Nichts ist entschieden

Castortransport Am Wochenende soll wieder Atommüll im Wendland ankommen, die Proteste sind bereits angelaufen. Die Anti-AKW-Bewegung misstraut dem angekündigten Neustart der Endlager-Suche

Francis Althoff gehört zu jenen Wendländern, deren Lebensläufe vom Kampf gegen ein Endlager in Gorleben umgeschrieben wurden. Nun macht er sich wieder bereit. Am Wochenende wird ein weiterer Castortransport im Wendland erwartet – der letzte mit deutschem Atommüll aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague.

Beim „Unruhetag“ zur Eröffnung der diesjährigen Widerstandskampagne sitzt Althoff in Lübbow am Stand der Bürgerinitiative Umweltschutz, die hier jeder nur „BI“ nennt. Hinter T-Shirts, Büchern und den gelben X-Kreuzen der Endlager-Gegner muss er eine Frage beantworten, die ihm in all den Jahren noch nie gestellt wurde: Warum er denn noch hier sitze, obwohl doch so gut wie sicher sei, dass in Gorleben kein Endlager gebaut werde? Trotz der Pläne von Bund und Ländern für einen Neustart der Endlagersuche kann Althoff da nur müde lächeln. „Nichts ist entschieden“, sagt er ruhig. „Im Wendland weiß man sehr genau, wie schnell sich der Wind politisch drehen kann.“

Die BI-Leute haben alles schon erlebt. Sie haben gestaunt, als der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht Gorleben, das Nest an der DDR-Grenze, Ende der siebziger Jahre in die „Tagessschau“ brachte. Sie haben gelitten, als die Polizei das Hüttendorf der „Freien Republik Wendland“ abriss. Sie haben sich über sich selber gefreut, als Albrecht die in Gorleben geplante Wiederaufarbeitungsanlage als „politisch nicht durchsetzbar“ beerdigte. Sie haben aufmerksam verfolgt, wie Tschernobyl die Atomkraftbefürworter in die Defensive brachte, wenn auch nur vorübergehend. Zuletzt haben sich die Wendländer, wie viele anderen, über Fukushima gegruselt.

Wider den politischen Druck

Seit 34 Jahren wehrt sich das Wendland gegen das Endlager und gegen das Zwischenlager, das die Castorbehälter einstweilen aufnimmt. Die Aktivisten, welche die BI Umweltschutz als „Dachmarke“ vertritt, zerfallen in zahlreiche Gruppen und Grüppchen. Sie reichen von der Bäuerlichen Notgemeinschaft, zu der seit Generationen im Wendland ansässige Landwirte zählen, bis zu stadtflüchtigen Berlinern und Hamburgern. Zwei Thesen halten das Bündnis zusammen. Zum einen: Gorlebens Salzstock eignet sich nicht für ein Endlager. Zum anderen: Jedes Kilo Atommüll, das produziert wird, erhöht den politischen Druck, ein Endlager auch dann in Betrieb zu nehmen, wenn es unsicher ist. Deshalb fordern sie ein sofortiges Abschalten der Atommeiler.

Auch im Landkreis Lüchow-Dannenberg hat wohl kaum jemand für möglich gehalten, dass ein Erdbeben und ein Tsunami in Japan die Endlager-Pläne für Gorleben ins Wackeln bringen. Eine schwarz-gelbe Bundesregierung in Berlin will nun über den Endlager-Standort neu nachdenken, eine CDU/FDP-geführte Landesregierung in Hannover spricht sich gegen einen Castortransport in diesen unruhigen Zeiten aus. „Auch wir wollen diese Fahrten nicht“, sagte Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) im Landtag. Im übrigen dürfe Niedersachsen „nicht weiter allein die Last der Endlagerung übernehmen“. Schon jetzt stehen im Zwischenlager Gorleben 102 Castorbehälter mit hochradioaktivem Müll. Auch nach dem Ende der Fahrten aus La Hague könnten von 2014 bis 2017 noch 21 aus dem britischen Sellafield hinzukommen. Theoretisch passen bis zu 420 Behälter in die Zwischenlagerhalle.

BI-Sprecher Wolfgang Ehmke bleibt jedenfalls skeptisch: „In Gorleben wird seit 1986 ein Bergwerk aufgefahren. Niemand glaubt, dass es in der Endlagersuche angesichts der Fakten, die hier geschaffen werden, eine ehrliche Wende gibt.“ Jochen Stay, Sprecher der Inititiative „ausgestrahlt“, ergänzt: „Im Bundeshaushalt für 2012 sind 73 Millionen Euro für den Weiterbau von Gorleben vorgesehen und lediglich drei Millionen für die Suche nach Alternativen. Wer das als Neustart darstellt, will uns für dumm verkaufen.“ Weil weder Baustopp noch Castortransport-Absage zu erwarten seien, werde der Protest gegen den Transport „ein nächstes Ausrufezeichen setzen“, sagt BI-Sprecher Ehmke. In Anzeigen der Elbe-Jeetzel-Zeitung fordern die Bürger von Gühlitz und Naulitz, Tolstefanz und Meuchefitz reihenweise die Absage des Transports. Die Blockade-Profis von „X-tausendmal quer“ bieten Training an, auf losen Treffs finden sich „Bezugsgruppen“ zusammen und lassen sich von Juristen informieren.

50 Meter demokratiefreie Zone

Am 26. November könnte der Zug mit dem strahlenden Müll aus La Hague in Lüneburg ankommen. Die 50 Kilometer von dort nach Dannenberg sind aus Sicht der Transporteure immer besonders kritisch, weil sich hier der Widerstand ballt. Wie vor jedem Transport hat die Bezirksregierung Lüneburg deswegen eine „Allgemeinverfügung“ erlassen, die in der Elbe-Jeetzel-Zeitung zwei engbedruckte Seiten füllt. Vom 26. November (00.00 Uhr) bis zum 6. Dezember (24.00 Uhr) sind demnach „unangemeldete öffentliche Versammlungen unter freiem Himmel und Aufzüge 50 Meter beidseits der Bahnstrecke Lüneburg-Dannenberg verboten.

Kerstin Rudek von der BI Umweltschutz kommentiert die Allgemeinverfügung so: „Wie immer nimmt die Polizei das Geschehen in die Hand, während die Politik kneift.“ Die Wendländer und ihre Gäste ließen sich das Demonstrieren aber auch während des Transports nicht verbieten, sagt Rudek. Eine solche Ordnungswidrigkeit sei mit Falschparken vergleichbar.

In Dannenberg werden die Atommüll-Behälter von der Bahn auf Spezial-Lastwagen umgepackt, auf denen sie die letzten 20 Kilometer bis zum Zwischenlager Gorleben absolvieren. 185 Organisationen und Initiativen haben dazu aufgerufen, am 26. November in Dannenberg gegen den Castortransport zu demonstrieren. „aus­gestrahlt“-Sprecher Stay rechnet mit „deutlich mehr Teilnehmern als bei einem normalen Castortransport“, auch wenn nicht absehbar sei, ob die Zahlen des Jahres 2010 erreicht würden. Seinerzeit hatte die Bundesregierung für besonders viel Empörung gesorgt, weil sie die Laufzeiten für die Atomkraftwerke verlängert hatte.

Dass Anti-Atom-Aktivisten die gesamte Transportstrecke mit Aktionen überziehen können, haben sie schon bewiesen, so auch beim Transport vor drei Jahren. Kurz hinter der französischen Grenze hatte sich eine junge Frau an einen Betonblock gekettet, der im Bahndamm versenkt worden war. Zwölf Stunden hielten sie und ein Mitstreiter den Castor-Zug auf. Wegen Nötigung wurde die Frau kürzlich zu zweieinhalb Monaten Haft verurteilt. Weil sie ihre Strafe am 14. Oktober in Frankfurt angetreten hat, dürfte sie in diesem Jahr kein Hindernis für den Castor-Zug darstellen.

Arne Boecker, früher Redakteur und Pressesprecher, arbeitet heute als freier Journalist

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12:17 24.11.2011

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