Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln

Schillernd und umstritten über den Tod hinaus Am 21. Februar vor 40 Jahren wurde der afroamerikanische Aktivist und Theoretiker Malcolm X ermordet

Malcolm X ist zweifellos die schillerndste Figur der amerikanischen Schwarzenbewegung des 20. Jahrhunderts, und selbst vierzig Jahre nach seinem Tod werden die Debatten um seine Person nicht weniger leidenschaftlich geführt als zu seinen Lebzeiten. Während ihn einige als fanatischen Hitzkopf und "Rassisten mit umgekehrten Vorzeichen" abtun, gilt Malcolm X anderen als einer, der den Schwarzen den Stolz auf ihre eigene Geschichte zurückgegeben hat und Vorbild war für den furchtlosen Kampf gegen den Rassismus in den USA der fünfziger und sechziger Jahre. Dass sein intellektuelles Erbe nach wie vor so unterschiedlich interpretiert wird, liegt nicht zuletzt an den vielfältigen politischen Wendungen und Positionsveränderungen, die Malcolm X im Laufe seines Lebens vollzogen hat.

Frühe Traumatisierung

Malcolm Little, so sein bürgerlicher Name, wurde am 19. Mai 1925 in Omaha, Nebraska, geboren. Schon in frühester Kindheit machte er traumatische Erfahrungen mit dem US-amerikanischen Rassismus, als der Ku-Klux-Klan sein Elternhaus niederbrannte. Auch wenn sich der Rassismus häufig nicht in unmittelbarer physischer Gewalt manifestierte, waren Afroamerikaner doch ständiger Diskriminierung ausgesetzt: Sie durften nicht wählen, sie mussten bis in die sechziger Jahre nach Hautfarbe segregierte Schulen besuchen und öffentliche Verkehrsmittel benutzen.

In seiner Autobiographie schildert Malcolm X, wie er nach dem Schulabbruch als junger Mann die Laufbahn als Kleinkrimineller einschlug; 1946 schließlich verhaftete ihn die Polizei, und er verbüßte eine Gefängnisstrafe, die sein Leben entscheidend verändern sollte. Dort nämlich begegnete er Mitgliedern der Nation of Islam (NOI), einer Gruppe, die von Elijah Muhammed geleitet wurde, die nur Schwarze aufnahm und die sich auf das kulturelle Erbe Afrikas bezog. In der Weltanschauung der NOI trat der "weiße Mann" als "blauäugiger Teufel" auf die Weltbühne, und in diesem Bild kulminierten die negativen Erfahrungen, die Malcolm X mit den weißen Rassisten gemacht hatte.

Fortan verschlang er Bücher. Beflügelt vom Drang, die rassistischen Stereotype und Praktiken wissenschaftlich zu bekämpfen, eignete er sich während der Haftzeit autodidaktisch ein enormes Wissen an. Malcolm Little legte seinen bürgerlichen Nachnamen ab und ersetzte ihn durch ein X, Symbol für die unbekannten Wurzeln und Namen seiner afrikanischen Vorfahren.

Gegenspieler von Martin Luther King

Als Malcolm X 1952 entlassen wurde, engagierte er sich aktiv in der NOI und avancierte aufgrund seiner rhetorischen Fähigkeiten zu einem vielgefragten Redner. Mit Malcolm X bekam Martin Luther King jr., der bekannte Bürgerrechtler, einen ernsthaften politischen Gegenspieler. Während King für gewaltlosen zivilen Ungehorsam und für eine gleichberechtigte Integration der afroamerikanischen Bevölkerung plädierte, vertrat Malcolm X eine viel militantere Position.

Anstatt geduldig darauf zu warten, von den Weißen in ihre Reihen aufgenommen zu werden, hielt Malcolm X es für legitim, sich auch mit unfriedlichen Mitteln gegen rassistische Angriffe zu verteidigen. Seine Aufforderung, "by any means necessary", mit allen dazu notwendigen Mitteln auf das Ende rassistischer Diskriminierung hinzuwirken und das Recht auf bewaffnete Selbstverteidigung zu behaupten, wurde zur theoretischen und praktischen conditio sine qua non des radikalen Kampfes der Schwarzen. Malcolm X adaptierte dabei die Überzeugung der NOI, dass der Integration der Schwarzen in die weiße Gesellschaft die tief verwurzelten weißen Ressentiments entgegenstünden. Dagegen setzte er einen "schwarzen Nationalismus" und die ökonomische und soziale Autonomie der afroamerikanischen Bevölkerung. Erst gegen Ende seines Lebens sollte er sich von der Theorie des "black nationalism" lösen.

Sexist und Antisemit

Auch in anderen Fragen übernahm er Positionen der NOI, beispielsweise in Bezug auf Frauen und Juden. Frauen räumte er innerhalb der Organisation der NOI eine nur untergeordnete Position ein, und mit seinen reaktionären Vorstellungen von "starken Männern" und "schwachen, zerbrechlichen Frauen" musste er sich den Vorwurf gefallen lassen, zwar gegen Rassismus zu kämpfen, aber ein Sexist zu sein. Schwarze Feministinnen wie Patricia Hill Collins und Bell Hooks nehmen ihn allerdings in Schutz und weisen darauf hin, dass sich seine Position im Laufe der letzten Lebensjahre entscheidend geändert habe. Nun maß Malcolm X den Fortschritt einer Gesellschaft am Grad der Gleichberechtigung der Frauen und wirkte darauf hin, dass Frauen in der von ihm gegründeten Organization for African-American Unity (OAAU) eine bedeutende Rolle spielten. Die "triple oppression", die Tatsache, dass afroamerikanische Frauen nicht nur ökonomischer und rassistischer Diskriminierung, sondern auch sexistischer Unterdrückung ausgesetzt sind, wurde Grundlage seines theoretischen Denkens.

Ein anderer Kritikpunkt, der gegen Malcolm X vorgebracht wurde, war sein in der Zeit bei der NOI kultivierter Antisemitismus. In Reden monierte er den angeblich wachsenden Einfluss jüdischer Geschäftsleute auf die Black Community. Nach seinem Austritt aus der NOI reflektierte Malcolm X allerdings seine antisemitischen Äußerungen und scheute sich nicht, sie als reaktionäre Unterdrückungsideologie zu brandmarken. Darin unterschied er sich deutlich von der NOI, die nach der Übernahme der Leitung durch Louis Farrakhan ihre antisemitischen Vorurteile auf die Spitze trieb. In der neu gegründeten Zeitung Final Call finden sich in fast jeder Ausgabe krude antisemitische Verschwörungstheorien, die "die Juden" für die Unterdrückung der Schwarzen verantwortlich machen und eine allgegenwärtige jüdische Einflussnahme auf die Weltgeschehnisse herbeiphantasieren.

Konflikt mit der "Nation of Islam"

Am 4. Dezember 1963 wurde Malcolm X von der Nation of Islam suspendiert. Ausgelöst wird dieser Rausschmiss durch Reden, in denen Malcolm X immer weniger auf religiöse Themen Bezug nahm, sondern vielmehr die politischen und sozialen Probleme der AfroamerikanerInnen thematisierte. Persönliche Konkurrenz und divergierende politische Ansichten zu Elijah Muhammed führten dazu, dass seine Reden immer seltener in der NOI-Zeitung Muhammed Speaks abgedruckt und seine Aktivitäten ab Ende 1962 sogar komplett verschwiegen wurden.

Malcolm X nahm die Beendigung seiner Karriere in der NOI Ende 1963 zum Anlass, eine Pilgerreise nach Mekka zu unternehmen, eine weitere, folgenreiche biographische Zäsur. Auf dieses "Erweckungserlebnis" hin folgte die Gründung von zwei neuen Organisationen, einer religiösen, der Muslim Mosque, und einer politischen, der OAAU. Damit verabschiedete sich Malcolm X auch von der stark biologistisch gefärbten Sichtweise der NOI, die die Weißen per se zu Rassisten erklärte. Malcolm X gelangte dagegen zu einer strukturell orientierten Analyse, die Vorurteile als ideologische Effekte einer auf Ungleichheit und Ausbeutung beruhenden Gesellschaftsordnung begreift. "Der weiße Mann", erklärte er, sei "nicht von Grund auf böse, sondern die amerikanische rassistische Gesellschaft beeinflusst ihn, schlecht zu handeln. Die Gesellschaft hat eine Psychologie hervorgerufen und genährt, die das niederste und schlechteste im Menschen hervorbringt."

Neue Bündnispolitik

In seinem letzten Lebensjahr versuchte Malcolm X mit Hilfe der OAAU den Zusammenhang von globalem Imperialismus, rassistischer Diskriminierung und sozialer Ungleichheit hervorzueben und kooperierte dabei mit Gruppen unterschiedlichster politischer Couleur, die nur das Ziel verband, die bestehende Gesellschaft emanzipatorisch zu verändern: "Meiner Meinung nach", begründete er diese neue Bündnispolitik, "lebt die junge Generation der Weißen, Schwarzen, Braunen und aller anderen Hautfarben in einer Zeit des Extremismus, einer Zeit der Revolution, einer Zeit, wo etwas verändert werden muss. Ich werde mich jedem anschließen, egal welche Hautfarbe Du hast, solange Du diese miserablen Lebensumstände, die auf dieser Welt existieren, verändern willst."

Malcolm X blieb nicht viel Zeit, seine neuen Erkenntnisse zu verbreiten: Am 21. Februar 1965 wurde er während einer Rede im New Yorker Audubon Ballroom von Anhängern der NOI erschossen. Sein Tod fällt in eine Periode wachsender Radikalisierung der Schwarzenbewegung. Gruppen wie die 1966 gegründete Black Panther Party sahen sich mit ihrem ebenfalls reklamierten Recht auf Selbstverteidigung und mit ihrer Anklage des US-amerikanischen Rassismus in unmittelbarer Nachfolge von Malcolm X und als Bewahrer seines intellektuellen Vermächtnisses. Doch nicht nur politische Gruppen legten ein Bekenntnis zu Malcolm X ab, auch Rapmusiker wie Public Enemy oder KRS-1 beziehen sich in ihren Texten auf ihn. Spike Lees 1992 herausgekommener Film "X" vermittelt vor allem der jüngeren Generation der Afroamerikaner die Ideen, die vor vierzig Jahre die schwarze Welt in Bewegung setzten.

Mit der Neuübersetzung der 1993 von Alex Haley herausgegebenen Autobiographie von Malcolm X stieg auch hier zu Lande das Interesse an seiner Person, auch wenn andere Originaltexte von ihm bis heute nur auf Englisch greifbar sind.

In den USA ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Malcolm X intensiviert worden, seitdem Manning Marable 2001 an der Columbia-University in New York ein multimediales Forschungsprojekt etabliert hat. Die dort gesammelten schriftlichen Quellen und die Gespräche mit Freunden und Zeitgenossen bieten die Möglichkeit, die Erinnerung an eine einflussreiche und gleichzeitig umstrittene Persönlichkeit wachzuhalten und erneut mit ihr in Auseinandersetzung zu treten. Unsere Zeit, die Neokolonialismus und Rassismus wieder auf die Agenda setzt, gäbe hierzu Anlass genug.


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00:00 18.02.2005

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