Mitarbeiter des Jahrzehnts

Porträt Gregor Gysi führt seit 2005 die Linksfraktion im Bundestag. Was passiert nur, wenn er aufhört?
Mitarbeiter des Jahrzehnts
Selbst parteiinterne Kritiker wissen: Niemand ist so charismatisch wie er

Foto: Manfred Segerer/Imago

Schon als Kind liebte Gregor Gysi den großen Auftritt. Er synchronisierte DEFA-Filme, und wenn er im Kino seinen Namen im Abspann sah, war er ungeheuer stolz. Seine Eltern rechneten fest damit, dass der Sohn Schauspieler werden würde. Doch er entschied sich für eine Karriere als Anwalt, später für die Politik. Die große Bühne könnte Gregor Gysi demnächst verlassen: Weggefährten glauben, dass er beim Parteitag Anfang Juni bekannt geben könnte, er werde nicht mehr als Chef der Linksfraktion im Bundestag kandidieren. Der 67-Jährige selbst will dazu nichts sagen.

Gregor Gysi ist für die Linkspartei Übervater, Impulsgeber und Hoffnungsträger in einem. Viele in der Partei hoffen, dass er sich die Sache mit dem Aufhören noch einmal überlegt. „Alle halten sich mit Planspielen zurück, wie es nach ihm weitergehen kann“, sagt ein Insider. „Die Debatte will keiner.“ Würde die Nachfolgediskussion offensiv geführt, könnte das den Fraktionschef darin bestärken, sich zurückzuziehen. In der vergangenen Woche haben die Vorsitzenden der Ost-Landesverbände Gysi bei einem Gespräch bestärkt, wenigstens bis zur Bundestagswahl 2017 weiterzumachen. In Berlin, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sind im kommenden Jahr Wahlen. „Was wir brauchen, ist Stabilität und sind möglichst wenig Konflikte“, sagt Birke Bull, Landesvorsitzende in Sachsen-Anhalt. Allerdings soll sich der Landesverband Mecklenburg-Vorpommern zurückgehalten haben. Von dort kommt Dietmar Bartsch, der dem rechten Parteiflügel angehört und eigene Ambitionen auf die Fraktionsführung hat. Etliche in der Linkspartei fürchten, dass heftige Flügelkämpfe ausbrechen, wenn er gewählt wird. Ursprünglich sollten Bartsch und die Partei-Linke Sahra Wagenknecht Gysi beerben. Doch Wagenknecht will nicht mehr, seitdem die Fraktion im Bundestag einem Griechenland-Paket zugestimmt hat.

Bislang hat sich Gysi erfolgreich dagegen gestemmt, dass eine Frau neben ihm gleichberechtigt an der Fraktionsspitze steht. Bei den Grünen war eine nach Geschlechtern quotierte Doppelspitze selbst zu Zeiten des machthungrigen Joschka Fischer eine Selbstverständlichkeit. Bei der Linkspartei gehen im Zweifel die Interessen geltungssüchtiger Männer vor. Eigentlich sollte im Herbst die Doppelspitze kommen.

Charismatisch wie niemand sonst

In einem sind sich die meisten aus der Linkspartei einig: Ersetzen kann den charismatischen Gysi niemand. Selbst seine Kritiker räumen ein, dass der wortgewaltige Anwalt auf Plätzen und in Talkshows Menschen weit über sein eigenes politisches Spektrum hinaus erreicht. Dann erklärt er den Zuhörern präzise und eingängig die Welt, und vor allem, wie sie besser werden könnte.

Mit Gregor Gysi wird alles gleich ein bisschen glamouröser. Ihn umgibt die Aura des Polit-Stars. Er kommt aus einer politischen Familie mit prominentem Anhang. Ein Großvater übersetzt bei den Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk im Ersten Weltkrieg. Ein Onkel heiratet die berühmte Schriftstellerin Doris Lessing und wird später DDR-Diplomat. Die Eltern werden von den Nationalsozialisten verfolgt und leisten Widerstand gegen das NS-Regime. Später bauen sie die DDR mit auf, Vater Klaus wird Kulturminister, Botschafter und Kirchenbeauftragter. Sohn Gregor wächst in einem liberalen großbürgerlichen Elternhaus auf, lernt Rinderzüchter, studiert und wird danach der jüngste Anwalt der DDR. Er verteidigt Oppositionelle, einige von ihnen fühlen sich im Nachhinein von ihm verraten.

Bis heute gibt es keinen Beweis dafür, dass Gysi als Informeller Mitarbeiter für die Stasi gearbeitet hat. Doch immer wieder werden Vorwürfe laut, auch wenn Gysi entschlossen juristisch gegen sie vorgeht. Dass dieses Thema regelmäßig aufflammt, ist auch eine Folge von Gysis instrumentellem Umgang damit. Sein Freund André Brie, der lange als wichtiger Parteistratege galt, hatte als IM gearbeitet, das der Partei aber verschwiegen – obwohl er es nach Beschlusslage hätte offenbaren müssen. Gysi wusste davon, deckte Brie.

Aufhören und zurückkehren

Schon zu Beginn der 90er Jahre hatte Gysi den Parteivorsitz aufgegeben, ohne damit Einfluss zu verlieren. Im Jahr 2000 verabschiedete er sich zum ersten Mal aus der Fraktionsführung der damaligen PDS. Daran werden viele Alt-PDSler denken, wenn sie in der kommenden Woche zum Parteitag nach Bielefeld reisen. Im 60 Kilometer entfernten Münster hatte Gysi damals am Ende eines Parteitags seinen Rückzug erklärt. Kurze Zeit später kandidierte er als Bürgermeister für Berlin. Doch er wurde nur glückloser Wirtschaftssenator. Im Klein-Klein des politischen Alltags verlor Gysi schnell die Lust am Regieren und warf bei erster Gelegenheit die Brocken hin. Offiziell trat er zurück, weil er Rabatte auf Flugreisen, die er als Bundestagsabgeordneter erworben hatte, regelwidrig privat verwendet hatte. Die PDS scheiterte bei den Bundestagswahlen 2002 an der Fünf-Prozent-Hürde, die Partei errang nur zwei Direktmandate. Das dritte, das von Gysi, fehlte. Er hatte nicht kandidiert.

Im Jahr 2005 kehrte Gysi mit großem Karacho zurück: Gemeinsam mit dem ehemaligen SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine gründete er eine neue Partei mit altem Alleinvertretungsanspruch: „Die Linke“. Gysi und Lafontaine führten Gewerkschafter, abtrünnige Sozialdemokraten und undogmatische Linke aus dem Westen mit der PDS zusammen, die im Osten stabil, aber im Westen ein Haufen ehemaliger Mitglieder kommunistischer Kleingruppen und andere Sektierer geblieben war.

Als sich die neue Partei formierte, herrschte im linken Lager Aufbruchstimmung. Davon ist wenig geblieben. Zehn Jahre steht Gysi nun an der Spitze der Bundestagsfraktion, erst gemeinsam mit Lafontaine, dann als alleiniger Tonangeber. Für Beobachter ist das auf Dauer etwas langweilig. Für ihn vielleicht auch.

06:00 29.05.2015
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