Moralisch einwandfrei

Beweisarmut Die "kritische Unternehmensgeschichte" zu Bertelsmann genügt ihrem eigenen Anspruch nicht

Kritische Berichte über Medienunternehmen kann man auf sehr verschiedene Arten schreiben. Entweder schleust man sich verdeckt ein, wie einst Günter Wallraff bei Bild, oder man kennt den Laden aus eigener früherer Praxis, wie Wolf Schneider bei seiner Gruner+Jahr-Story, oder man recherchiert von außen und versucht so viel als möglich Internmaterialien aufzutreiben und die Beteiligten zu interviewen. Dann aber hat man das Problem, das Gehörte gegenprüfen zu müssen, und in besonders brisanten Fragen tut man sogar gut daran, die andere Seite mit den eigenen Erkenntnissen zu konfrontieren, um ihre Stellungnahme zu berücksichtigen und spätere Klagen zu vermeiden.

Doch der Soziologe und Politologe Hersch Fischler, der nach seinen aufsehenerregenden Veröffentlichungen zur NS-Geschichte von Bertelsmann in den neunziger Jahren mit dem Konzern in Konfrontation steht, erklärt im Vorwort unumwunden, dass er sich gar nicht erst um Gespräche mit Bertelsmann-Repräsentanten bemüht habe, sondern sich auf die Befragung von - nicht näher definierten -"Experten" konzentriere und die "Diagnose der Befragten dann einem Abgleich mit zuverlässigen Informationen aus anderer Quelle" unterziehe. Sein Anliegen ist es, gemeinsam mit dem Kommunikationsforscher Frank Bökelmann "Unbekanntes, Verdrängtes und Verstecktes" aus den dubiosen Praktiken des Medienkonzerns ans Tageslicht zu bringen, da die Öffentlichkeit angeblich "nahezu blindlings der Selbstdarstellung des Konzerns vertraue", einem Konzern, der für sich "eine moralisch einwandfreie Haltung gegenüber jeglichen Geschäften" (so der Werbetext des Verlages) in Anspruch nehme.

Doch bei näherer Betrachtung bleibt von dem großen Anspruch der Autoren nur recht wenig übrig. Es beginnt schon beim ersten großen Kapitel, das sich dem "Fall Thomas Middelhoff" und seinem plötzlichen Abgang als Vorstandschef im Sommer 2002 widmet. Angeblich soll der langjährige Starmanager nicht wegen unterschiedlicher Vorstellungen über die Ausrichtung des Konzerns ausgeschieden sein, sondern weil man bei der Eigentümerfamilie Mohn befürchtet habe, dass er wegen fragwürdiger Geschäfte beim beteiligten Internetanbieter AOL ins Fadenkreuz der US-Ermittler geraten könne, da gerade wegen Bilanzfälschung und Anlegerbetrug ermittelt werde. Middelhoff sei zur "existentiellen Bedrohung" des Konzerns geworden. Implizit legen die Autoren damit nahe, dass hier ein Krimineller vorsorglich aus dem Verkehr gezogen worden sei. Doch jeglichen Beweis dafür bleiben sie schuldig. Ein Vermutungsartikel aus der Washington Post ist die einzige Grundlage für ihre Spekulation. Dabei wäre es möglich gewesen, bei der amerikanischen Wertpapier- und Börsenaufsichtsbehörde SEC nachzufragen. Sie hat nämlich in der Sache tatsächlich ermittelt, auch Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit Ring-Geschäften in den USA festgestellt, doch nichts, was sie Bertelsmann oder Middelhoff anlasten könnte.

So geht es im Buch weiter. Immer wieder wird das Bild des "moralisch einwandfreien Weltkonzerns" bemüht, obwohl es keine konkreten Belege für derartige Selbstaussagen gibt, und dann wird die ruppige oder konfuse Geschäftspraxis dem gegenübergestellt und die partielle Dummheit des Konzerns vorgeführt. So auch im Kapitel "Medienunternehmen oder Gemischtwarenladen?". Dort wird beispielsweise behauptet, der Programmleiter des Bertelsmann-Buchclubs, Peter Schaper, habe 2003 in den USA bei einer großzügigen Einkaufstour das Achtfache für Rechte eines US-Autors gezahlt, der längst beim eigenen Konzernverlag Random House verpflichtet gewesen sei. Auch hier hätte eine Anfrage beim Betroffenen schnell Klarheit gebracht, denn Schaper hat weder direkte Autorenverträge in den USA geschlossen, wie behauptet, was international auch jeder Club-Praxis widersprechen würde, noch hat er sich so plump über den Tisch ziehen lassen. Wenn das Unternehmen wirklich derart trottelig agieren würde, wäre es kaum weltweit so erfolgreich.

Auch die generellen Einschätzungen der beiden Autoren zum deutschen Buchmarkt, die sich wieder einmal auf nicht näher benannte "Experten" stützen, gehen an der Wirklichkeit vorbei. Es ist zum Glück bisher keineswegs so, dass die Supermärkte und Internetanbieter den Sortimentsbuchhandel an den Rand drücken und wir in Deutschland einen Verdrängungswettbewerb erleben, der schlimmer als in den USA ist, so dass sich nur noch durchsetzen kann, wer Sonderkonditionen gewährt. Hierfür setzt die gesetzliche Ladenpreisbindung bekanntlich klare Grenzen. Wenn die branchenfremden Autoren dies schon nicht richtig einschätzen können, so hätten doch wenigstens die beiden im Vorwort gelobten Lektorinnen an dieser Stelle Halt rufen müssen.

So ist letztlich ein Buch entstanden, das in seiner "Praxis" hinter den eigenen "Proklamationen" zurückbleibt, genau das, was die Autoren die ganze Zeit Bertelsmann vorwerfen. Dies ist besonders schade, da man sich als kritischer Mediennutzer gern einen erhellenden Blick hinter die Fassade des Medienimperiums gewünscht hätte.

Frank Bökelmann, Hersch Fischler: Bertelsmann. Hinter der Fassade des Medienimperiums. Eichborn, Frankfurt am Main 2004, 352 S., 19,90 EUR


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00:00 12.08.2005

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