Mit diesem kleinen Ton im Hals

Lied von der Grossen Kapitulation Warum ist der Osten so ruhig?

Es mag zwei Jahre her sein, vielleicht sogar länger, als die Wochenzeitung Die Zeit in bemerkenswert großen Buchstaben fragte: "Warum ist der Osten so ruhig?"

Zunächst fiel da auf, dass ihr das auffiel. Gleich danach fragte ein Ostler sich, was sie da denn meine mit "ruhig". Immerhin hatte man einige Jahre zuvor gegen die Schließung von Bischofferode die ganze Welt zusammengerufen; war zum Papst gefahren, war von den Thüringer Bergen runter zu Fuß 467 Kilometer nach Berlin gelaufen und hatte mit geschwollenen, sogar blutigen Füßen in der Leipziger Straße - dort quartierte die Treuhand als legitime kriminelle Vereinigung, die durch Birgit Breuel das Volkseigentum des Landes verhökerte - zum Protest gerufen.

Warum also nach Jahr und Tag die fast provozierende Frage: "Warum ist der Osten so ruhig?" Jeder wusste doch, wie die Sache endete. Und wie sie Jahre danach sogar endet, wenn der Osten plötzlich im Westen einen nicht mehr erhofften Freund hat, einen 40 Jahre lang beschworenen Bruder, der nicht für ein Linsengericht das Erstgeburtsrecht zu bekommen sucht. Dass es nach 13 Jahren diesen einen Bruder tatsächlich im Westen gab, dass er einen Namen hatte: Jürgen Peters. Dass er ein weltberühmtes Schild trug - IG Metall; dass er selbst das berühmte Schild war, weil er es zum Schutzschild machte in Erinnerung, dass die im Osten tatsächlich einmal seine Brüder und Schwestern waren, was erst 13 Jahre her war. Dass man sie also nicht weiter so demütigen durfte, dass es einer Zeitung in Hamburg einfiel zu fragen: "Warum ist der Osten so ruhig?"

Vielleicht sollte ich bei dieser Gelegenheit ein knappes Gespräch wiedergeben, das Brecht mit einem westdeutschen Journalisten führte, der ihn fragte: "Warum machen Sie Ihre Stücke so lang, Herr Brecht? Soviel Zeit im Theater zu verbringen, haben die Leute doch nicht." - "Ich mache sie für Leute in einer Gesellschaft, in der sie nur noch vier bis fünf Stunden arbeiten und dann drei bis vier Stunden im Theater sitzen können", antwortete Brecht, "das konnten sie nämlich bei Shakespeare vor 500 Jahren im elisabethanischen Zeitalter, und da gab es noch nicht diese modernen Maschinen, die ihnen die Arbeit verkürzen."

Weil der Journalist dieser Erklärung etwas verdattert gegenüber stand, war ihm Brecht wegen der Antwort behilflich und klärte ihn mit seiner berühmten chinesischen Höflichkeit auf. "Die Handwerksmeister von damals setzten ihre Arbeiter noch nicht mit diesem entmenschten Zwangsgesetz der Konkurrenz unter diesen mörderischen Druck, sie waren nämlich ihre Gesellen; und Shakespeares Theater fand auf den Marktplätzen für das ganze Volk statt. Dort rief er ihnen in den Königsdramen die ganze Verkommenheit der Mächtigen ins weitgeöffnete Ohr."

Was den Fortschritt in 500 Jahren betrifft - der nicht nur im Sinne von Brecht, sondern im konkreten Sinn des Begriffs REFORMEN nicht Verschlechterung für die Gesellschaft, sondern "Verbesserung des Bestehenden" bedeutet und "nicht einen Fortschritt, der ein Fortschreiten von der Menschheit ist" -, vertritt Jürgen Peters allerdings nicht zurückschreitende reaktionäre "Reformen" aus dem 18. Jahrhundert, sondern höchste Modernität, indem er der Notwendigkeit gehorcht und nicht dem Profit. Und vielleicht befürchtet der recht weit-, zumindest nicht kurzsichtige Jürgen Peters auch die Gefahren von einem selbst produzierten Terrorismus, wenn die jetzige Geschichte rückläufig triumphieren will.

Was der über höchste Modernität verfügende Jürgen Peters sich aber nur in Albträumen vorstellen konnte, ist die VERFASSUNG der Leute, die vor 13 Jahren noch für fünf Mark Eintritt in Brechts Theater saßen und nach einem Jahr "Freiheit und Demokratie" auf dem Asphalt lagen und Brechts LIED VON DER GROSSEN KAPITULATION, das sie in einem roten Sessel aus Sammet noch vor einem Jahr in seinem Theater gehört hatten, plötzlich IHR Lied war.

Und bevor ein Jahr war abgefahren Lernte ich zu schlucken meine Medizin. Als sie einmal mit mir fix und fertig waren Hatten sie mich auf dem Arsch und auf den Knien. Und vom Dach der Star Pfiff: Noch kein Jahr.

Und du marschierst in der Kapell im Gleichschritt, langsam oder schnell Und bläsest deinen kleinen Ton: Jetzt kommt er schon. Und jetzt: das ganze schwenkt! Der Mensch denkt: Gott lenkt - Keine Red davon!

Mit diesem kleinen Ton im Hals, der längst auf seinen Knien lag vor den neuen Herren, hörte ich aus dem Mund von Frauen in das vorgehaltene Mikrophon sagen: "Wir sind keine Streikbrecher. Warum sollen wir wegen drei Stunden mehr in der Woche streiken? Wir sind keine Streikbrecher. Wir wollen doch nur unsere Arbeit nicht verlieren; wir sind doch froh, dass wir noch Arbeit haben, bei so viel arbeitslosen Menschen. Wir sind auch nur Menschen und wollen unsere Arbeit behalten, nichts weiter." Nach dieser Antwort gab es im Radio ein Loch, ein kurzes allseitiges Schweigen. Weil das Mikrophon danach nicht von allein wegging, sagte eine Frau: "Wir bekommen auch Weihnachts- und Urlaubsgeld." Die Angst, die aus dem schnellen nachgeschobenen Satz kam, blies aus ihrer Stimme jenen kleinen Ton, den Brecht im Lied von der großen Kapitulation beschreibt, und setzte seine Hoffnung auf der Erde nur noch auf die niedergefallenen Knie.

Denn DAS ist gerade das Ziel, und das wussten auch diese Frauen, die sich so tief in die Tasche logen, dass sie in ewiger Angst leben sollen, das erhält sie brav, so brav, dass man schon im vorigen Jahr fast unbemerkt ein Gesetz verabschiedete, das es einem Unternehmer erlaubt, seinen Angestellten zu verabschieden, fristlos, wenn er sich lauthals gegen ihn verhält. Das braucht der Arbeitgeber sich nicht gefallen zu lassen, sagt das neue Recht, das neue Gesetz.

Heiner Müller sah dieses Recht voraus, als er vor zehn Jahren schrieb: "Die Arbeitslosigkeit geht durchs Land als ein neues Gespenst der Furcht, das keine Stasi braucht, um die Menschen einzuschüchtern."

Einschüchterung gehört in so hohem Maße zur Freiheit des Geldes, dass Freiheit ohne Geld überall eilt, ihre Insolvenz anzumelden, und Solidarität zu einem Gespenst geworden ist, das jetzt lauthals Strafe fordert gegen Jürgen Peters. Die bis auf den Grund der Seele eingeschüchterten Frauen bei BMW und anderswo haben aber auch eine Freiheit, muss man sagen. Sie hatten die Freiheit, die alte Solidarität aus der DDR an den Nagel zu hängen und sich freiheitlich zu verhalten, demokratisch, ohne Dissens, wenn sie nicht auf der Straße liegen wollten.

Im Radio hörte ich über Jürgen Peters sagen, dass er nicht anders als Politiker an seinem Sessel kleben würde. Das hieße aber nur: "Gegner tauschen Eigenschaften aus!" Das sollte die IG-Metall dem aussitzenden Herrn Zwickel, dem aussitzenden Herrn Schröder und ihrem käuflichen Anhang sagen, der bereit ist zu jeder Sauerei. Denn gewaschene Sauerei ist es, jetzt von einem "dummen, aberwitzigen Streik" zu reden. "Aberwitzig" war es, Deutschland auf solche Weise zu vereinigen, dass schon zwei Millionen aus dem Osten geflohen sind, und die Vereinigung es ist, die sie vertreibt.

Solange also der Konsens in Deutschland gilt: "Alle sind gleich, aber einige sind gleicher", braucht das Land, brauchen die Bürger Leute wie Jürgen Peters. Denn nur durch diesen ersten Versuch und seine große Niederlage bekommt die Frage "Warum ist der Osten so ruhig?" ihre kommende Antwort: "Die Ruhe ist eine besondere Form der Bewegung." Diese Weisheit gehört zu den Gesetzen der Physik. Niemand entkommt ihr.

Käthe Reichel ist Schauspielerin, sie war Schülerin Bertolt Brechts und spielte lange Zeit am Berliner Ensemble.

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00:00 18.07.2003

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