Frank Spilker
Ausgabe 0916 | 09.03.2016 | 06:00

Na Logo!

Art-Punk Raymond Pettibon zeichnete für Sonic Youth und gegen den Irakkrieg. Frank Spilker sah sich für uns die Werkschau in Hamburg an

Wer mit dem Namen Raymond Pettibon nichts anfangen kann, erinnert sich vielleicht zumindest an sein Cover des Sonic Youth Albums Goo von 1992 oder hat es sogar selbst an prominenter Stelle in seinem Plattenschrank stehen. Zwei sonnenbebrillte Beatniks, sie raucht, er hat den Arm um sie gelegt, harte Schwarz-Weiß- Kontraste, dazu der Text: „I stole my sister’s boyfriend …“ 1978 hat Ray Pettibon zusammen mit seinem Bruder Greg Ginn die Punkband Black Flag gegründet und dieser das Label SST, das in meiner Generation so ziemlich jedem ein Begriff ist. Viel Musik, viel Punk im Umfeld des Kaliforniers Raymond Pettibon, deshalb darf nun ich als Musiker mit Schreibhintergrund über die Elbe nach Hamburg-Harburg fahren, um über die Eröffnung der Ausstellung in der Sammlung Falckenberg zu berichten. Richtig groß ist sie: Über 900 Exponate wurden aus in der ganzen Welt verstreuten Sammlungen zusammengetragen.

Die Fahrt über den Fluss gibt mir die Gelegenheit, darüber nachzudenken, was ich selbst eigentlich mit Punk zu tun habe. Ist das alles nicht irrsinnig lange her? Meine eigene musikalische Sozialisation beginnt um das Jahr 1980. Ich war 14 und wurde gezwungen, sozialreformerisch ambitionierte Volkslieder in der Jugendgruppe zu klampfen. Ich hatte Punk also dringend nötig. Und ich bekam ihn auch, obwohl er ja längst tot war, wie die Band Crass bereits 1978 formulierte: „Die CBS promotet jetzt The Clash, es geht nicht um Revolution, sondern um Cash.“ Ein zentraler Aspekt von Punk ist ja die Selbstermächtigung. Niemand muss ein Instrument lernen, um etwas spielen zu dürfen, es ist genau umgekehrt: Wenn es etwas zu sagen gibt, findet sich schon ein Instrument. Ich war also gar nicht gezwungen, irgendetwas zu imitieren, ich konnte mir meinen eigenen Punk erfinden, das war die zentrale Botschaft, die ich mitgenommen hatte.

Auch wenn es Anfang der 80er bereits etliche Spielarten von Punk in Musik, Kunst und Mode gab: Wenn man eine Gemeinsamkeit formulieren will, dann vielleicht die, dass Punk immer einen Gegner hatte und dass es meistens darum ging, die Lebenslügen der Älteren und Etablierten zu entlarven. Das waren am Anfang vor allem die Hippies. Im Los Angeles der späten 70er genauso wie in Ostwestfalen in den frühen 80ern. Hier wurden sie „Ökos“ genannt, marschierten mit ihren Jutetaschen zu Ostern nach Bonn, kauften im Dritte-Welt-Laden, wählten Grün, machten Karriere und wir uns über sie lustig.

Machtpol Los Angeles

Der regionale „Gegner“ war immer entscheidend für die Ausprägung und die Spielart des Punk. Die immer schneller werdende Assimilationsmaschine der Kulturindustrie des Pop hat in England eine Entwicklung hervorgebracht, die Simon Reynolds in seinem Buch Rip It Up and Start Again (2005) beschreibt: Die ständige Entwertung subkultureller Symbole durch deren Vermarktung brachte in immer schnellerer Folge neue Symbole hervor und mündete 1986 in so etwas wie revolutionärem „Neo-Pop“. In Deutschland gab es vor allem Fun-Punk, der sich genauso hartnäckig hielt wie die preußischen Werte von Drill und Selbstdisziplin. Der Punk in Los Angeles war weder britischer noch preussischer Prägung und hatte hierzulande vor allem die Spex-Redaktion infiziert, Greg Ginns Label SST war der Superstar des Indie der 80er Jahre in Deutschland. Und natürlich entscheidend für den Sound der 90er Jahre.

Das Plakat der Ausstellung in den Harburger Phoenix-Hallen ziert selbstverständlich ebenfalls ein Punk. Der Homo Americanus trägt einen Iro und ein Black-Flag-T-Shirt, beides in den Regenbogenfarben, die für die Homosexuellenbewegung stehen. Der gealterte Mann, der von der Nackenbreite her gesehen ein Ex-Marine oder auch Henry Rollins sein könnte, spielt seine Gitarre versehentlich mit dem erigierten Penis. Die Ausstellung ist über drei Stockwerke verteilt und besteht hauptsächlich aus einzelnen Blättern, Tusche oder Mischtechnik auf Papier. Es gibt außerdem zwei Wandcollagen, an denen der Künstler bis kurz vor der Pressekonferenz arbeitet, ein paar Filme und großformatige Werke.

Was prägte den Punk in Los Angeles? Man befindet sich in unmittelbarer Nähe des Machtpols der westlichen Welt, Ronald Reagan, der ehemalige Gouverneur von Kalifornien, wurde amerikanischer Präsident, und Hollywood, das sich wahlweise als Traum- oder Lügenmaschine ansehen lässt, liegt in unmittelbarer Nachbarschaft. Die Manson-Morde, das Sich-Auflösen revolutionärer Impulse in Drogensucht und Sex. Das sind die Themen der frühen Werke von Raymond Pettibon. Seine Form ist das Comic. Sollten Sie die Begriffe Werk und Comic für nicht vereinbar halten, haben Sie Punk nicht verstanden. Man nimmt, was man hat: ein Blatt Papier und Tusche oder einen Stift. Und man übt nicht, man veröffentlicht: als Comic, als Fanzine, als Flyer. Egal. Was eben so geht, wenn man kein Geld hat. Und man wartet nicht darauf, entdeckt zu werden: Man geht herum und verteilt Flyer, man steht vor dem Club und versucht, sein Fanzine an Konzertbesucher zu verkaufen. Das nennt sich Vertrieb.

Pettibon fertigte während des Studiums an der UCLA politische Karikaturen für die College-Zeitung an. 1978 kommt Captive Chains. Eine Erzählung im Comic-Stil voller Rückgriffe auf Aspekte amerikanischer Kulturprodukion, die man auch Trash nennen kann: Bondage, Texas Chainsaw Massacre, der Film Noir der 40er. Daneben entstehen Flyer und Plattencover sowie das Logo für Black Flag, die vier schwarzen Balken.

In der Ausstellung sind die bekannten Flyer und Plattencover für Black Flag und Sonic Youth an prominenter Stelle platziert, alle 68 Seiten von Captive Chains hängen direkt gegenüber. Pettibons weitere Entwicklung als Künstler lässt sich hier im Detail nachvollziehen. Dafür braucht man allerdings sehr viel Zeit. Ungefähr 1000 von 30.000 in aller Welt verstreuten Werken hat der Hausherr Harald Falckenberg auch von befreundeten Sammlern zusammengeliehen, die Kurator Ulrich Loock in 32 Kapitel nach unterschiedlichen Ordnungskriterien sortiert hat. Sowohl chronologisch als auch thematisch.

Hauptmahlzeit Taube

Auf dem Podium sind sich die beiden bei der Pressekonferenz nicht immer ganz einig über das Wesen von Pettibons Werk, aber das ist nicht weiter erstaunlich, so ist das oft bei guter Kunst. Merkwürdig kommt mir als popsozialisiertem Mischwesen eher vor, wie einig man sich darüber ist, dass seine Arbeiten unbedingt Kunst und nicht Comic oder Pop sein müssen und dass es sich nicht um politisch motivierte Kunst handelt. Ersteres hat möglicherweise mit bestimmten Dogmen des Kunstbetriebs zu tun, in dem es schon aus einem Sammlerinteresse heraus darum geht, den Künstler und seine Kunst auf- und nicht abzuwerten. Pettibon scheint diese Diskussion allerdings nicht zu interessieren. Er benutzt die Kombination Text und Bild sowie das Material Papier bis heute, um Widersprüche und Lebenslügen aufzudecken. Vorzugsweise natürlich die der amerikanischen Lebenswirklichkeit.

In den 80er Jahren entsteht eine Serie von Atompilzbildern, betextet mit: „The president’s dead. What a loss to democracy“ oder „Pigeons, our meat food, became extinct.“ Das eigentliche Werk entsteht erst beim Durchdenken der Möglichkeiten, die Text und Bild evozieren. Hier geht es um Poesie, trotzdem scheint mir auch dieses Werk nicht unpolitisch zu sein. Aus den 90ern stammt eine Serie mit Baseballspielern. Ein Text dazu lautet: „My master beat me, my father beat me, my mother gave me bread and butter to grow a strong back.“ Etwas abgesetzt davon: „It’s like hitting my wife.“ Die Entscheidung, ob man jetzt auf einen brutalen Sporttypen herabsieht oder über die Fortschreibung von Gewalt in Familiengeschichten nachdenkt, liegt auch hier beim Betrachter.

Je neuer die Werke, desto vielfältiger die verwendeten Materialien und Formate. Der Themenauswahl ist gemein, dass sie die gängigen Tabus über Sex, Gewalt und Politik ignoriert. Mir will das mit dem unpolitischen Künstler einfach nicht einleuchten, also frage ich ihn halt danach: „Herr Pettibon, es wurde hier zum Ausdruck gebracht, dass Ihre Kunst nicht politisch wäre, wenn Sie sich zum Beispiel über Amerikas Rolle im Irak äußern. Sehen Sie das auch so?“

Im Gegenteil, sagt er, nur eben nicht direkt zeigefingerpolitisch. Seine Arbeit sei eher journalistischer Natur. Es gehe darum, zu zeigen, was in der öffentlichen Diskussion ausgeklammert werde. Und dann erzählt er eine Geschichte darüber, wie er in der aufgeheizten Stimmung nach 9/11 eine öffentliche Debatte ausgelöst hat, in die sich sogar das State Secretary einschaltete, nur weil er versuchte, die andere Seite zu verstehen. So schnell kann man also politisch werden, beziehungsweise zum Politikum, wenn man in aufklärerischer Absicht poetisch arbeitet.

Und da er jetzt nicht mehr aufhören kann, erzählt er weiter. Die Sorgen, die er sich macht, sind die eines südkalifornischen Punks, der mit den außenpolitischen Entscheidungen seiner Regierung gelinde gesagt nicht immer ganz einverstanden ist. Man kann einem Künstler ja auch schließlich nicht das Denken verbieten, nur damit sich kein Sammler abgeschreckt fühlt. Ich kenne viele, die sich weniger vorsichtig ausdrücken würden als er . Viel, viel mehr von dieser Gedankenwelt bietet die Ausstellung und viele Statements von Raymond Pettibon befinden sich dazu neben den Bildern im Katalog, dessen Anschaffung sich auch dann lohnt, wenn man es nicht bis nach Harburg schafft.

Info

Homo Americanus Raymond Pettibon Sammlung Falckenberg, Hamburg-Harburg, bis 11. September

Frank Spilker, Jahrgang 1966, ist Sänger und Songwriter der Hamburger Band Die Sterne

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 09/16.