Narben

Gewalt gegen afrodeutsches Kind Die jugendlichen Täter aus Pömmelte stehen jetzt vor Gericht

Am Dorfteich von Pömmelte legt sich der Frühling über die grausame Tat, am Ufer blühen gelbe Butterblumen, ein idyllischer Platz. Hier hat der 12-jährige Kevin die Hölle erlebt, nur weil es vier jungen Männern nicht gepasst hat, dass seine Hautfarbe dunkel, sein Vater Äthiopier ist. Auf der Picknickbank, auf der sie das Kind gequält haben, hat ein älterer Herr seine Zeitung ausgebreitet. Was in seinem Dorf südlich von Magdeburg geschah, ist für ihn bis heute unfassbar: "Es ist eine Schweinerei, was die Jungs getan haben. Aber eine noch größere Schweinerei ist es, dass niemand etwas gehört, niemand etwas gesehen haben will."

Die Jungs, das sind der Gleisbauer Francesco, ein bekennender Neonazi, 20 Jahre alt, und seine 16-jährigen Freunde Morton und Steven sowie dessen Zwillingsbruder, der auch Kevin heißt. Am 9. Januar fangen sie den 12-jährigen Kevin an der Bushaltestelle ab, den "Bimbo" aus dem Kinderheim, wie sie sagen. Sie zerren ihn zum Dorfteich, zwingen ihn, niederzuknien und ihre Stiefel abzulecken. Auf die Frage, ob er stolz auf Deutschland sei, muss Kevin mit "Jawohl mein Führer" antworten. Dann stellt sich Morton auf die Picknickbank und drückt Kevins Kopf mit einem Springerstiefel auf die Tischplatte. Die anderen schlagen und treten zu. Francesco drückt dem Jungen eine Gaspistole an den Hals, droht damit, ihn "abzuknallen". Dann schlägt er ihm eine Bierflasche ins Gesicht. Anschließend stellt sich die Clique zum "Skinheadtanz" auf. Kevin bekommt reihum Tritte in Rücken, Magen und Genitalien. Als er am Boden liegt, urinieren Francesco und seine Freunde auf den Kopf des wimmernden Jungen. Erst nach 75 Minuten lassen sie von ihm ab. Mit letzter Kraft schleppt sich der Verletzte in das Kinderheim "Klick", wo er wohnt. Er überlebt nur knapp. Im Krankenhaus diagnostizieren Ärzte 34 Verletzungen - ein Schädelhirntrauma, eine Nasenbeinfraktur und Blutergüsse am ganzen Körper.

Die Nachricht, dass ein kleiner Junge schwer misshandelt wurde, nur weil seine Hautfarbe einen dunklen Teint hat, verlässt die Dorfgrenzen zügig. Pömmelte, mit seinen 700 Einwohnern, steht plötzlich im Mittelpunkt bundesweiter Aufmerksamkeit. Journalisten belagern tagelang das Dorf. Politiker missbilligen die Tat. Dann ebbt das öffentliche Interesse wieder ab. Erst jetzt nimmt es wieder zu - denn am 10. Mai hat vor dem Amtsgericht der Kreisstadt Schönebeck der Prozess gegen die vier Peiniger begonnen.

Zwischen Francesco, dem Anführer der Gewalttat, und den anderen drei Angeklagten bleibt am ersten Prozesstag ein Platz frei - so, als wollten Morten, Steven und sein Zwillingsbruder sagen: wir gehören nicht zu dem da, dem Skinhead, dem Neonazi. 25 Minuten dauert es, bis Staatsanwalt Arnold Murra all die Misshandlungen und Demütigungen aufgelistet hat, die die Angeklagten ihrem Opfer zugefügt haben. Francesco macht einen gelangweilten Eindruck. Nach Verlesen der Anklageschrift wird die Öffentlichkeit zum Schutz der jugendlichen Täter ausgeschlossen. Später wird verlautbart, alle vier Jugendlichen seien weitgehend geständig. Am 22. Mai soll gegen sie ein Urteil gesprochen werden.

In Pömmelte schließen die Dorfbewohner ihre Fenster, wenn man sie auf den Gerichtsprozess anspricht. Sie schotten sich ab, reden nicht mehr über die Tat. Auch Bürgermeister Thomas Warnecke wehrt sich dagegen, dass man Pömmelte den Stempel "braunes Dorf" aufdrückt. Allerdings glaubt er inzwischen auch, dass die Jugendlichen hier anfällig sind für rechtes Gedankengut. Gerade über Francesco ist bekannt, dass er über gute Kontakte zu rechtsextremen Kameradschaften verfügt. Annett Lazay, Kevins Betreuerin aus dem Kinderheim, hofft, dass die Richter den Gewalttätern eine deutliche Grenze setzen: "Wenn die Jugendlichen nur mit einem ›du, du‹ davonkommen, wäre das ein fatales Signal an die rechte Szene." Dem 12-jährigen Kevin geht es inzwischen besser. Er wohnt jetzt weit weg von dem Dorf. Annett Lazay sagt, seine körperlichen Wunden seien verheilt, seine seelischen aber noch nicht.

Als nach der Gewaltorgie im Januar bekannt wurde, dass zwei der Täter in Pömmelte leben, hat Bürgermeister Thomas Warnecke reagiert. Gemeinsam mit Annett Lazay vom Diakonieverein veranstaltete er ein Bürgerforum, einen runden Tisch mit Politikern und ein Jugendforum. Am 2. Juni soll nun ein neuer Jugendklub eröffnet werden. Mit diversen Angeboten will Sozialarbeiter Dieter Bradke die Jugend von Pömmelte "aus dem braunen Sumpf ziehen", der sie in Form rechter Kameradschaften umgibt. Er ist sicher: "Wenn wir das jetzt richtig durchziehen, dann kriegen wir auch die Jugendlichen wieder!"


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00:00 19.05.2006

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