Milchreis auf Postkarte

Berliner Abende Kolumne

1996 war mein erstes Jahr in Berlin, und es war das erste Mal, dass ich in einer WG wohnte. Es war überhaupt das erste Mal, dass ich nicht zuhause wohnte. Zuhause hatte ich ein Zimmer mit meinem Bruder geteilt, und das war nicht immer einfach gewesen, vor allem dann nicht, wenn der eine Musik hören und der andere lesen wollte. Insofern hatte ich also schon ein wenig WG-Erfahrung, auch wenn es sich nur um eine familieninterne WG-Erfahrung handelte.

Ich weiß gar nicht mehr, wie ich das Zimmer damals bekommen habe. Wahrscheinlich über einen Aushang an der Uni oder eine Anzeige, die ich im tip oder in der Zitty gesehen hatte. Die Wohnung war in der Winsstraße schräg gegenüber von Kaiser´s im dritten Stock. Im Hinterhof stand eine große Kastanie. Es gab insgesamt fünf Zimmer, in denen wir zu viert wohnten.

Meine Mitbewohner waren zwei Mädchen und ein Matrose. Ich hatte bis dahin geglaubt, Matrosen lebten nur in Städten wie Hamburg, Bremen oder Kiel, wenn sie nicht zur See fahren, aber offensichtlich gab es auch Matrosen in Berlin. Die beiden Mädchen waren ungefähr so alt wie ich. Bettina, die Betty genannt wurde, studierte Kunstgeschichte, wollte aber eigentlich Malerin werden. Ich habe sie allerdings nie malen gesehen, und sie hat mir auch nie ein Bild von sich gezeigt. Dafür hat sie mir an einem Nachmittag Aktphotos von ihren Exfreunden gezeigt. Ich weiß nicht, warum sie das getan hat, habe mir die Bilder aber trotzdem angeschaut. Ich wollte nicht unhöflich sein. Die Photos waren ein wenig wie antike Torsos. Entweder der Kopf oder die Arme oder ein Teil der Beinen fehlten. Das Wichtigste war aber immer zu sehen. Es gab Bilder mit Vorder- und welche mit Rückansichten.

Eines Nachts stand einer dieser Exfreunde vor der Tür. Er war betrunken und klingelte über eine Stunde lang, und wir konnten alle nicht schlafen, aber Betty wollte ihn auf keinen Fall hereinlassen und mit ihm reden. Mein Zimmer lag direkt neben der Wohnungstür, und irgendwann setzte er sich vor sie auf den Boden und begann zu erklären, warum er Betty noch immer liebe und weshalb sie es noch einmal miteinander versuchen sollten. Ich lag in meinem Bett, hörte ihm zu und fragte mich, welche Vorder- und Rückseite von den Photos wohl zu dieser Stimme gehörte.

Am nächsten Morgen war Betty der nächtliche Zwischenfall sehr unangenehm und sie entschuldigte sich, obwohl sie ja nichts dafür konnte. Sie kochte dann für uns alle einen großen Topf Milchreis. Es war ein sehr leckerer Milchreis, weil sie ihn mit Vanillezucker süßte und zum Schluss einen ganzen Becher geschlagene Sahne unterrührte.

Auch wenn Betty und ich nicht viele Gemeinsamkeiten hatten, mochte ich sie sehr gerne. Als ich einmal krank und mit Fieber im Bett lag, brachte sie mir eine riesige Schüssel gezuckerte Erdbeeren. Es war überhaupt keine Erdbeerenzeit, und ich fragte sie, wo sie so viel Erdbeeren aufgetrieben habe, mitten im November. Sie lächelte und sagte, das sei ein Geheimnis und in zwei Tagen wäre ich wieder gesund. Sie hatte Recht. Nach zwei Tagen war ich wirklich wieder gesund.

Das andere Mädchen hieß Veronika und hatte am selben Tag wie mein Bruder Geburtstag. Sie hatte grüne Haare, blaue Augen und benutzte einen pinken Lippenstift, der nach Himbeere schmeckte. Ich wusste das, weil ich ihn im Bad einmal ausprobiert hatte. In ihrem Zimmer lief die ganze Zeit Drum `n Bass, auch dann, wenn sie nicht zuhause war. Jedes zweite Wochenende fuhr sie auf Raves, die über mehrere Tage gingen und die auf verlassenen Militäranlagen in Brandenburg oder an der Ostsee stattfanden. Gedanklich lebe sie eigentlich auf Goa, wie sie mir erzählte, nur ihr Körper befände sich in Berlin. Ihr Zimmerboden war komplett mit Rindenmulch bedeckt, und sie schlief in einer Hängematte. Ich interessierte mich zwar nicht sonderlich fürs Putzen, fragte mich aber schon, wie sie ihr Zimmer reinigte.

Ein Jahr lang habe ich mit Betty und Veronika und dem Matrosen, der eigentlich nie da war, zusammengewohnt. Auch wenn uns nicht viel verband, kamen wir gut miteinander aus. Vielleicht würden wir noch immer dort wohnen, aber dann wurde das Haus saniert, und wir mussten ausziehen. Veronika fegte den Rindenmulch in einen blauen Müllsack und streute ihn im Hof um den Stamm der Kastanie. Wir packten unsere Sachen in Kisten und Betty schenkte mir zum Auszug eine Postkarte mit einer Erdbeere drauf. Auf die Rückseite hatte sie das Rezept für den Milchreis geschrieben.

Wir haben damals zwar unsere neuen Adressen und Telefonnummern ausgetauscht, getroffen haben wir uns nie. Aber immer wenn ich Milchreis esse, muss ich an sie und mein erstes Jahr in Berlin denken.


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