Nichts dem Zufall überlassen

Häftling 46664 Anfang Februar 1990 will Südafrikas Präsident Frederik Willem de Klerk seinen prominentesten Gefangenen freilassen, doch Nelson Mandela winkt zunächst ab

Südafrika erlebt vor 20 Jahren eine ähnliche Zeitenwende wie Osteuropa: Ein Regime zerbricht, das Feinden und Freunden Jahrzehnte lang als unzerstörbar galt und eine Politik der Rassentrennung zur Staatsräson erhoben hat. Zum Jahreswechsel 1989/90 wird im Süden Afrikas ebenso Weltgeschichte geschrieben wie zur gleichen Zeit in Europa. Vieles stand auf des Messers Schneide, alles war möglich – vom friedlichen Übergang über Anarchie und Chaos bis zum blutigen Bürgerkrieg.

Die dramatische Chronik des „Langen Weges zur Freiheit“, wie sie Nelson Mandela später nennen wird, beginnt eigentlich schon am 31. Januar 1985. Präsident Pieter Willem Botha bietet Mandela in einer Parlamentsdebatte die Entlassung aus dem Zuchthaus an. Es ist der sechste Versuch, den unbequemen Gefangenen aus Robben Island loszuwerden, aber der erste, von dem die Öffentlichkeit erfährt. Die Bedingung ist immer die gleiche: Mandela soll der Gewalt abschwören. Mandela lehnt ab – er will Freiheit für alle politischen Gefangenen, Aufhebung des ANC-Verbots, freie Wahlen, das Ende der Apartheid. Für das Regime undenkbar, noch wollen die Weißen in ihrer Wagenburg verschanzt bleiben. Und glauben sich dort sicher

November 1987: Ein neuer Testballon. Govan Mbeki – Vater des späteren Staatschefs Thabo Mbeki – wird aus der Haft entlassen. Was erwartet das Apartheidregime von Mandelas engstem Vertrauten? „Er soll nach Hause gehen und auf den Tod warten“, sagt Innenminister Adriaan Vlok zynisch. Doch Govan Mbeki wird politisch sofort aktiv und prompt unter Hausarrest gestellt, wie es die ANC-Führung befürchtet hat.

Der Paukenschlag

Hinter den Kulissen verhandelt die Regierung weiter mit Mandela. Gerüchte überschlagen sich. Am 15. Oktober 1989 kommen Walter ­Sisulu und sieben weitere ANC-Führer frei. Frederik Willem de Klerk ist inzwischen Präsident und anders als Botha Pragmatiker, kein Hardliner. Er schafft einige der schlimmsten Rassengesetze ab. „De Klerk leitete eine systematische Demontage vieler Bausteine der Apartheid ein“, schreibt Mandela in seinen Memoiren.

Der 2. Februar 1990, ein Paukenschlag. Parlamentskorrespondent Peter Fabricius vom Cape Argus erinnert sich an die historische Stunde, als er mit seinen Kollegen die Parlamentseröffnungsrede de Klerks vorab bekommt: „Es herrschte angestrengtes Schweigen, als die Kollegen die ersten Seiten lasen, Außenpolitik, Wirtschaftspolitik und so weiter. Soweit nichts Besonderes. Doch dann: ‚Das Verbot des African National Congress, des Pan African Congress, der African Communist Party und anderer Organisationen wird aufgehoben.‘ Ein oder zwei Seiten weiter, fast wie eine Nachbemerkung dann: ‚Ich möchte klar sagen, dass die Regierung die unumstößliche Entscheidung getroffen hat, Herrn Mandela ohne Bedingungen freizulassen.‘“

Die Sensation ist perfekt. Die altgedienten Journalisten können nicht glauben, was sie gelesen haben. Als Präsident de Klerk dann ans Rednerpult tritt, beobachten sie im Plenum ähnliche Reaktionen: Ungläubiges Erstaunen, blankes Entsetzen. Am härtesten trifft es de Klerks National Party. Der Präsident wollte vor seiner Rede keinen der Abgeordneten ins Vertrauen ziehen. Zu umstritten ist sein Kurs in den eigenen Reihen. Wie erstarrt sitzen die NP-Abgeordneten auf ihren Sitzen.

Nun geht es Schlag auf Schlag: Sieben Tage nach de Klerks historischer Rede wird Mandela aus dem Victor-Verster-Gefängnis in den Amtssitz des Präsidenten gebracht. Er vermerkt darüber später: „Ich kam um sechs Uhr abends dort an. In seinem Büro traf ich einen lächelnden Mister de Klerk, und als wir uns die Hand schüttelten, sagte er mir, am folgenden Tag würde ich aus dem Gefängnis entlassen.“ Mandela lehnt zum Erstaunen de Klerks ab. Er will die Dramaturgie seiner ersten Schritte in die Freiheit nach 27 Jahren Haft selber schreiben. Morgen einfach hinauszugehen, werde ein Chaos verursachen. Eine Woche brauche er – so Mandela –, um noch aus der Haft heraus seine Anhänger und sich vorzubereiten. De Klerk hat die Auslandspresse bereits informiert. Präsident und Häftling einigen sich schließlich auf den 11. Februar.

Gegen 16 Uhr verlässt Nelson Mandela an diesem Tag das Victor-Vester-Gefängnis in der Nähe von Paarl. Seine Fahrt nach Kapstadt wird zum Triumphzug. Die ganze Welt schaut zu, doch noch herrscht das Apartheidregime. „Der Anblick der Freiheit am Horizont sollte uns ermutigen, unsere Anstrengungen zu verdoppeln“, ruft Mandela seinen Anhängern zu, die ihn bei seiner Rede auf der Grand Parade in Kapstadts Zentrum feiern „wie einen Messias“ (Mandela).

Für die tief verletzte Nation scheint ein Traum Realität zu werden, für den der streitbare Erzbischof Desmond Tutu den schillernden und bis heute unerfüllten Begriff von der Regenbogennation geprägt hat. Mandela macht dem Apartheidregime und der Weltöffentlichkeit unmissverständlich seine Ziele klar: keine Rassentrennung mehr, freie Wahlen – ein Land, in dem Schwarze, Weiße und Farbige gleichberechtigt zusammenleben können. Es soll noch vier lange und unruhige Jahre dauern, bis der Häftling 46664 von der Gefängnisinsel Robben Island am 10. Mai 1994 im trutzigen Union Building von Pretoria als erster schwarzer Präsident Südafrikas vereidigt wird, und das Land am Kap zu seiner zaghaften Reise in die Demokratie aufbricht.

Fünf Jahre steht Mandela an der Spitze des geläuterten Staates. Eine Zeit, in der ihn die Welt feiert, doch die Hoffnungen der schwarzen Mehrheit unerfüllt bleiben. Das Land ist in Aufruhr. Die Inkatha Freedom Party liefert ANC-Anhängern blutige Schlachten. Jacob Zuma ist es, der sich als Vermittler und Friedensstifter einen Namen macht, auch wenn Mandela die Integrationsfigur bleibt, um die sich alles schart.

Als er 1999 abtritt, hinterlässt er seinem Nachfolger Thabo Mbeki ein wirtschaftlich boomendes Land, an dessen Reichtum nach wie vor nur wenige teilhaben. Mbeki isoliert sich zunehmend, regiert am Volk vorbei. Seine Aids-Politik ist verhängnisvoll. Aids-Aktivisten rechnen ihm später vor, er habe den Tod von über 300.000 Menschen zu verantworten. Statt massiv in das Bildungs- und Gesundheitssystem zu investieren, kauft er Fregatten, U-Boote, Helikopter und Kampfjets. Als Simbabwe-Mediator scheitert er kläglich. Je länger Mbeki regiert, desto stärker verblasst einstiger Glanz.

Noch nicht zu Ende

Thabo Mbekis umstrittener Nachfolger Jacob Zuma übernimmt einen Staat, der von einer Rezession gezeichnet ist, eine Kluft zwischen arm und reich aufweist wie kein anderes Gemeinwesen der Welt und die Rassentrennung als ökonomische Apartheid konserviert hat. 73 Prozent der Menschen ohne Job sind unter 35 Jahre alt. Südafrikas Wirtschaft jubelt zwar, ­doch Gewerkschaftsboss Zwelinzima Vavi poltert: „Im Gegenteil, wir stecken in einer katastrophalen Rezession, die durch steigende Arbeitslosigkeit, Armut und Ungleichheit gekennzeichnet ist. Wenn es denn irgendein Wachstum gibt, dann allein das Ansteigen der Arbeitslosigkeit.“

Jacob Zuma hatte bei seinem Amtsantritt im Vorjahr vielleicht die schwierigsten Startbedingungen aller Präsidenten Südafrikas seit dem Ende der Apartheid. Die Menschen in den Townships wollen – gerade angesichts der Prachtbauten für das Fußball-Championat – nicht länger auf ihren Anteil am Erfolg warten. Fast täglich protestieren sie dagegen, dass sich in manchen ihrer Blechhütten-Siedlungen immer noch bis zu 400 Menschen eine Toilette und eine Wasserzapfstelle teilen müssen. Das jährliche „Barometer“ des Institute for Justice and Reconciliation ergab für 2009 eine erschreckende Bilanz: Weniger als ein Drittel der Befragten vertritt die Ansicht, seit dem Übergang zur Demokratie im Jahr 1994 sei es für sie auf dem Arbeitsmarkt und bei der persönlichen Sicherheit wirklich besser geworden.

Nelson Mandela hat sich völlig aus der Politik zurückgezogen, bleibt aber die große moralische Instanz, die Südafrika nicht auseinander driften lässt. Für ihn und sein Land hat der prophetische Schlusssatz seiner Autobiografie in dem für Südafrika brisanten Jahr 2010 nichts an Aktualität eingebüßt: „Mein langer Weg ist noch nicht zu Ende.“


11:40 11.02.2010

Ausgabe 14/2020

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