Milliarden von Menschen können sich nie satt trinken

Weltressource Wasser Durch Klimawandel und Bevölkerungswachstum wird sich der Pro- Kopf-Vorrat schon im nächsten Jahrzehnt um ein Viertel verringern

Es gab keine verbindliche Abschlussdeklaration. Dennoch wird die Internationale Süßwasserkonferenz, die am Wochenende in Bonn zu Ende ging, als Erfolg betrachtet. Sie war ein Plädoyer für die gerechtere Verteilung und den sparsameren Umgang mit der Ressource Wasser. Der Formel - Wasser ist Leben, ohne Wasser keine Entwicklung - konnte sich niemand entziehen. Doch ein wirksames internationales Wassermanagement steht aus.

Wasser ist unabdinglich für das Wohlbefinden der Menschen und den Schutz der Natur. Die Verfügbarkeit von sauberem Trinkwasser entscheidet über Leben und Tod - die von wirtschaftlichem Nutzwasser über Prosperität oder Verelendung. Wasser kann Anlass kriegerischer Konflikte sein. Kein Wunder, dass die Bonner Wasserkonferenz die Nachhaltigkeit der Wassernutzung - vor allem des "Wasserdargebots" - so vehement in das öffentliche Bewusstsein zu rücken suchte.

Bis 2050 wird die Weltbevölkerung nach UN-Prognosen bei 9,4 Milliarden Menschen liegen (mittlere Variante), doch schon heute - bei 6,1 Milliarden - ist das Wasser in vielen Teilen der Welt äußerst knapp, haben 1,1 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser, müssen 2,4 Milliarden ohne angemessene sanitäre Anlagen auskommen, sind laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) mehr als drei Milliarden (!) Menschen von wasserbedingten Krankheiten betroffen. Allein in Afrika sterben pro Jahr zwei Millionen an Krankheiten, die durch verseuchtes Wasser hervorgerufen werden - das ist mehr als halb Berlin.

Die "nachhaltige" Entwicklung unserer Wasserressourcen kann daher nur bedeuten, sauberes Trinkwasser und sichere sanitäre Verhältnisse für alle zu garantieren, und parallel dazu, für den Wasserbedarf von Industrie und Landwirtschaft zu sichern, was gebraucht wird. Wer ein wirksames Wassermanagement anstrebt, wird - daran ließ Bonn keinen Zweifel - nach einer "globalen" Wasserstrategie suchen müssen.

Das "globale" Wasserproblem erscheint dabei in zwei Grundkonfigurationen: Wasserknappheit und -verschmutzung. Ersteres wird zunächst durch natürliche Faktoren verursacht - etwa Trockenheit und Dürre, andererseits durch den sogenannten "Wasser-Stress" - die Folge einer rivalisierenden Nachfrage. Wasserknappheit korrespondiert zudem mit wachsenden Bevölkerungszahlen sowie grassierender Verstädterung. Unter diesen Umständen kann - bezogen auf Besiedlungsquoten - nur in sehr unterschiedlichem Maße über Frischwasser verfügt werden.

In Asien liegt heute der Wasservorrat pro Kopf bei weniger als 50 Prozent des Weltdurchschnitts. In Afrika sind Wasserressourcen unzureichend erschlossen oder regional höchst ungleich verteilt. In Nord- und Südamerika wie im GUS-Raum erscheinen - gemessen an der tatsächlichen Nachfrage - die Wasservorräte generell groß, es gibt jedoch auch hier von Region zu Region teilweise ein beachtliches Gefälle. Was Europa betrifft, so ist - wie in Asien - sein Anteil an der Weltbevölkerung größer als der am Weltwasservorrat, doch wird dies durch ein relativ stabiles Klima mit regelmäßigen Regenfällen kompensiert. Demgegenüber ist bekanntermaßen die Regenhäufigkeit etwa in Nordafrika, der Sahelzone oder auf der Arabischen Halbinsel großen Schwankungen unterworfen.

Die angedeuteten natürlichen Grenzen verfügbarer Wasserreservoire werden durch Faktoren wie Bevölkerungswachstum, Urbanisierung, agrarischer und industrieller Progress überlagert. Daneben existiert das Phänomen des "Wasserverlustes", in den entwickelten Ländern gehen immerhin 25 Prozent der Ressource im Verteilungssystem verloren - in den wenig entwickelten teilweise bis zu 50 Prozent.

Hohe Bevölkerungsdichte hat in einigen Teilen der Welt zu rücksichtsloser Abholzung der Wälder geführt, wodurch Bodenerosion, Dürre oder Überschwemmungen verursacht werden. Rund sechs Millionen Hektar Land degenerieren jährlich zu Wüste. Mit der Entwaldung des Amazonas-Gebietes ändern sich die hydrologischen Bedingungen, das heißt, es wird eine geringere Verdunstung und demzufolge geringere Niederschlagsmengen geben. Künstliche Bewässerung, für die in der Welt prozentual das meiste Wasser verwendet wird, trägt durch die damit einhergehende Verdunstung ebenfalls zur Wasserknappheit bei - nicht zuletzt, weil in etlichen Regionen auch Grundwasservorräte für die Bewässerung angegriffen werden.

So bleibt als Fazit, angesichts der Klimaverhältnisse wie der Bevölkerungsprognose bestehen kaum noch Zweifel, dass sich der global vorhandene Wasservorrat pro Kopf schon im nächsten Jahrzehnt um ein Viertel verringert - in Quoten ausgedrückt, der stabile, nachhaltige Teil des Wasserdargebots wird vermutlich von durchschnittlich 3.000 auf 2.300 Kubikmeter pro Kopf und Jahr sinken. Die Vorräte für einige Länder wie China und die USA, die bereits jetzt wasserarm sind, werden sich weiter verringern, während beispielsweise Bangladesh über ein wachsendes Potenzial verfügen kann. Um das Bild abzurunden: 1975 mussten sich 20 Entwicklungsländer mit einem theoretischen Wasservorrat von knapp 500 Kubikmetern pro Kopf und Jahr bescheiden, was weniger als 200 Kubikmeter an tatsächlichem Wasserangebot bedeutete. 2000 hatte sich die Zahl dieser Länder um zehn erhöht - und es gibt mindestens acht Kandidaten, die sich bis 2025 zu jener Kategorie gesellen werden. Neben diesen 38 Staaten dürften weitere 16 von relativer Wasserarmut betroffen sein - eine Einstufung, die von weniger als 1.000 Kubikmeter Wasservorrat pro Kopf und Jahr ausgeht.

Doch die Sorge um das Wasser beschränkt sich nicht auf dessen Quantität; sie gilt zunehmend auch seiner Qualität. Unsere Wasservorräte sind inzwischen durch Schadstoffe extremen Belastungen ausgesetzt, die beim Grundwasser vielfach irreversibel sind. Als Verursacher wirken sowohl organische Stoffe wie auch anorganische Salze sowie Metalle, Nährstoffe, Gase, Radionuklide, Pestizide, bis hin zu Mikroorganismen. Derartige Verschmutzungen entstehen über "Punktquellen" und "mobile Quellen"; als erstere gelten industrielle oder kommunale Abwässer, als "mobile Quellen" Pestizide, Nitrate und Phosphate wie "saurer Regen". Unangepasste Bewässerungstechniken führen außerdem in vielen Ländern zu großflächiger Versalzung und Versauerung der Böden; die Schätzungen bewegen sich in einer Größenordnung von bis zu 1,5 Millionen Hektar pro Jahr. Besonders gefährlich für die menschliche Gesundheit ist eine fortgesetzte Verseuchung des Grundwassers mit Nitrat - verursacht durch Massentierhaltung mit entsprechend massenhaftem Gülle-Aufkommen, das die Pufferfunktion der Böden überfordert. Weite Landstriche Europas, der USA und der ehemaligen UdSSR sind davon betroffen.

Hinzu kommt eine Verseuchung der Oberflächengewässer durch unzureichend behandelte Abwässer aus Industrie und Haushalten. Trotz erheblicher Investitionen in Kläranlagen unterliegen Flüsse und Seen der zunehmenden Eutrophierung (*). Die Phosphatausfällung (als dritte Reinigungsstufe bei Kläranlagen) ist teuer, technisch noch nicht überall Standard und dementsprechend wenig verbreitet. In den Metropolen vieler Entwicklungsländer ist die Kapazität von Kläranlagen völlig erschöpft, unzureichend oder sogar teilweise ausgefallen. Die Wasserverschmutzung ist also nicht nur eine Frage des Industrialisierungsgrades und demzufolge nicht auf Industrieländer beschränkt. Neben dem Störfaktor Landwirtschaft gibt es die mit einer ausufernden Urbanisierung einhergehenden Herausforderungen "Abfall und Abwasser", wobei in diversen Entwicklungsländern bis heute jegliche gesetzliche Grundlage fehlt, sie anzunehmen.

(*) gesteigerter Pflanzenwuchs

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00:00 14.12.2001

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