Nicht nur die Liebe zählt

Kennenlernen Eine Dating-Show in China ist die meistgesehene Sendung der Welt. Was erzählt sie über den gesellschaftlichen Wandel des Landes?
Katharina Finke | Ausgabe 51/2013

Luxus statt Liebe – das scheint in China die Losung für immer mehr junge Frauen zu sein. Öffentlich zur Sprache brachte das zum ersten Mal eine Kandidatin, als sie vor drei Jahren in der bekanntesten Dating-Show des Landes sagte: „Ich würde lieber in einem BMW weinen, als auf dem Gepäckträger eines Fahrrads lachen.“

Die Anfangzwanzigjährige ging dann zwar Herzblatt-technisch leer aus, doch trat sie mit dem offenen Satz eine Diskussion los: Viele, allen voran die Staatsmedien, kritisierten die Dating-Shows scharf, da sie Materialismus und falsche Werte vermittelten. Um das zu unterbinden, führte die Regierung neue Regeln ein: Das Einkommen darf nun in der Show nicht genannt werden. Und es gibt einen dritten Moderator, der das „moralische Gleichgewicht“ gewährleisten soll. Außerdem wird das aufgezeichnete Material vor der Ausstrahlung kontrolliert.

Doch trotz der neuen Anti-Materialismus-Regeln ist das 2010 gestartete Format Fei Cheng Wu Rao („Wenn du’s nicht ernst meinst, dann lass mich in Ruhe“) nach wie vor extrem erfolgreich. Neben den Staatsnachrichten ist es mit teils über 50 Millionen Zuschauern pro Episode die am meisten geschaute Fernseh-Show Chinas und damit gleichzeitig der Welt. Das im südchinesischen Nanjing produzierte Format wird jedes Wochenende im Abendprogramm ausgestrahlt. Jiangsu TV hatte es angesichts des großen Bedarfs an Dating-Möglichkeiten in China von einer australischen Sendung abgekupfert: 24 Frauen, Anfang zwanzig, treffen auf vier bis fünf Männer im Alter von 20 bis 50 Jahren. Denn in China ist es nicht ungewöhnlich, dass Frauen wesentlich jünger sind als ihre Partner.

Licht aus: kein Interesse

Wer an der Show teilnehmen will, muss sich zunächst schriftlich oder telefonisch bewerben. Wenn man Glück hat, wird man zum Interview eingeladen, was aufgrund der hohen Bewerberzahl aus ganz China mit stundenlanger Wartezeit verbunden ist, erzählt Michael Lewis, der 2011 die Show gewonnen hat. Der zwanzigjährige Amerikaner mit chinesischen Wurzeln ist Jungunternehmer und viel beschäftigt. Doch um über seine Erfolge zu sprechen, nimmt er sich gern Zeit. Er hat ein Treffen zum Mittagessen in der Nähe seines Büros in Peking vorgeschlagen. „Wenn man als männlicher Teilnehmer akzeptiert wird, besucht ein Team vom Fernsehsender einen zu Hause und dreht kurze Videoclips, in denen man vorgestellt wird“, erzählt er. Es geht um den Beruf, Interessen, Liebesleben und eine Einschätzung von Freunden.

Wenn die Intro-Videos der Männer in der Show gezeigt werden, dürfen die Frauen, die selbst nicht zu Hause gefilmt werden, Nachfragen stellen. Lewis hat einen einfachen Tipp, wie man diese übersteht: „Man sollte vor allem höflich sein und die Frauen nicht vor den Kopf stoßen.“ Denn sonst schalten diese ihr Licht aus, was bedeutet, dass sie dem Kandidaten keine Chance mehr geben. Sobald alle Lichter aus sind, hat der Mann verloren. Bleiben welche an, darf er entscheiden, ob er sich auf ein Date einlässt.

Worauf die Frauen bei ihrer Entscheidung für Licht-an oder Licht-aus achten, lässt sich durch eine Sichtung der Show nicht eindeutig beantworten. Auf Nachfrage wollte keine ehemalige Kandidatin darüber sprechen: Es wurde ihnen entweder von der TV-Produktion direkt mit Verweis auf Verträge verboten – oder sie trauten sich einfach nicht. Lewis ist aber überzeugt, dass die finanzielle Absicherung bei den Frauen im Vordergrund steht: „Sie wollen jemanden, der ihnen Sicherheit gibt. Im Zweifel auf Kosten der Liebe.“

Der chinesische Dating-Show-Boom und die gesellschaftliche Resonanz, die die Sendungen finden, erzählten viel über das sich wandelnde China. Früher wurden die Ehen hier auf dem Land arrangiert. Heute sind viele junge Leute Single, bei den 18- bis 25-Jährigen inzwischen rund 200 Millionen. Und bei vielen gibt es eine große Unsicherheit, wie man damit umgehen soll. Aber ist eine Dating-Show überhaupt der richtige Ort, jemanden kennenzulernen? „Ich glaube, es ist eine Plattform, die jeder so nutzen kann, wie er will“, sagt Christopher Tuang, der in diesem Jahr eine Folge gewonnen hat.

Alles nur Spaß

„Manche nehmen die Show sehr ernst und bereiten sich wochenlang darauf vor“, sagt Michael Lewis. „Andere – wie ich – machen es nur, um Spaß zu haben.“ Außerdem winkt der Gewinn einer einwöchigen Reise nach Griechenland oder auf die Malediven, die man mit oder auch ohne Showpartner antreten darf. Sowohl Lewis als auch Tuang sind nicht mir ihrer Auserwählten verreist, erzählen sie. In Kontakt seien sie mit ihnen auch nicht mehr. Von länger anhaltenden Bekanntschaften unter Teilnehmer haben sie noch nichts gehört.

„Am Anfang habe ich zwar noch mit dem Mädchen hin- und hergeschrieben“, sagt Tuang. „Aber es stellte sich heraus, dass sie am anderen Ende des Landes lebt, und so hat sich das wieder verlaufen.“ Ob die Dating-Show damit ihrem Slogan „Wenn du’s nicht ernst meinst, dann lass mich in Ruhe“ gerecht wird? Wohl eher nicht.

Aber in Zukunft ist das vielleicht auch nicht mehr so wichtig. Denn nach dreißig Jahren soll nun die Ein-Kind-Politik wieder gelockert werden. Sollte das wirklich passieren, wird es auch dem herrschenden Frauenmangel, der vor allem in ländlichen Regionen ein Problem ist, entgegenwirken. Ein Effekt der strikten Geburtenregulierung war, dass sich viele Eltern bei weiblichen Föten für eine Abtreibung entschieden. Den jetzigen Singles Mitte Zwanzig bringt die Ankündigung allerdings wenig. Sie werden weitersuchen – auf Fernsehbühnen und abseits davon.

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