anderen SARS-Krankenstationen Dienst zu tun. Es könnten noch mehr werden, denn viele Schwestern, vor allem aber Pflege- und Reinigungskräfte weigern sich aus Angst vor der Ansteckung, auf den SARS-Stationen zu arbeiten und bleiben lieber zu Hause. Vielleicht - mutmaßen hier viele - reichen die Krankenstationen für SARS-Fälle schon bald nicht mehr aus. Nur wenige geben sich zuversichtlich, dass die Infektionswelle in einigen Wochen abklingen könnte - vielleicht Ende Juni, heißt es, aber glauben will daran niemand so recht.

00:00 09.05.2003
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