Muss das sein?

Terror Wie realitätsnah wollen wir unser Kino? Ein Spielfilm wie „Utøya 22. Juli“ stellt sein Publikum auf eine harte Probe
Muss das sein?
Der Film bleibt 90 Minuten lang eng bei ihr: Andrea Berntzen als Kaja

Foto: Weltkino Filmverleih

Es ist einer dieser Filme, über die man schon fast alles weiß, bevor man sie überhaupt gesehen hat. Hier nur zwei weitere Tatsachen über Utøya 22. Juli ohne Spoilergefahr: Der Film ist ein Meisterwerk. Und er ist unerträglich.

Am 22. Juli 2011 verübte ein rechtsextremer Einzeltäter in Norwegen zwei Terroranschläge. Acht Personen wurden bei einem Bombenanschlag im Regierungsviertel von Oslo getötet, 69 Menschen starben bei gezielten Erschießungen auf der Insel Utøya, wo sich das Ferienlager der sozialdemokratischen Jugend Norwegens befand. Der Regisseur Erik Poppe hat nun die Ereignisse auf der Insel in einem Spielfilm rekonstruiert.

Schon die Viertelstunde vor dem ersten Schuss ist kaum auszuhalten. Als Zuseher weiß man, was passieren wird. Die kurze Vorgeschichte im Zeltlager der Jugendlichen und das 72 Minuten lang andauernde Attentat sind in einer einzigen Plansequenz gedreht, formal meisterhaft umgesetzt, getragen von immensen planerischen und vor allem schauspielerischen Leistungen. Knapp 90 Minuten lang bleibt der Film eng bei seiner Protagonistin, der 18-jährigen Kaja (gespielt von Andrea Berntzen), stolpert mit ihr in Panik durch den Wald und das Lager, gemeinsam mit anderen, dann wieder allein, sucht nach ihrer jüngeren Schwester, ohne zu begreifen, was gerade geschieht.

Utøya 22. Juli ist komplett aus der Perspektive der Opfer erzählt. Der Attentäter ist nur einmal in großer Entfernung unscharf zu sehen. Regisseur Poppe gesteht ihm in diesem Film den Raum und die Aufmerksamkeit, die er mit der Wahnsinnstat für seine fanatische Ideologie beanspruchte – und bekam –, nicht zu. (Anders als der soeben bei den Filmfestspielen in Venedig gezeigte Utøya-Film von Paul Greengrass, 22 July, der den Schwerpunkt auf die Konfrontation eines Überlebenden mit dem Attentäter vor Gericht verlagert.) In der Rekonstruktion der historischen Ereignisse bleiben die Hintergründe dezidiert ausgespart. Grundlage bilden die polizeiliche Aufklärung des Massakers und vor allem Gespräche mit Überlebenden, von denen einige in die Vorbereitungen involviert waren. Der Film ist faktentreu bis in schaurige Details. So ist die genaue Anzahl der Schüsse zu hören, die der Attentäter abgab. Die einzelnen Figuren und der Handlungsablauf rund um Kaja sind jedoch fiktional.

Kalkulierte Thriller-Elemente

Bekannte Tatsache Nummer drei: Utøya 22. Juli ist einer dieser Filme, die man Spalter nennt. Er feierte seine Premiere bei der diesjährigen Berlinale im Februar. Nach der Pressevorführung gab es vereinzelt Bravo-Rufe, aber es wurde auch gebuht. Vor dem Saal nahm ein Mann einen schluchzenden Kollegen in den Arm. Der sonst übliche freundlich plätschernde Applaus blieb nach dieser Extremerfahrung von Mithineingeworfenheit aus. Keine Frage, Utøya 22. Juli ist Hardcore. Realismus mit dem Presslufthammer. Von „Terrorporno“ war in den Medien später die Rede, da Erik Poppe das Massaker für seine cineastischen Fingerübungen ausschlachte, das Publikum mit dem kalkulierten Einsatz von Thriller-Elementen und teilweise aus Horrorfilmen bekannten Mitteln in emotionale Geiselhaft nehme, keinen analytischen, sondern einen pseudo-authentischen Ansatz gewählt habe. Die Kontroverse dreht sich im Kern um die Frage, wie man ein solches Ereignis überhaupt auf die Leinwand bringt. Warum man sich der minutiösen Rekonstruktion eines Massenmordes aussetzen soll. Wie echt man Gewalt und ihre Auswirkungen auf der Leinwand sehen will.

Ende August lief in deutschen Kinos der Film Nach dem Urteil an. Der französische Schauspieler und Regisseur Xavier Legrand erzählt darin, wie in einem Sorgerechtsstreit eine juristische Fehlentscheidung quasi zwangsläufig eine Gewaltspirale in Gang setzt. Sein Spannungsmoment zieht der Film einzig aus der Hoffnung, die Geschichte möge vielleicht doch nicht so ausgehen wie von Anfang an angedeutet und befürchtet. Viel Spielraum bleibt da nicht. „Bedrückend realistisch“ und „verstörend real“, befand die Presse.

Der Film behauptet nicht, auf wahren Begebenheiten zu beruhen. Man fühlt sich erinnert an den sozial engagierten, häufig niederschmetternden Realismus der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne oder an Filme des rumänischen Regisseurs Cristian Mungiu. Und es gibt Ähnlichkeiten zu Utøya 22. Juli. Nach dem Urteil ist ebenfalls überaus sicher und schlüssig inszeniert (Legrand wurde 2017 in Venedig für die beste Regie ausgezeichnet); dramaturgisch läuft er mit Ansage und unerbittlich auf eine Katastrophe zu; es gibt eine endlos lange Schluss-Sequenz, in der man gemeinsam mit den Opfern einer schicksalhaft wirkenden Attacke ausgesetzt ist. Keine Frage, der Film entfaltet eine beeindruckende Wirkung. Wie es eben so wirkt, machtlos dem Unausweichlichen zusehen zu müssen.

Ebenso zwangsläufig, wie der Film auf die Katastrophe zusteuert, muss man sich fragen: Was soll das? Geht es um die 94 Minuten lange Beweisführung, dass Gerichte mitunter zweifelhafte Urteile fällen? Um die Veranschaulichung, was das für Konsequenzen haben kann? Bedeutet Realismus in diesen Filmen, sich von einer null dialektischen Fatalismuskeule platthauen zu lassen?

Man kann nicht behaupten, dass das eine angenehme Erfahrung wäre. Im Fall von Utøya 22. Juli bleibt sie auch äußerst zwiespältig. Für die Zuschauer haben diese Filme etwas vom Ursprung des Kinos. Von der Dampflok, die die Gebrüder Lumière 1895 über die Leinwand schickten. Von der Angst des Publikums, überrollt zu werden. Wie ein solcher Film auf Überlebende wirkt, darüber lässt sich nur spekulieren.

Info

Utøya 22. Juli Erik Poppe Norwegen 2018, 93 Min.

Nach dem Urteil Xavier Legrand Frankreich 2017, 94 Min.

06:00 22.09.2018

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