Nichts als schwarze Fahnen

Seufzer und Schreie Das nicht immer verträumte Holz der modernen arabischen Lyrik in dem Sammelband »Zwischen Zauber und Zeichen«

Die moderne arabische Lyrik hat einen weiblichen und einen männlichen Namen: Nazik al-Mala´ika und Badr Shakir as-Sayyab. Beide studierten kurz nach dem Zweiten Weltkrieg am Teacher´s Training College in Bagdad englische Literaturgeschichte. Unbeeinflusst voneinander versuchten sie in ihren Gedichten die verbreitete Starrheit und Monotonie in der damaligen arabischen Lyrik zu durchbrechen und neue Formen zu finden. In einem ihrer berühmtesten Gedichte Die Cholera , das unter dem starken emotionalen Eindruck der Cholera-Epidemie entstanden war, die 1947 von Ägypten in den Irak eingeschleppt wurde, setzte die 1923 in Bagdad geborene al-Mala´ika zum ersten Mal Reim und Metrum anders ein, indem sie mit einer variablen Zahl von Versfüßen arbeitete - in bewusstem Gegensatz zu dem, was zu dieser Zeit üblich war. Mit der gleichen Methode schrieb der 1926 im Südirak geborene as-Sayyab das Gedicht mit dem Titel War es Liebe? Es erschien 1946. Damit begann eine grundlegende formale und auch inhaltliche Wandlung innerhalb der arabischen Dichtung.

Rund einhundert Lyrikerinnen und Lyriker, die diesem Neubeginn folgten und noch folgen sind mit ihren repräsentativen Gedichten in einer Lyriksammlung erstmals auf Deutsch zu lesen. Die Gedichte variieren zwischen dem rhythmischen Gedicht, dem Free Verse und dem Prosagedicht. Liebe, Leid, Alltag sowie die Geschichte der arabischen Länder spiegeln sich in dieser Anthologie wider. Die inhaltlichen Veränderungen in den Gedichten, die politischen Einstellungen der DichterInnen und die neuen poetischen Bewegungen in der arabischen Welt kommen ebenfalls zum Ausdruck, besonders die in den sechziger Jahren entstandene neue literarische Strömung des Avantgardismus, der sehr stark von den neuen Gedanken der Beat-Generation in den USA und der Studentenbewegung in Europa beeinflusst war.

Der syrische Dichter Adunis ist der bedeutendste Vertreter dieser Schule. Der in Paris lebende Dichter hat auch im Westen als Querdenker und Erneuerer der arabischen Kultur einen Namen. Der 1965 geborene irakische Dichter, Khalid al-Maaly, der Herausgeber dieses Lyrikbandes, nennt ihn allerdings als bekanntes Beispiel für ein arabisches Grundübel: Adunis begrüßte enthusiastisch in einem Gedicht die 1979 stattgefunden habende »Islamische Revolution« im Iran und pries die Stadt Qum, das Zentrum Khomeinis und der Mullahs. »Bemerkenswerterweise schrieb er den Text in jener klassischen Form, in der man Lobgedichte auf seinen Herrscher verfasste«, so der Herausgeber.

Dass ein Dichter zugleich eine gesellschaftlich-politische Rolle übernehmen soll, war in der arabischen Welt der zwanziger und dreißiger Jahre ein Hauptgedanke. In den kulturellen Zentren Kairo, Damaskus und Beirut stellten sozialistische und marxistische Intellektuelle sich gegen das elitäre Kunstverständnis des literarischen Establishments im »Elfenbeinturm«. Sie setzten sich für die Aufklärung der ungebildeten und unterdrückten gesellschaftlichen Schichten ein. Durch ihre zeitgemäßen, realistischen und sozialkritischen Werke sollten sie diesen breiten Massen ein klares Bewusstsein von ihrer fremdbestimmten Lebenssituation vermitteln.

Spätestens in den frühen fünfziger Jahren rückte das literarische Engagement in den Brennpunkt der Literaturdebatten im arabischen Osten. In den Auseinandersetzungen über Sinn, Funktion und Orientierung des literarischen Schaffens kristallisierten sich die Standpunkte von Kulturschaffenden, also von Literaten, Intellektuellen, Publizisten und Kritikern hinsichtlich der Probleme und Erfordernisse ihrer Zeit heraus. Im Mittelpunkt der Debatte stand der Begriff des literarischen und poetischen Engagements. Zunächst war dieser Terminus von der Sartreschen Literaturtheorie geprägt. Wenig später wurde er von der marxistisch-stalinistischen Vorstellung über den Sozialistischen Realismus beeinflusst. Aus heftigen Auseinandersetzungen erwuchs dann der moralische Appell an die Literaten, ihr Schaffen in den Dienst eines demokratisch und gleichberechtigt ausgerichteten arabischen Nationalismus zu stellen.

Gegen diesen Appell wandten sich viele Kulturschaffende. Der Tenor ihrer Argumentation lautete: Dies führe zur Abhängigkeit der Dichter. Durch eine solche Sichtweise versperre sich der Autor die Freiheit der Meinungsäußerung und verhindere die Kommunikation zwischen sich und der Gesellschaft, ja sogar die innere Auseinandersetzung mit sich selbst, so der Prosa-Autor Halim Barakat. Mit dem Junikrieg 1967 brach die politische Ordnung der arabischen Länder in sich zusammen. Die letzte Hoffnung auf einen arabischen Zusammenhalt schwand mit Ausbruch des libanesischen Bürgerkriegs und dem ägyptisch-israelischen Friedensvertrag endgültig.

Nach dem Juni-Krieg 1967 sind neue Klagelieder voll Verzweiflung und rhetorischem Überschwang gedichtet worden. Der Verlust Jerusalems - nach Mekka und Medina der drittheiligsten Stadt des Islam - hat die Dichter zu immer neuen Seufzern und Schreien inspiriert. Das Palästina-Problem ist das wichtigste der Themen der engagierten jüngeren Generation. Selbst stärker lyrisch oder individualistisch ausgerichtete Talente wie Nazik al-Malai´ka oder Nizar Qabbani (Syrien, geboren 1923), haben sich jüngst auch zu politischen und sozialen Fragen geäußert. Die Dichter dieser Generation experimentieren gewagter mit der Sprache und vermitteln ihre Gefühle und Erfahrungen durch surrealistische Bilder und Verse. Wadi´ Sa´ adah (Libanon, geboren 1948) trauert über den Verlust seines Landes, dessen Männer alle fort gingen. »drum vermählten sich/seine Frauen mit den Bäumen.« Hashim Shafiq (Irak, geboren 1950) sucht nach seinem Haus und findet »nichts als schwarze Fahnen in der okkupierten letzten Nachtstunde flatternd.«

Die Lyrikerinnen haben in der Anthologie, einen besonderen Platz, vor allem Dichterinnen wie Huda Ablan (Jemen, geboren 1971) und Dhabia Khamis (VAE, geboren 1958), die im Westen vorwiegend bekannt sind, weil sie in ihrer Poesie aus Frauenperspektive schreiben. In nüchterner Sprache skizziert Khamis in einem Gedicht die erste Begegnung eines schüchternen Mädchens mit seinem Frausein. Zuversicht und Freude färben diese Skizze. Mütterliche Zärtlichkeit und Küsse begleiten die spannende Begegnung in der Vormittagssonne. Im Gegensatz zu diesem hoffnungsvollen Gedicht schildert Huda Ablan, die 1998 den im Scheichtum Al-Sharjah in den Vereinigten Arabischen Emiraten vergebenen Lyrikpreis Andiyat al-Fatayat erhielt, mit poetischen Bildern ihre Verzweiflung als Frau in einer geschlossenen Gesellschaft. Im Gedicht Dinge ist ihr Bett aus verträumtem Holz. Sie hat einen Wasserhahn voller Erinnerungen und ihr glühendes Herz verwandelt sich irgendwann in viel Rauch. Am Ende stellt sich aber heraus, dass sie trotz ihrer inneren Reichhaltigkeit »tür- und fensterlos.« ist. Schade, dass es für die deutsche Leserschaft oft nicht einmal aus den Biographien zu entnehmen ist, ob das Gedicht von einem weiblichen oder männlichen Lyriker verfasst worden ist.

Zwischen Zauber und Zeichen. Moderne arabische Lyrik von 1945 bis heute. Herausgeber: Khalid Al-Maaly. Verlag Das arabische Buch, Berlin 2000, 493 S., 49, 80 DM

Fahime Farsaie, 1952 in Teheran geboren, wurde im Iran unter dem Schah ebenso verfolgt wie später unter Khomeini. 1983 floh sie in die BRD, 1989 erschien im Frankfurter dipa-Verlag der Band Die gläserne Heimat, 1991 der Roman Vergiftete Zeit, 1994 der Erzählungs-Band Die Flucht und andere Erzählungen, 1998 im Kölner Dittrich-Verlag ihr Roman Hüte dich vor den Männern, mein Sohn.

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00:00 24.08.2001

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