Susanne Donner
06.12.2011 | 20:11 4

Nichts zu reißen

Unschuld Das Jungfernhäutchen? Existierte nie. Trotzdem bleibt das Hymen für viele Frauen ein heikler Mythos, dessen Erhalt dubiosen Ärzten viel Geld einbringt

Rein und tugendhaft gebar die Jungfrau Maria ihren Sohn in Bethlehem. Mit ihrem Mann Josef hatte sie nie geschlafen, gewiss nicht: Nur eine Unberührte konnte Mutter von Jesus sein – und nicht zuletzt deshalb kommt der Jungfrau im Christentum wie auch in anderen Religionen und Kulturen bis heute ein besonderer Status zu.

Denn unberührt soll die Frau in die Ehe gehen. Zum Beweis zeigen manche frisch vermählten Paare nach der Hochzeitsnacht noch immer ein mit Blut beflecktes Laken, ein Dokument der anatomischen Unschulds-Entsprechung: Die Frau trägt ein biologisches Siegel, das mit dem ersten Geschlechtsverkehr unter Blut und Schmerzen gebrochen wird, als Strafe und Stigma zugleich. Im Christentum gilt das Jungfernhäutchen oder Hymen seit dem Mittelalter als Wächter der Jungfräulichkeit. Als die Marienverehrung erstarkte und das Vaterrecht sich durchsetzte, wurde es Männern wichtig, der Erste und Einzige zu sein, der mit einer Frau schläft, um nicht die Kinder eines Nebenbuhlers zu versorgen.

Doch Anatomen wissen seit Jahrhunderten, dass ein solches Siegel gar nicht existieren kann: Ein Häutchen, das die Vagina der Frau komplett abschirmt, hielte schließlich auch das Menstruationsblut zurück. Stattdessen ist das, was man als Häutchen bezeichnet, selten mehr als ein schmaler Gewebesaum, der beim ersten Sex auch fast nie reißt und oft noch nach einer Geburt aussieht wie vor dem ersten Geschlechtsverkehr. Seine Beschaffenheit jedenfalls lässt „in den meisten Fällen keine Schlüsse auf die Jungfräulichkeit zu“, stellt Gerichtsmedizinerin Anette Solveig Debertin von der Universität Hannover klar. Offenkundig hat die Evolution keinen anatomischen Jungfernanzeiger hervorgebracht. Aber wozu dann überhaupt ein Hymen?

Der Sinn der Gewebefalte liegt vermutlich darin, den Samen im Körper zu halten und so die Befruchtung zu unterstützen. Insofern wäre es geradezu widersinnig, wenn der Saum nur einmal hielte. Nur 23 Prozent der Frauen bluten beim ersten Mal und meist auch nur schwach, berichtet die schwedische Frauenärztin Anita Jones Hagstad und stützt sich auf eine Umfrage in der eigenen Praxis. Geburtshelferin Monica Christianson von der schwedischen Universität Umea ergänzt, dass auch Männer manchmal beim ersten Sex bluten. „Das Blut, das der Frau zugeschrieben wird, wird im einen oder anderen Fall vom Partner stammen“, sagt sie. Was nicht so recht ins Bild vom starken Adam und der unversehrten Eva passen will.

Eine hartnäckige Mär

Dass sich der Mythos bis heute hält, ist dabei nicht nur Schuld der Männer: Die Frauen selbst waren und sind in der Lage, die Mär vom leiblichen Jungfernsiegel und dem Blut auf dem Laken zu entlarven. Aber in einigen Kulturkreisen greifen Vermählte bis heute zu alten Tricks wie Tierblut, um den gesellschaftlichen Normen Rechnung zu tragen. Und auch in aufgeklärten, sexualliberalen Gesellschaften wird der Mythos von der Jungfernhaut eifrig fortgeschrieben. Im Sexualkundeunterricht, in der Wikipedia und in der Jugendzeitschrift Bravo – überall reißen die Häutchen.

Als Monica Christianson und Gesundheitswissenschaftlerin Carola Eriksson von der schwedischen Universität Uppsala 198 Schüler im Alter von 17 und 18 Jahren zum Jungfernhäutchen befragten, fühlten sie sich in Großmutters Zeiten zurückversetzt. 87 Prozent der Mädchen und 57 Prozent der Jungen hielten es für ein empfindliches Gewebe, das während des ersten Geschlechtsverkehrs reißt. Dass weniger Jungs so falsch lagen, rührte dabei nicht vom besseren Wissen: Einige waren des weiblichen Körper derart unkundig, dass sie das vermeintliche Häutchen nicht mal zu verorten wussten. Die Mehrheit aber hielt das Hymen für Symbol und Beweis der Virginität, schreiben die Autorinnen im Journal of Midwifery Women’s Health. Christianson zeigt sich ernüchtert: „Die Jugendlichen kennen den G-Punkt und alle erdenklichen Sexualpraktiken, nur nicht die schlichte Anatomie des weiblichen Körpers.“

An detaillierten Kenntnissen über die läppische Gewebefalte hapert es allerdings auch unter Ärzten. Mit weitreichenden Folgen. Anette Solveig Debertin untersucht täglich Hymen junger Mädchen, um Sexualdelikte aufzuklären. „Ich führe einen großen Kampf gegen permanente Fehldiagnosen“, klagt Debertin. Oft widerspricht ihr Befund dem voriger Gutachter, meist Kinder- oder Frauenärzte, die nicht auf Hymenuntersuchungen spezialisiert sind. Seit 1999 widersprach die Expertin in mehr als 50 Prozent der Fälle dem Erstgutachter. „Die meisten Ärzte wissen nicht genau, wie variabel ein Hymen aussehen kann.“ In vielen Fällen werden Abweichungen im Erscheinungsbild des Saums, etwa dass dieser nicht ringsum vorhanden ist, sondern gen Bauchdecke fehlt, als Missbrauchsindiz fehlinterpretiert. Andere übersehen, dass Risse im Hymen verheilen können. „Die Bedeutung der Jungfernhaut zur Aufklärung von Sexualstraftaten wird massiv überschätzt. Meist lässt die Beschaffenheit gar keine Aussage zu, ob es zu einer Vergewaltigung gekommen ist oder nicht“, sagt Debertin.

Doch Gutachten über das Jungfernhäutchen dienen vor Gericht als Beweismittel. Auch auf ihrer Grundlage wird über die Schicksale von Opfern und Tätern entschieden. Wie oft mag es zu Fehlurteilen wegen falscher Befunde gekommen sein? Debertin: „Wir haben dazu keine Zahlen.“

Die meisten Mediziner verdienen indes am Mythos Jungfrau und der damit verbundenen falschen Vorstellung über das Jungfernhäutchen. Immer mehr Ärzte bieten sogenannte „Revirginationen“ an: In einer OP von rund 20 Minuten stellen sie das Jungfernhäutchen künstlich her. Mit einigen Stichen wird das Vaginalwandgewebe zu einem Wulst zusammengezurrt, damit es beim nächsten Geschlechtsverkehr blutet. Oder es wird eine Kunststoffmembran mit Kunstblut eingesetzt. Zwischen 200 und 4000 Euro verlangen Mediziner für diese Hymenrekonstruktion.

„Kein Joghurtdeckel“

Die Eingriffe finden natürlich im Geheimen statt. Mediziner veröffentlichen weder Resultate noch Komplikationen. Sie lernen sich untereinander an. Qualitätsstandards gibt es nicht. Die Bioethikerin Verina Wild vom Ethik-Zentrum der Universität Zürich brachte 2010 erstmals ein wenig Licht ins Dunkel der obskuren Praxis. Sie wertete anonyme Onlineanfragen zur Revirgination an das Universitäts- und Kinderspital in Zürich aus. Ihre Erhebung ist zwar nicht repräsentativ, aber aufschlussreich.

Es soll Frauen geben, die sich zur Jungfrau operieren lassen, um ihrem Partner ein Valentinsgeschenk zu machen, aber auf solche Fälle stieß Wild in den Anfragen nicht. Die 22 Frauen standen unter großem Druck und wollten sich eine blutige Hochzeitsnacht erkaufen. Sie interessierten sich nicht für die Risiken des Eingriffs, sondern dafür, wann, wo und zu welchem Preis ein Hymen wieder hergestellt werden kann. Sie begründeten ihre Frage mit kulturellen oder religiösen Normen oder mit dem Druck der Eltern, selten mit der Erwartung des künftigen Partners. „Bei uns darf man vor der Ehe keinen Geschlechtsverkehr haben. Ich bin eine Türkin. Ich muss mein Jungfernhäutchen wieder zunähen lassen“, schrieb eine Frau. Eine katholisch erzogene Südamerikanerin begründete ihre Anfrage ebenfalls mit der Ehrbarkeit vor der Hochzeit. Einige Frauen fürchteten um ihr Leben. „In der Vergangenheit hatten wir in Deutschland nicht wenige Ehrenmorde“, sagt die Psychologin Ada Borkenhagen vom Universitätsklinikum Leipzig. In patriarchalischen Gesellschaften, gerade in muslimischen Kulturkreisen, ist die Unberührtheit der Frau vor der Ehe eine Norm. Verstöße werden oft schwer bestraft.

Vor diesem Hintergrund sind Jungfern-OPs ethisch höchst strittig. Das politische Frauenmagazin Emma lehnt die Praxis ab, weil sie eine mangelnde sexuelle und emanzipatorische Selbstbestimmung der Frauen nur verfestigt. Etliche Ärzte weigern sich, den Eingriff durchzuführen. Wild findet dagegen, dass die Rekonstruktion zum Schutz der einzelnen Frau gerechtfertigt sein kann. Einen finanziellen Gewinn dürften Ärzte daraus allerdings nicht ziehen. Vor allem aber sei es „dringend notwendig, die Gesellschaft über die schwankende Form des Hymens und die variable Blutung beim Geschlechtsverkehr aufzuklären“.

In der Breite aber wird erst, seit sich Hymenrekonstruktionen häufen, der Ruf nach medizinischer Aufklärung über den Mythos Jungfrau lauter. Terre des Femmes bewirbt eine neue Broschüre mit dem Slogan: „Das Jungfernhäutchen ist kein Joghurtdeckel“. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung will künftig ebenfalls darüber informieren, dass kein Häutchen reißt und Blut nur selten und spärlich fließt. Es könnte der Anfang zur Entmystifizierung einer läppischen Gewebefalte sein, die noch immer über Leben und Tod, über eine glückliche Ehe oder üblen Leumund entscheidet. Sie sollte korrekterweise gar nicht „Jungfernhäutchen“ heißen, weil sie weder mit Haut noch mit der Jungfrau zu tun hat. Wie wäre es mit Frauensaum?

Susanne Donner schreibt im Freitag über Sexualpsychologie und andere Wissensthemen. Sie lebt und arbeitet in Berlin

Kommentare (4)

Tobi-Eiki 12.12.2011 | 13:58

Es ist doch tatsächlich erstaunlich, wie viele junge und auch ältere Menschen überhaupt nicht wissen, dass das "Jungfernhäutchen" bzw. der "Frauensaum" gar nicht existiert und alles nur mystifiziert wurde! Unbegreiflicher ist es jedoch, dass Aufklärungsmedien wie die BRAVO noch immer diesen Mythos bekräftigen und weiter antreiben. Erst, wenn Schulen, Medien sowie weitere einflussreiche Informationsträger begriffen haben, dass es sich hierbei um einen Mythos handelt, wird sich hoffentlich etwas an der Tatsache ändern, dass Menschen auch noch heute aufgrund des "Frauensaums" bis in den Tod getrieben werden. Und das im 21. Jahrhundert!

merdeister 06.01.2012 | 23:58

Heute musste ich an diesen Text denken. Im Bild-Lexikon der Anatomie von Thieme in der 9. Auflage, fand ich auf Seite 205 zwei Bilder:

Äußeres jungfräuliches Genitale

Äußeres weibliches Genitale

Ich bin in der Tat überrascht im Jahr 2011 solch einen Fehler in einem Anatomiebuch zu finden. Ohne den Freitag hätte ich es allerdings nicht bemerkt.

user unknonwn 30.11.2012 | 22:29

Als Aufklärungsmedium würde ich die Bravo nun nicht gerade bezeichnen. In erster Linie ist dieses Produkt dem Kommerz verpflichtet, und ein dramatischer Begriff der leichte Antworten suggeriert passt sicher besser in die Strategie des Blattes, als feinzisilierte Bedenken und Abwägungen. Vielleicht ist es aber auch schlichtes Nichtwissen, und ich tu dem Blatt Unrecht; d.h. sie würden nicht misinformieren, wenn sie es besser wüssten.