Arzu Toker
29.09.2006 | 00:00

Mythos statt Wissen?

Contra Islamunterricht: Keine staatliche Aufgabe Religion ist ein florierendes Geschäft - auf Kosten der Steuerzahler

Muslimische Verbände fordern seit langem Islamunterricht an öffentlichen Schulen. Bundespräsident Köhler unterstützte dies in seiner Berliner Rede vergangene Woche. Auch die Islamkonferenz, initiiert von Bundesinnenminister Schäuble, diskutierte nun das Thema Islamunterricht als ordentliches Lehrfach. Was spricht für, was gegen diese Forderung?

Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, so das Grundgesetz, jedoch scheinen einige Menschen gleicher zu sein: die Christen. Auch die Muslime fordern diese Gleichheit. Auf der Deutschen Islam-Konferenz in Berlin forderten sogenannte Islamvertreter die Einführung von islamischem Religionsunterricht und die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts. Nicht ohne Grund. Religion ist ein florierendes Geschäft, und die Pseudo-Islamvertreter, die gar nicht legitimiert sind, für alle Muslime zu sprechen, würden so nicht nur Einfluss auf die religiöse Erziehung erhalten, sie kämen auch zu vollen Kassen. Nicht zu vergessen die Vertretung in öffentlichen Aufsichtsgremien wie WDR, ZDF, usw. Doch was soll der Religionsunterricht in den Schulen bewirken? Und wie will ein pseudo-säkularer und christlich orientierter Staat wie die Bundesrepublik den islamischen Unterricht kontrollieren?

Niemand darf wegen seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden, sagt das Grundgesetz. Gleichzeitig bedient der Staat die Kirche aus der Steuerkasse mit Geld, das er auch nicht-christlichen Bürgern aus der Tasche nimmt. Denn der Staat bildet die Religionslehrer aus, bezahlt die theologischen Hochschulen; kirchlich geführte Kindergärten, Krankenhäuser und Altenheime werden bis zu 80 Prozent subventioniert. Warum? Hatten doch die Großkirchen zum Beispiel im Jahr 2004 knapp acht Milliarden Euro Einnahmen aus Kirchensteuern. Davon gaben sie nur circa zehn Prozent für öffentliche soziale Zwecke aus.

Um diese ungleiche Behandlung der Kirchen mit anderen Religionsgemeinschaften nicht in Frage stellen zu müssen, unterstützen christliche Politiker die Beteiligung der Muslime. Die Tatsache, dass es staatlich finanzierte theologische Hochschulen gibt, obwohl Religion keine Wissenschaft ist, legitimiert die Forderung aller anderen Religionen nach Hochschulen und der Ausbildung ihrer Lehrer vom Staat. Dabei wäre ein weltanschaulich neutraler Staat, der kein Bekenntnis privilegiert und keine staatskirchlichen Rechtsformen hat, der bessere Weg.

Den Islam über Religionsunterricht staatlich zu unterstützen, ist problematisch, denn der Koran gilt im Gegensatz zur Bibel als das Grundgesetz der Gläubigen, er stellt Anspruch auf die politische Macht. Müsste dann Islamunterricht nicht zugleich als politischer Unterricht gelten, ähnlich einer parteipolitischen Schulung? Oder wollen die Religionsvertreter dem deutschen Staat versichern, dass sie den Anspruch des Korans revidieren?

Wie geht man damit um, wenn im Islamunterricht Vers 28, Al-Imran, gelehrt wird, in dem die Freundschaft mit Ungläubigen (also auch Christen) untersagt wird: "Die Gläubigen sollen sich nicht die Ungläubigen anstatt der Gläubigen zu Freunden nehmen ..." In Vers 144 der An-Nisa wird die Freundschaft mit Ungläubigen sogar gleichgesetzt mit Sich-gegen-Gott-stellen. Es gibt im Koran viele Verse gegen das friedliche Zusammenleben von Christen, Juden und Muslimen. Werden sie verschwiegen? Oder wird der Koran für Deutschland neu geschrieben?

Die religiösen Vereine zu Gesprächspartnern des Staates zu machen, heißt auch, dass sie mehr Einfluss auf Muslime bekommen. Nicht-religiöse Migranten-Organisationen sind nie so ernst genommen worden. Mit dieser Politik spaltet Innenminister Schäuble, der zur Islamkonferenz eingeladen hat, mehr als er integriert, denn die Muslimorganisationen wollen für alle Migranten aus muslimischen Ländern sprechen, obwohl sie nur einen kleinen Teil repräsentieren. Man muss sich fragen, ob sie nun auch bald muslimische Krankenhäuser fordern, Halbmond statt Rotkreuz, eigene Schulen und vieles mehr. Die christlichen Großkirchen haben den Staat verpflichtet, auch den übrigen Unterricht "in christlichem Geiste" zu erteilen. Was, wenn die Muslime auch das fordern? Nicht auszudenken, was dann zur Schöpfung im Biologieunterricht erzählt werden soll!

Die Kirche ist teuer genug, als Steuerzahlerin habe ich kein Interesse daran, weitere Projekte von Männerorganisationen zu finanzieren, die ihre Mythen auf Staatskosten pflegen wollen. Zumal Saudi-Arabien und Iran sie zur Genüge unterstützen. Besser und nicht zuletzt auch billiger wäre der laizistische Weg - eine konsequente Trennung von Religion und Staat.

Die Kinder sollten durch die Schule Selbstbewusstsein, kritisches Denken, Toleranz und Kompromissbereitschaft erlernen. Der kategorische Imperativ ist nützlicher und die Liebe ist wichtiger, um ein Kind zu erziehen als jede Religion. Wir brauchen einen aufgeklärten Weltanschauungsunterricht in öffentlichen Schulen, darunter Religionskunde statt eines konfessionellen Religionsunterrichts. Ich wünschte, es hätte auch eine Konferenz mit säkularisierten und atheistischen Migranten stattgefunden.

Arzu Toker ist Autorin und politische Journalistin.

2 cellpadding=10 cellspacing=2> Islamunterricht an Schulen

Bereits seit 1984 gibt es für regulären Islamunterricht an staatlichen Schulen das Einverständnis der Kultusministerkonferenz. Doch mit der Umsetzung tun sich die Länder schwer. Die Muslimverbände beklagen, es fehle am politischen Willen, die Politik wiederum behauptet, die Muslimverbände seien sich untereinander nicht einig. Einige Bundesländer setzen derzeit Modellversuche um. Nordrhein-Westfalen bietet seit 1999 islamischen Religionsunterricht auf Deutsch an, Niedersachsen startete 2003 und Baden-Württemberg zum neuen Schuljahr 2006 Modellversuche. In Berlin ist bekenntnisorientierter Religionsunterricht freiwillig und seit dem neuen Schuljahr das Wertefach Ethik verbindlich. Seit 2001 erteilt die Islamische Föderation in Berlin islamischen Religionsunterricht an 37 staatlichen Schulen, nachdem sie sich zuvor auf dem Rechtsweg eingeklagt hatte. Dieser Organisation werden vom Verfassungsschutz Kontakte zu der islamistischen Organisation Milli Görüs unterstellt.