Neue Lücken

Vermessung Erstmals thematisiert ein Gutachten zum Gleichstellungsbericht auch männliche Anliegen

Gap ist das englische Wort für „Kluft“ oder „Lücke“. Und es ist einer der Lieblingsbegriffe jener Kommission aus Wissenschaft und Politikberatung, die in den vergangenen Jahren interdisziplinär Material zum Geschlechterverhältnis gesammelt hat. Herausgekommen ist ein mehrere hundert Seiten starker Bericht mit dem Titel Erwerbs- und Sorgearbeit gemeinsam neu gestalten, der auch im Netz abrufbar ist. Er soll den Stand der Gleichstellung von Männern und Frauen im Jahr 2017 dokumentieren.

Der Bericht knüpft dabei an ein vor sechs Jahren veröffentlichtes Gutachten an, das Ursula von der Leyen 2008 als Familienministerin in Auftrag gegeben hatte. Allerdings wurde es nach der Fertigstellung von ihrer Nachfolgerin Kristina Schröder verschmäht. Weil sich die Erkenntnisse und Empfehlungen allzu sehr mit den Forderungen der damaligen rot-rot-grünen Opposition deckten, ließ sich CDU-Parteifreundin Schröder bei der Präsentation von ihrem Staatssekretär vertreten.

Die derzeitige Amtsinhaberin Manuela Schwesig (SPD) dürfte solche Berührungsängste nicht haben. Ob die Verabschiedung im Parlament noch vor der Bundestagswahl im Herbst stattfindet, ist aber ungewiss. Die Schließung jener Lücken, die die Sachverständigen in dem Gutachten kritisieren, ist aber auch Ministerin Schwesig wichtig. Vom Gender Pay Gap ist in dem Gutachten die Rede, ebenso vom Gender Lifetime Earnings Gap, vom Gender Pension Gap und auch vom Gender Time Gap. Zu Deutsch: Überall tut sich ein Gefälle, eine messbare Kluft zwischen den Geschlechtern auf – zu Lasten der Frauen.

Sie verdienen im Durchschnitt 21 Prozent weniger (im öffentlichen Dienst beträgt der Unterschied übrigens nur sechs Prozent). Ihr Gesamteinkommen im Lebensverlauf ist sogar 49 Prozent niedriger, sie haben um 53 Prozent geringere eigene Rentenansprüche. Und ihre bezahlte Wochenarbeitszeit ist 8,2 Stunden kürzer, ebenfalls eine Lücke von 21 Prozent.

Haushalt, Pflege, Sorge

Den zuletzt erwähnten Gender Time Gap könnte man vorschnell nicht unbedingt als Nachteil, sondern auch als zeitsouveränes Privileg interpretieren – wäre da nicht die unbezahlte private Sorgearbeit, die die neue Expertise besonders herausstellt. Der Gender Care Gap nämlich beträgt 52 Prozent, bei Paaren mit Kindern sogar 83,3 Prozent. In diesem Bereich gibt es also die größte Ungleichheit zwischen den Geschlechtern: Frauen leisten erheblich mehr als Männer im Haushalt, bei der Erziehung von Kindern und bei der Pflege älterer Angehöriger.

Das Gutachten zum zweiten Gleichstellungsbericht legt wie sein Vorgänger aus dem Jahr 2011 den Schwerpunkt auf den Arbeitsmarkt, auf die daraus abgeleiteten sozialpolitischen Ansprüche sowie auf das Steuer-, Ehe- und Familienrecht. Diese Betrachtungsweise der Kommission hat Stärken, weil die fortbestehenden Benachteiligungen von Frauen in zentralen Bereichen herausgearbeitet werden. Die Schwäche liegt aber darin, dass andere Politikfelder kaum vorkommen. Ausgerechnet dort sind die Differenzen zwischen den Geschlechtern längst nicht so eindeutig verteilt. Teilweise liegen die Schattenseiten sogar auf der anderen Seite – bei den Männern.

Ein prägnantes Beispiel dafür ist der geschlechterspezifische Unterschied bei der Lebenserwartung: Männer haben in Deutschland eine über fünf Jahre kürzere Lebenserwartung als Frauen. In der unmittelbaren Nachkriegszeit lag diese Differenz sogar bei acht Jahren, in Teilen Osteuropas beträgt das Gefälle heute noch bis zu 15 Jahre. Die Klosterstudie des österreichischen Demografen Marc Luy, der die vergleichbaren Biografien von Nonnen und Mönchen untersucht hat, ergibt aber einen biologisch bedingten Geschlechterunterschied von nur einem Jahr. Alles andere ist also sozial konstruiert.

Der Unterschied bei der Lebenserwartung hat mit der Art zu tun, wie Männer leben, arbeiten, mit ihrem Körper umgehen. Männer gehen seltener zum Arzt und vermeiden oft Vorsorgeuntersuchungen. Sie haben oft körperlich ruinöse Jobs in der Schwerindustrie oder auch in prekären Dienstleistungsbranchen. Außerdem ernähren sie sich ungesünder, rauchen und trinken mehr. „Männer weinen heimlich, Männer kriegen ’nen Herzinfarkt“, hieß das knapp zusammengefasst früher bei Herbert Grönemeyer.

Die gravierenden Folgen der Devise „Indianer kennen keinen Schmerz“ müssten daher eigentlich einen gewichtigen Stellenwert in einem Gleichstellungsbericht haben, der die „Lebensverlaufsperspektive“ zum zentralen Konzept erklärt. In dem jetzt vorgelegten Gutachten aber ist das nicht der Fall, das Thema Männergesundheit taucht nämlich so gut wie nicht auf. Die Liste der entstehenden Lücken lässt sich ohne weiteres ergänzen: etwa um den Gender Suicide Gap. Die Selbstmordrate bei Männern ist dreimal höher als bei Frauen.

Ergänzen müsste man den Bericht zudem auch um den Gender Homeless Gap: Erheblich mehr Männer als Frauen leben auf der Straße. Eine geschlechterdialogisch orientierte Politik sollte aber trotzdem auf jeden Fall vermeiden, hier nur den einseitigen Blick anzuprangern und in eine unproduktive Hitparade der Benachteiligung der Geschlechter einzusteigen.

Der britische Autor Jack Urwin zeigt in seinem lesenswerten, gerade auf Deutsch erschienenen Buch Boys don’t cry (siehe Freitag 13/2017), wie man auf die negativen Folgen männlichen Rollenverhaltens hinweisen kann, ohne die Schuld dafür bei den Frauen zu suchen. Für sein „brillantes, persönliches, nicht einmal sexistisches“ Werk lobte ihn die britische Feminismus-Vordenkerin Laurie Penny.

Gerade weil die Männeraspekte, bei denen sich geschlechterspezifische Unterschiede zuungunsten der Männer auswirken, in den meisten gleichstellungspolitischen Kontexten nur selten debattiert werden, ist ein Vakuum entstanden, das Maskulinisten polemisch füllen. Antifeministische Männerrechtler, die hierzulande unter anderem in Gruppen wie MANNdat oder Agens organisiert sind, aber vor allem im Internet als vermeintliche „Graswurzelbewegung“ sehr präsent sind, inszenieren sich als Opfer und Benachteiligte in nahezu jeder Lebenslage.

Eigene Lebensentwürfe

Verschwörungstheoretisch wähnen sie sich in einem von der „Gender-Ideologie“ geprägten „Umerziehungsstaat“, programmatisch (und teilweise auch schon parlamentarisch) unterstützt werden sie dabei von der AfD, für die jede Form der Gleichstellungspolitik zu den Auswüchsen der „linksgrün versifften“ Republik gehört, die es zu überwinden gelte.

Das aktuelle Gutachten zum Gleichstellungsbericht im Auftrag der Bundesregierung bemüht sich, das Geschlechterverhältnis umfassend zu beleuchten. Als roten Faden nennt die Kommission dabei, das „Erwerbs- und Sorge-Modell für Frauen und Männer in ihrer Vielfalt zu ermöglichen”. In diesem Verständnis sei Gleichstellungspolitik „auch für viele Männer wichtig und die enthaltenen Handlungsempfehlungen haben positive Auswirkungen auf ihre Lebensrealitäten“, betonen die Autorinnen und Autoren.

Die Sachverständigen fordern explizit, dass „Strukturen erkannt und beseitigt werden, die Männer aufgrund des Geschlechts an der Verwirklichung ihrer Lebensentwürfe hindern“. Sie erwähnen zum Beispiel die überlangen Arbeitszeiten von Männern im Beruf, das wachsende Engagement von Männern als Väter und bei der Pflege von Familienangehörigen sowie die besonderen Schwierigkeiten der überwiegend männlichen Geflüchteten.

Dass diese Aspekte im zweiten Gleichstellungsbericht zumindest auftauchen, ist durchaus ein Fortschritt gegenüber der ersten Expertise. Und es ist ganz im Sinne einer emanzipatorischen Geschlechterpolitik, die Männer nicht nur gönnerhaft als Unterstützer „einbezieht“, sondern sie als eigenständige Akteure anerkennt.

06:00 18.05.2017

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