Nein, wir diskutieren!

Gleichungen Laudatio auf Hans Magnus Enzensberger

Bei der Verleihung des "diwan-Preises" an den Dichter und Essayisten Hans Magnus Enzensberger wurde die Laudatio durch die 1967 in Bagdad geborene Lyrikerin Amal al Jubouri gehalten, die Vorsitzende des Vereins "west-östlicher diwan". In einer Zeit, da die Bilanz nach fünf Jahren Irak-Krieg gezogen wird, für den Enzensberger einst plädierte, ist diese Laudatio ein Beispiel dafür, wie sich Orient und Okzident trotz politischer Differenzen ästhetisch würdigen - ein Beispiel für kulturellen Dialog anstelle kriegerischer Konflikte.

Es ist schwierig, die Erfahrung eines großen Dichters in wenigen Minuten zusammenzufassen. Aber lassen Sie es mich in dieser knappen Skizze mit Hilfe des arabischen lyrischen Empfindens darstellen. Es kann sein, dass es Ihnen fremd erscheint und manchmal weit entfernt vom europäischen lyrischen Empfinden ist. Das bedeutet aber nicht, dass ein Empfinden besser ist als das andere.

Vor ein paar Jahren kam ich in Berührung mit der Lyrik von Hans Magnus Enzensberger, als ich einige seiner Gedichte ins Arabische übersetzte. Schon beim ersten Gedicht Erkennungsdienstliche Behandlung, das ich übersetzte, spürte ich eine deutliche Fremdheit zwischen dieser Lyrik und der Lyrik, die ich aus der arabischen lyrischen Tradition kannte. Das Gedanken-Gedicht, das einen pyramidenförmigen Aufbau hat, erlaubt seinem Leser nur, hinter ihm herzulaufen, sonst verirrt er sich auf dem Weg, und das Gedicht geht alleine weiter. Das Gedicht sucht nach einem anderen Leser, obwohl dieses Gedicht seinem ersten Leser nicht die Freiheit des Lesens gab.

Der Leser von Enzensbergers Lyrik muss ein kreativer Mensch sein, weil er mit einem außergewöhnlichen Dichter zu tun hat. Dieser Dichter unterwarf die Lyrik den Regeln des Lebens. Er gab diesem Leben einen lyrischen Wert, weil das poetische Schaffen für ihn die Anerkennung des Lebens, das das Erste und das Letzte darstellt, bedeutet.

In einer speziellen Szene erscheint er wie ein Chirurg, der die Poesie aus dem Diktat der Sprache und ihrer Rhetorik herausschneidet, damit die Gedichte mit anderen Seelen wiedergeboren werden, entfremdet von der Realität, ihr aber dennoch nah. Das deutschsprachige Gedicht entfernte nach dem Zweiten Weltkrieg einige große Worte aus seinem lyrischen Wortschatz, die das Gewissen des deutschen Intellektuellen erregten, weil sie Synonyme für Krieg waren. Enzensberger gehörte zu den Dichtern, die versuchten, einfache, kleine Worte einzuführen, um in der Dichtung große Gedanken zu formulieren, ohne die Lyrik dadurch alltäglich werden zu lassen.

Auch wenn die Lyrik in ihrer Geschichte zur Irrationalität neigte und sich in ihrer Tradition von der Philosophie und den Naturwissenschaften trennte, befindet sich der Leser der Gedichte von Enzensberger quasi vor einer mathematischen Gleichung. Er muss ihre Elemente begreifen, um an ihre Geheimnisse, ihre Ästhetik und die Chemie ihrer Körper zu gelangen. Seine Liebe zur Mathematik half ihm dabei, ein einmaliges Mosaik aus Worten und Ziffern zu bilden. Denn Worte sind letztendlich auch Ziffern in Form von Buchstaben. Diese Phantasie, die eine Neigung zur Wissenschaft hat, führte dazu, dass der Dichter im Jahre 2000 die "Lyrikmaschine" erfand. Die Kritik stand am Kreuzweg vieler Fragen, die zu einer merkwürdigen Geburt von Poesie führte und vielleicht zur Arbeitslosigkeit der Dichter. Aber genau dies ist zugleich die Göttlichkeit der Dichter als Schöpfer.

Enzensberger ist der Schöpfer dieser elektronischen Gedichte. Denn die Ziffern sind nichts anderes als Kreaturen, die starr waren, bevor der Dichter sie mit seinem Spott übergoss. Sie bilden die Brücke, auf deren anderer Seite Gottfried Benn und Bertold Brecht winken. Auf dieser Seite entfernt sich Hans Magnus Enzensberger und sagt: "Ich bin keiner von uns". Er hatte das Gefühl, nur sich selbst und seinem verborgenen Ich zu gehören. Die Uneinigkeit der anderen darüber, wie seine Identität zu bestimmen sei, bildet für ihn den richtigen Zugang dafür, dass er umstritten ist und nur so sein kann:

"Wer sind meine Feinde?

Die Schwarzen nennen mich weiß,

die Weißen nennen mich schwarz.

Das höre ich gern.

Es konnte bedeuten:

Ich bin auf dem richtigen Weg.

Gibt es einen richtigen Weg?"

Es ist der Zweifel, mit dem der Dichter seine lyrischen wie die menschlichen Geschöpfe ausstattet. Mit diesem Zugang: "Der Mensch kann die Menschen verraten, aber er kann Ideen nicht verraten." Daran glaubt Enzensberger. Aber in seinen lyrischen Werken finde ich noch einen anderen Verrat: den Verrat am Geschmack der Menschen. Er lässt den Verrat rebellieren gegen das, was gewöhnlich und vertraut ist. Es gibt Menschen, die ihm vorwerfen, er habe seine politische Meinung geändert. Ich sehe, dass sich der Verrat bei Enzensberger gegen den Gedanken richtet, dass der Mensch in Übereinstimmung mit seinem ideologischen, sozialen und religiösen System ist. Er wollte, dass die Ideen sich von der Herrschaft ihrer Denker und der in ihnen enthaltenen Autorität befreien. Er wollte, dass die Ideen einen großen Verrat formulieren, der zur unsichtbaren Veränderung der Welt gehört, auch wenn er in der "Lyrikmaschine" oder im Traum nicht zu spüren oder zu lesen ist. Es sind zwei Gleichungen, die sich nicht treffen, aber auch nicht auseinander gehen können.

Enzensberger war für den Krieg gegen mein Land. Er nannte unser Schreien gegen den Krieg einen blinden Aufruf zum Frieden. Ich fuhr mit ihm nach Ägypten, und wir gaben dort im Opernhaus von Kairo eine Lesung. Es war kurz nach der Besetzung des Irak. Als er die Tränen der Menschen in meinen Augen sah, und es waren nicht nur meine Tränen, hat er vielleicht erkannt, dass wir nicht den Diktator beweinten, sondern eine Heimat, die an Extremisten verkauft wird. An diesem Tag hat der Dichter es vielleicht begriffen, denn er gab zu, dass die Befreier - ich meine die Besatzer - Fehler begingen. Heute bezahlen die Menschen im Irak den Preis allein. Sie sind Opfer der Besatzung, und vorher waren sie Opfer des Faschismus und des Embargos. Heute sind sie Opfer aller Kräfte, die nicht nach New York gingen, um Amerika zu bekämpfen. Sie wählten den Irak als leichte Beute in einem für den Tod offenen Sumpf, dem irakischen Sumpf.

Man hat verbotene Waffen gegen uns eingesetzt, sagte ich ihm damals. "Nein, das stimmt nicht" antwortete er mir. In Alexandria war die Diskussion zwischen uns sehr heftig. Der Leiter des Goethe-Instituts in Kairo begleitete uns damals. Er dachte, wir bekriegten uns. "Nein, wir diskutieren", sagte ihm Enzensberger. "So sollte der Dialog sein." Seine Devise war: Es gibt Unterschiede, aber das hindert uns nicht, den anderen dazu zu bewegen, dass wir weiter diskutieren. Es geht nicht darum, Übereinstimmung zu erreichen, sondern den anderen zu akzeptieren und über die kulturellen Unterschiede zu reden, um gemeinsam ein Ziel zu erreichen, so dass beide Seiten ebenbürtig sind. Und ich ergänzte: Wir müssen von der kulturellen Entwicklung lernen, Kritik akzeptieren, um wieder aufbauen zu können und um den Krebs der Restauration zu bekämpfen, eine Krankheit, die Völker überfällt, wenn sie Niederlagen erleben. Das geschieht heute in der gesamten arabischen Welt. Wir diskutieren, das heißt, wir existieren. Wir bekriegen uns, das heißt wir existieren nur in den Dingen, die katastrophal und furchtbar sind.

Unsere Meinungsunterschiede hindern uns nicht daran, diesen großen Dichter zu ehren, der seinen Finger auch auf die vielen Wunden und Brüche in unserer Geschichte und in unserer Realität gelegt hat: Durch seine Schriften, seine Meinung und seine Analyse der fundamentalistischen und radikalen Erscheinungen, die alles zerstört haben und sich ausdehnen wie Aids in unseren arabischen Ländern. Wir ehren diesen Dichter, denn wir meinen, dass er mit seiner Poesie einen wichtigen Beitrag zur Dichtung geleistet hat, wie viele große Dichter wie Dante, Vergil, Al Moutanabi, Abi Tamam, al Naffari, al Sayyab, Goethe, Gottfried Benn, Celan und andere. Wir Kinder der anderen Kultur taufen den lyrischen Geschmack mit einer neuen Lust an Abenteuern des lyrischen Schaffens. Das hilft uns, uns näher zu kommen als Völker, die gerne in Frieden und gegenseitigem Respekt leben wollen. Das ist kein blinder Aufruf zum Frieden, sondern ein wichtiger Aufruf zum Dialog.

Aus dem Arabischen von Suleman Taufiq



www.amaldiwan.com

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00:00 04.04.2008

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