Möblierte Projektionen c/o Kessel

Alltag Über das Mietverhältnis als sensiblen Gegenstand

Meine Vermieterin ist verschwunden. Das ist insofern unangenehm, als ich umzuziehen gedenke und ihr meinen geordneten Rückzug aus halbwegs ungeordneten Verhältnissen anzeigen möchte. Aber, wie gesagt, sie ist vom Erdboden verschluckt.

Dazu muss man wissen: Mechthild R., sesshaft im Süddeutschen, ist seit rund zehn Jahren Eigentümerin des Domizils, das aber bewohnt ist von einer Frauen-WG mit wechselnder Belegung, deren Besatzungsrechte weit vor die Zeit von Mechthild R. reichen. Der Grund ihres Kaufs damals war, so vermuten wir, dass ein gewisser Herr Nussberg, ihr kleiner an Pittbull mit Brille erinnernder Lebensgefährte, im Vorderhaus des gleichen Objekts sitzt und die R. zur Geldanlage in Form eines Eigentumserwerbs fernab der Heimat überredete, vielleicht auch presste (so sieht er nämlich aus). Herr Nussberg ist Berliner Orthopäde und die R., so vermuteten wir immer, geht im Süddeutschen derselben Profession nach.

Da sie, die R., nun nicht nach dem Rechten sehen konnte oder wollte, hatte er, der Nussberg, ein Auge auf die zahlreichen Damen, die in der nicht allzu großen Wohnung seiner Angetrauten im Hinterhaus Platz fanden; unter ihnen war auch mal eine angehende Psychoanalytikerin, die es fertig brachte, in ihrem zwölf Quadratmeter-Zimmer Klienten zu behandeln vermittelst einer gegen die Wand hochklappbaren Couch. Ich weiß nicht, wie weit dem Herrn Nussberg ein ordnendes Schema gelang, vier Frauen in einer WG mit verschiedenstem Herrenbesuch und mit ständig wechselnden Frisuren sind ja nicht leicht zu überblicken.

Zu der Zeit, als ich einzog, standen noch Roswitha Kessel und Susanne Knopf im Mietvertrag, wohnten aber schon lange nicht mehr dort. Dafür aber Erika Lidl, die aus eherechtlichen Gründen woanders gemeldet war und fällige Überweisungen und Briefwechsel je nach dem mit R. Kessel oder S. Knopf unterschrieb. Am Klingelschild standen alle: Kessel, Knopf, Spanisch (das war die Psychoanalytikerin, schon ausgeschieden, aber es kam noch Post für sie), Erika Lidl und ihre angeheiratete Familie, die woanders wohnte und mit Nachnamen anders heißt als sie. Nur ich stand nicht dort und das hatte auch seine gemäßigt zwielichtigen Gründe.

Unsere Eigentümerin selbst, die in regelmäßigen, aber weiten Abständen vorne bei Nussberg zu Besuch war, traf ich nur einmal von Angesicht zu Angesicht. Das war, als die WG nach etlicher Zeit die mietvertraglichen Dinge ein wenig ins Lot bringen wollte. Vermieterin R. saß an unserem Küchentisch, neben Pittbull Nussberg zusammengesunken, still, langhaarig, in unserem Alter und verdammt depressiv. Erika, die beim letzten R.-Besuch noch die Roswitha gegeben hatte, trat jetzt als legale Erika auf, Juliane, die inoffiziell aber glücklich zwei Jahre mit uns lebte, fungierte formal als Roswitha, ließ sich aber entschuldigen, und ich war ich und gab an, jetzt für die Susanne einziehen zu wollen, was ich unserer Eigentümerin schon vorher per Brief angekündigt hatte, in dem ich mich als gute Freundin der WG vorstellte und poetisch den wunderbaren West-Ausblick mit Sonnenuntergangspanorama als größten Vorzug der Wohnung lobte.

Nun also, wir wollten alles ändern und ein freundlicheres Verhältnis zur besitzenden Klasse pflegen, so ändern sich die Zeiten. Mit wachsendem Wohlstand reduzierten wir die Zahl der Mieterinnen auf drei, dann auf übersichtliche zwei, Frau R. aber schien allerhöchstens zu einer, mit bestem Willen nur subliminal zu nennenden Form der Interaktion bereit - was uns auch recht sein sollte. Während der sieben (offiziell sechs) Jahre, die ich dort wohnte, hat sie nicht ein Mal die Miete erhöht, zwei Mal die Nebenkostenabrechnung vergessen, und keinen der Mietvertragsergänzungsbögen mit den Namen neuer Bewohnerinnen ihrerseits unterschrieben zurückgeschickt. Bei finanziellen Investitionen einigten wir uns knapp auf halbe-halbe, der Briefwechsel war spärlich und von vorsichtiger Diplomatie durchzogen.

Irgendwann dann trumpfte die zwar noch im Haus, aber nicht mehr in der WG wohnende Erika mit der sensationellen Neuigkeit auf: sie habe Herrn Nussberg samt einer Dame Hand in Hand die Treppe aufsteigen sehen, und diese Dame sei definitiv nicht Frau R. gewesen. Was liegt näher, als nun zu denken, dass fürderhin unser Mietobjekt für die R. zum Emblem schmerzlichster, wenn nicht gar traumatischer Erinnerung werden würde - mithin sie an unsere Existenz zu erinnern nur hieße, in ihren Wunden zu wühlen. Wir sind mitfühlend und wie wahr, der spärliche Kontakt versiegte vollends - wir bezahlten pünktlich, und für den Rest hatte sie uns scheinbar aufgegeben.

Jetzt will ich aber die WG verlassen, möglichst ohne viel Geräusch, um nicht die schlafende Hündin zu wecken, denn jede größere Eruption könnte daran erinnern, dass unsere Miete mittlerweile ziemlich günstig ist. Aber die Zeiten sind auch nicht mehr so, dass ich auszöge und den mir nachfolgenden Frauen meinen Namen vermachte, wie dereinst Roswitha Kessel, die offiziell überdies immer noch unsere Stromrechnung bezahlt. Nein, es soll ordentlich zugehen.

Im Mietvertrag, den ich jetzt aus gegebenem Anlass einmal in Augenschein genommen habe, dürfte mittlerweile archivarischen Wert haben, in ihm ist weder von einer Eigentümerin R. die Rede, noch erscheint einer der Namen der Mieterinnen des letzten Jahrzehnts, es findet sich ein Zusatzvertrag unterschrieben mit Kessel (sieht sehr nach Erikas Handschrift aus), Knopf und Spanisch. Ich weiß, dass ich auch mal einen Ergänzungsbogen unterschrieben habe, damals, als ich unserer Eigentümerin das erste und letzte Mal begegnete, und ich erinnere mich, dass sie ein Exemplar an mich hatte zurückschicken wollen. Ob das noch existiert? Kurzum: Der Mietvertrag ist Methusalem und die Kündigungsfrist unsererseits gigantisch.

Und nun ist die R. verschwunden. Sie antwortet nicht auf Briefe und E-Mails, ihre Adresse ist nicht im Telefonbuch verzeichnet, unter ihrer Nummer meldet sich eine anonyme T-Net-Box, bei den Eigentümerversammlungen des Hauses - ich habe nachgefragt - wurde sie auch schon lange nicht mehr gesehen, und überhaupt gibt es auch gar keine Orthopädie-Praxis ihres Namens an dem Ort, den sie als ihren Wohnsitz angegeben hat, nur ein Sonnenstudio. Sollte unsere Vermieterin gar nicht promovierte Ärztin sein? (Sie hat sich nie gegen den Doktor in der Anrede gesträubt.) Vielleicht ist sie einsam verstorben oder hat die Wohnung längst verkauft und wir wissen es nicht? Oder sie hat einen neuen Liebhaber und ihr ist sowieso alles egal? Ja, wer ist Mechthild R. und gibt es sie überhaupt? Wir stehen vor einem Rätsel. Und die Namen, die in diesem Text verwendet wurden, sind natürlich sämtlich Fake.


Hinweis der Redaktion: Der in diesem Online-Beitrag verwendete Name Mechthild R. stimmt nicht mit dem in der Druckausgabe vom 23.7.2004 überein. Diese Änderung haben wir vorgenommen, weil der im Beitrag fiktiv verwandte Name mit einer lebenden Person übereinstimmt, die nichts mit der Sache zu tun hat.

00:00 23.07.2004

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