Münchhausens Schloss

Kehrseite Wie weit ist es wohl noch bis Windischleuba? Sebastian trabte an einem Septembertag 1949 neben seiner Mutter her, die einen kleinen Handwagen zog, ...

Wie weit ist es wohl noch bis Windischleuba? Sebastian trabte an einem Septembertag 1949 neben seiner Mutter her, die einen kleinen Handwagen zog, worauf ein Federbett lag, eine Ersatzhose und was ein Junge braucht, der in Zukunft nur jede zweite Woche nach Hause kommen würde. Wie weit?, fragte er die Mutter. Wir sind gleich da, dort hinten siehst du schon den Turm. Sebastian sah eine Birkenallee und die Zinnen einer Ritterburg.

Hier soll ein Dichter gewohnt haben, hatte Sebastian gehört. Der hatte Münchhausen geheißen wie der mit der Kanonenkugel. Soll aber nicht der gewesen sein. Jetzt gehört das Schloß allen, hatte der Vater gesagt. Sie wurden von einer weißhaarigen Frau empfangen. Das war die Heimleiterin, zu der alle Mutti sagen sollten.

Sag og Mutti, ermunterte ihn seine richtige Mutti. Als sie dann mit dem Handwagen wieder nach Ehrenhain ging, sah ihr Sebastian noch lange nach.

Die Mutti vom Heim ging mit Sebastian durch das Schloß, eine hohe Wendeltreppe, die sich im Turm nach oben schlängelte, führte bis unters Dach. Sie schauten in jedes Zimmer, in das Jagdzimmer mit der Bildtapete, ins gotische Zimmer, in die Rokoko-Zimmer, in die Bibliothek, in das Musikzimmer. Dabei querten sie immer wieder den Kreuzgang. Der verband die ganze Etage im ersten Stock. Vom Kreuzgang aus konnte man sich nicht verlaufen, wenn man aber eine Nebentür öffnete und immer weitere, dann war man verloren.

Sebastian erkundete bald die kleinen Treppen und Hinterstuben, die Nischen und Zwischenböden und hatte immer wieder Mühe, zum Kreuzgang zurückzufinden. Überall traf er zum Glück auf Mädchen und Jungen verschiedenen Alters. Die fragte er, wenn er nicht weiterwußte. Die ältesten Schüler gingen in die zehnte Klasse, Sebastian in die sechste.

Die Heimmutti zeigte ihm den Schlafraum, einen großen Saal mit einer Empore, an deren Wänden ovale Bilder von Kaisern und Königen hingen. Rechts und links vom Eingang standen zwei hölzerne Pferde, die hatten eine Eisenrüstung an. Darauf saßen zwei Ritter. Zwischen den zwei Rittern stand Sebastians Bett.

Das ist Sebastian Pictura, sagte die Mutti zu zwei Jungen. Die waren jetzt seine Klassenkameraden. Der eine hieß Peter und wurde von dem anderen, der Winkelwurscht hieß, Sir David Lindsay genannt. Die beiden hatten schon ein Jahr Internat hinter sich. Sie kannten sich in allem gut aus. Jeder besaß mit den anderen zusammen ein Radieschenbeet im Schloßpark, sie wußten, wie man beim Gartenhaus - Buhlemanns Haus genannt - in den Obstgarten kam, wie die Betten gemacht werden mußten, wer der Freundschaftsratsvorsitzende der Jungen Pioniere war, bei wem man sich Bücher ausleihen konnte. Winkelwurscht konnte sehr gut mit dem Katapult schießen, und Sir David Lindsay war ein Gelehrter. Pictura wurde gleich in alles Wichtige eingeweiht: Die Mutti verwahrte in einem Körbchen, das sie stets bei sich trug, die Schlüssel zu allen Räumen, Frau Demmich war die Köchin, und ihr Mann Richard wurde von allen Kollege genannt. Er war der Hausmeister. Die Schule stand oben im Dorf, Sebastian würde sie morgen sehen ...

Im Kreuzgang hing neben der bronzenen Uhr das Bild des großen weisen Führers der Menschheit, Jossif Wissarionowitsch Stalin. Winkelwurscht sagte später mal zu Sebastian: Und du hast gesagt, der Name Stalin gibt dir Kraft! Da war´s aber schon zu Ende.

Aber gemach.

Das Bild hatte Edwin Tülk gezeichnet mit einem dicken gelben Bleistift der Stärke 6 B. Alles war ganz deutlich zu sehen, besonders der Schnurrbart - Durfte man bei Stalin von Schnurrbart reden? Pictura umging den Ausdruck, wo er konnte, er fand aber keinen würdigeren. Oberlippenbart war noch nicht erfunden -, dann die Tabakspfeife, die kurzen vollen Haare, die sanften Augen, die Rauchwolke und die Hand mit dem Streichholz. An manchen Stellen hatte Edwin ein bißchen gewischt. Das ergab weiche Übergänge. Die Litewka war von leichtem Grau, darin die Knöpfe deutlich, aber nicht hart hervortraten. Sebastian hielt das für ein Meisterwerk, und selbst der alte Lehrer Heliosch, der, wenn er von Rembrandt oder seinem Liebling Raffael erzählte, immer die Augen schloß und mit hüstelnder Stimme wun-der-bar hauchte, fand das Stalinbild vom Edwin Tülk wunderbar. Das Bild blieb dort. Es blieb auch, als die bronzene Uhr ins Museum nach Altenburg kam und die Gipsbüste Jossif Wissarionowitschs in der Nische Unterkommen fand.

Längst hatten sie ihr erstes großes Massenwichsen hinter sich gebracht. Längst war Pictura mit seiner Klasse umgezogen ins Jagdzimmer. Zuerst hatten sie ihre Schuhe noch in einem der beiden gotischen Stollenschränke gebunkert. Sie hatten jederzeit freien Zugang zur Vitrine im Speisesaal, der früher mal mit den beiden Rittern bestückt gewesen war, und konnten aus der Vitrine unbedenklich oft die gebundene Ausgabe einer englischen Witzzeitschrift nehmen. Die hieß Punch.

Eines Tages hatte der Kollege Demmich mit den Großen die beiden Ritterpferde in den Hof geschafft und sie zersägt. Sebastian erhielt von Richard Demmich als Belohnung für die Schinderei eine kleine bronzene Dose. Die war für Streichhölzer gedacht. Sie hatte eine Reibfläche, die nie versagte. Sie war für die Ewigkeit gemacht, und Sebastian schwor sich, sie nie aus den Augen zu verlieren. Aus Dankbarkeit nannte er sie Richard. Die Rüstungen waren wie die Uhr und die eisenbeschlagenen Truhen auch ins Museum gekommen. Die Zeiten waren jetzt anders. Der Ritterspeisesaal hatte eine Sperrholzdecke bekommen, lange Tische waren aufgestellt worden mit kunstledernen Stühlen dran. Im August, im August blühn die Rosen, sang der Chor das Lied noch immer, und Edwins Bild hing bis 1955 an der alten Stelle. Eines Tages war´s weg und der Gipsstalin auch.

Herr Teha, fragte Sebastian den Geschichtslehrer, der immer so schön vom Sozialismus erzählt hatte, von den Großbauten des Kommunismus Magnitogorsk, Kosmodemjanskaja, Moskauer Metro usw., Herr Teha, was hat nun Stalin, der große Genosse Stalin, von dem wir meinten - Oder war es nur Sebastian, das konnte doch nicht sein. Alle hatten doch im Namen Stalins. Wenn eine Versammlung war, saß Stalin als Ehrengast im Präsidium, und wenn sie Glück hatten, waren Mao und Wilhelm Pieck auch dabei - was hat er nun ...?

Da kam das Donnerwort vom Lehrer Teha, was er, Pictura, denn so gemerkt habe in den Jahren an der Schule Windischleuba? Da müsse er doch nachgedacht, da müsse er doch seinen Kopf. Und alles ging fast unter im Gelächter der anderen, die taten, als wüßten sie genau, was Stalin für einer war.

Mit der Antwort wollte er nicht leben. Dann wollte er wenig später das Consilium abeundi nicht annehmen, er blieb und hielt Volksreden, Versammlungen gab´s genug.

Als die Amerikaner aus Wien abzogen, sprach die FDJ-Delegierte von der EOS Karl Marx in Altenburg, die das hatte miterleben dürfen, blondhaarig, mit einem Kranz aus Zöpfen, einer gut gefüllten blauen Bluse und einer nigelnagelneuen Aktentasche aus braunem Leder - so eine hatte Sebastian Pictura in seinem ganzen, kurzen Leben noch nicht gesehen -, also da waren in Wien überall Volksfeste, und bei der Roten Armee herrschte in Wiens Straßen und Gassen großes Schweigen.

Der Direktor Matheha lächelte gequält vorn im Präsidium, und der unsichtbare, aber ins Präsidium gewählte Walter Ulbricht sagte nichts dazu. Jetzt mußte das Kollektiv zusammenhalten, der Direktor wollte keinen falschen Mucks hören und Walter Ulbricht auch nicht. Mathea saß an einer Arbeit über die sozialistische Kollektiverziehung. Das Kollektiv mußte wie ein Mann zusammenhalten.

Aber Pictura machte mit hämischem Lachen auf den Fauxpas aufmerksam, denn Volksfeste bedeuteten ja Anteilnahme und Freundlichkeit, aber eisiges Schweigen nicht. Die FDJ-Delegierte errötete zwar, geriet aber dann ganz aus dem Häuschen und nannte Picturas Äußerung klassenfeindlich.

Da steckte der alte Lehrer Heliosch Pictura: Paß auf, Sebastian, die wollen dich einem Psychiater vorführen.

Pictura sang aber immer weiter: So aus leninschem Geist wächst, von Stalin geschweißt, die Partei, die Partei, die Partei, obwohl der Hinweis auf Stalin ja inzwischen verboten war. Alle Aussprachen mit Matheha fruchteten nichts. Da mußten sie eben andere Seiten aufziehen!

Pictura schrieb dann an Pauline: Ich bin durchs Abi gerauscht und gehe jetzt zur Marine, und wenn du willst, besuche ich dich in Güstrow.

Auf den Spiegel im Jagdzimmer schrieb Pictura mit weißer Farbe: Ihr wißt doch - man kann sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen.

Sebastian Pictura ist seit 66 Jahren so etwas wie Peter Schönhoffs Geist und Leib. In Niederschindmaas lebt der sein öffentliches Leben mit Frau, Hund und Silberfischen. Er schreibt und zeichnet, und nach einer Reihe von Künstlerbüchern und Mappenwerken ist Der Tisch, die Metze, das Bett Peter Schönhoffs erster Roman, der jetzt im Verlag Janos Stekovics erscheint. Ihm ist Text entnommen.


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00:00 22.04.2005

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