„Moral ist hier nicht das Thema“

Streit In der Steuer-Affäre um Alice Schwarzer gab es harsche und sehr oft persönliche Angriffe auf die Feministin. Unser Autor sagt: Hört auf damit!
Anatol Stefanowitsch | Ausgabe 07/2014 9

A usgerechnet ein Mann: Professor Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler aus Berlin, ist einer der wenigen, die sich in der Steuer-Affäre um Alice Schwarzer klar hinter die altgediente Feministin stellen. In seinem Blog hat er sich mit den häufigsten Vorwürfen, Fragen und Angriffen auseinandergesetzt, die auf Schwarzer jetzt einprasseln – und er hat eigene Erwiderungen darauf formuliert. Wir baten ihn, sein (fiktives) Gepräch mit der Schwarzer-kritischen Öffentlichkeit hier bei uns fortzuführen.

„Bei Alice Schwarzer wiegt die Steuerhinterziehung besonders schwer, weil sie eine moralische Instanz ist oder sich immer als solche aufgespielt hat.“

Wenn von einer Person des öffentlichen Lebens bekannt wird, dass sie Steuern hinterzogen hat, fordern manche sofort mehr Moral – während andere sich eher in ihrer Meinung bestätigt sehen, dass Moral sowieso nur gepredigt, aber nicht gelebt wird. Bei Bankdirektoren und Sportmanagern gehen wir ohnehin nicht von einer auffällig ausgeprägten Moral aus. Umso größer ist bei manchen die Freude, dass jetzt scheinbar eine Moralistin als Moralpredigerin enttarnt ist.

Aber der Schein trügt: Alice Schwarzer hat ihr Leben nicht der Moral gewidmet, sondern der Forderung nach Gleichberechtigung und Gleichbehandlung von Frauen. Diese Forderung lässt sich logisch aus dem allgemeineren Gebot der Menschenwürde herleiten. Wer dazu nicht in der Lage oder nicht willens ist, mag das als moralische Position (miss-)verstehen. Schwarzer hat sich bei der Begründung ihrer Forderungen immer auf nachvollziehbare Argumente berufen, die sie in bislang 19 Büchern und Hunderten von Zeitungsartikeln dargelegt hat. Man kann ihre Argumente teilen oder nicht, kann einigen zustimmen und andere ablehnen. Aber keines ihrer Argumente bezieht seine Gültigkeit daraus, dass Alice Schwarzer ein besonders guter Mensch ist oder das von sich selbst behauptet.

„Aber ihre Forderungen wären glaubhafter, wenn sie sich in Steuerfragen korrekt verhalten hätte.“

Wer das sagt, gibt damit mehr über seine Einstellung zum Feminismus preis als über seine Einstellung zu Steuern und Moral. Wenn Frauen sich die Forderung nach Gleichberechtigung und Gleichbehandlung erst verdienen müssen, indem sie besonders gute Menschen sind, ist in Sachen Geschlechtergerechtigkeit tatsächlich noch sehr viel zu tun.

Aber es ist ohnehin fraglich, inwieweit es in der Diskussion wirklich um Schwarzers Steuermoral geht. Zu leichtfertig wird ihre Selbstanzeige in eine Reihe mit Fällen gestellt, die durch die Ermittlungsbehörden ans Licht gezerrt werden mussten. Und zu geflissentlich wird übergangen, dass Schwarzer sehr offen einen Wandel ihrer Werte zugibt: „Ganz ehrlich: Auch mein persönliches Unrechtsbewusstsein hat sich an dem Punkt erst in den letzten Jahren geschärft“, schrieb sie in ihrem umstrittenen Blogbeitrag zum Thema. Andere haben in vergleichbaren Fällen versucht, den Eindruck zu erwecken, sie hätten ihr Konto schlicht vergessen.

„Sie macht anderen Menschen Vorschriften und will sich selbst nicht an Vorschriften halten.“

Die Wörter „Frauenrechte“ und „Steuerrecht“ enthalten beide das Wort „Recht“, aber damit hört die Ähnlichkeit schon auf. Die Gleichberechtigung und Gleichbehandlung von Frauen, für die Alice Schwarzer eintritt, sind keine „Vorschriften“, sondern strukturelle Eigenschaften menschlicher Gesellschaften – oder eben nicht. Interessant ist aber Folgendes: Für die Ratschlagplattform das-tut-man-nicht.de hat Schwarzer einmal die Frage beantwortet, ob es in Ordnung sei, eine Hartz-IV-Empfängerin auf deren Wunsch schwarz als Putzfrau zu beschäftigen. Ihre Antwort war eindeutig: Da der Staat es einer Hartz-IV-Empfängerin zu schwer mache, sich etwas dazuzuverdienen, halte sie die Schwarzarbeit in diesem Fall für gerechtfertigt. Diese Einstellung kann man teilen oder nicht, sie ist jedenfalls ein schönes Beispiel dafür, wie man steuerliches und moralisches Wohlverhalten gegeneinander abwägen und zu dem Schluss kommen kann – aber natürlich nicht muss! –, dass ein Regelbruch manchmal vielleicht das kleinere Übel ist.

„Auf dem Schweizer Konto lagen 3,5 Millionen. Woher hat sie so viel Geld? Das passt doch nicht zu einer Ikone der Frauenbewegung!“

Warum denn nicht? Alice Schwarzer ist seit über vierzig Jahren Bestsellerautorin. Das hat es ihr schon 1977 ermöglicht, einen eigenen Zeitungsverlag zu gründen. Offensichtlich ist sie nicht nur als Feministin und Publizistin talentiert, sondern auch im Umgang mit Geld. Wenn sie einem Bettelorden angehören würde, wären die Millionen vielleicht ein Problem. Aber auch wenn es das Vorstellungsvermögen des durchschnittlichen männlichen konservativen und selbstzufriedenen Feuilletonisten übersteigt: Man kann für Frauenrechte sein und dabei auch das Recht von Frauen meinen, viel Geld zu verdienen.

„Heißt es jetzt eigentlich SteuerhinterzieherInnen oder Steuerhinterzieher_innen?“

In der Emma wird das Binnen-I verwendet. „SteuerhinterzieherInnen“ wäre nach dortigem Duktus also „richtig“. Davon abgesehen ist diese vermeintliche Scherzfrage ein Beispiel für den anti-feministischen Spott, der sich durch die gesamte Diskussion um einen ansonsten recht trivialen Fall von Steuerhinterziehung zieht. „Jede Steuererklärung braucht einen Mutigen, der sie ausfüllt“: Das war dagegen eine gelungene Satire, denn sie stellt Schwarzers Steuervergehen in einen Zusammenhang mit ihrer durchaus fragwürdigen Werbekampagne für die Bild.

„Darf man Feministinnen denn gar nicht kritisieren?“

Natürlich darf man das. Und Mann tut das ja auch seit vielen Jahren – ausgiebig, mit viel Genuss und ganz ohne Steuerskandale. Allerdings würde es die Kritik glaubhafter machen, wenn sie nicht ständig mit misogynen Scherzen verbunden wäre. Gerade Alice Schwarzer vertritt starke Positionen mit klaren Argumenten, die zu Diskussion und Kritik geradezu einladen. Nur rutschen die sebst ernannten „Feminismuskritiker“ bei ihr noch schneller als sonst ins Persönliche und Beleidigende ab. „Mannweib“ oder „Emanze“ sind übliche Beschimpfungen für eine Frau, die ihren vermeintlichen Platz nicht kennt.

Was Schwarzer sich schon alles anhören musste, auch als man sie noch für eine brave Steuerzahlerin hielt, geht noch weit darüber hinaus: „Miss Hängetitt“, „Sex-Appeal einer Straßenlaterne“, „feministisches Funkenmariechen“, „Männerhasserin“, „frustrierte Tucke“, all das war in deutschen Medien über sie zu lesen. Wer Feministinnen im Allgemeinen oder Alice Schwarzer im Besonderen kritisieren will, hat im Grunde nur ein einziges Problem: Er muss sich ganz weit hinten anstellen.

„Für den Feminismus ist die Affäre gut: Schwarzers Alleinvertretungsanspruch wird nicht länger akzeptiert werden. Endlich können jetzt auch andere Feministinnen mal zu Wort kommen!“

Wenn Alice Schwarzer die einzige Feministin im deutschen Fernsehen ist – oder zu sein scheint –, dann liegt das zum einen an der mächtigen Stellung, die sie sich in vierzig Jahren erarbeitet hat. Unbeirrt von einer medialen Altherrenfront, die sie als Witzfigur behandelte, und unbeirrt von der feministischen Generation nach ihr, die ihr unter anderem Sexismus und Rassismus vorwirft. Beide Fraktionen mögen sich manchmal an der Art ihres Auftretens stoßen, manchmal auch zu Recht. Ihre inhaltlichen Aussagen sind oder waren aber immer eine Bereicherung der Diskussion. Alice Schwarzers vermeintliche mediale Allmacht liegt auch an der allwöchentlich dokumentierten Fantasielosigkeit der Talkshow-Redaktionen. Die kann man ihr aber nicht vorwerfen.

„Und was können wir jetzt aus all dem lernen?“

Alice Schwarzer hat sich stets für eine Gesellschaft eingesetzt, in der Frauen die gleichen Rechte haben wie Männer. Dass es ihr als Frau – zumal mit diesem Anliegen – gelingen konnte, ausreichend Geld zu verdienen, um eine Steuerhinterziehung lohnend erscheinen zu lassen, ist in diesem Sinne eine gute Nachricht. Auch, dass der Staat seine Steuern bei ihr mit genau derselben Unerbittlichkeit eintreibt wie bei der langen Reihe von Männern vor ihr, ist eine gute Nachricht. Beides zeigt, wie viel die Frauenbewegung in Deutschland erreicht hat. Die schlechte Nachricht ist, dass es in der Diskussion eine so große Rolle spielt, dass sie Frau und Feministin ist. Denn das zeigt, wie viel die Frauenbewegung leider noch nicht erreicht hat.

Anatol Stefanowitsch, geboren 1970 in Berlin, setzt sich als Linguist mit den logischen Tücken der Sprache auseinander. Er lehrt am Institut für Englische Philologie der Freien Universität Berlin und bloggt bei sprachlog.de sowie unter astefanowitsch.tumblr.com


AUSGABE

06:00 26.02.2014
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