Nie war es so schick, mit der ganzen Welt zu sympathisieren

Selbstverliebter Distanzaffekt Eine Tagung misst den ethischen Ort des Mitleids aus

Die Germanistin und Philosophin Käthe Hamburger hat in den achtziger Jahren versucht, das Gefühl des Mitleids zu entmystifizieren. Mitleid, so Hamburger, sei ethisch neutral und habe mit Gerechtigkeit nichts zu tun. Auf einer jüngst zu Ende gegangenen Tagung der Freien Universität Berlin zum Thema Ethik und Ästhetik des Mitleids wurde diese unpathetische Sicht auf das Mitleidsphänomens zunächst gewürdigt - und dann behutsam korrigiert.

Mitleid ist ein akutes Gefühl, ein plötzliches Vibrieren des Körpers, ein Affekt, jäh, unstet, nicht kalkulierbar, irgendwo zwischen Entsetzen und Furcht anzusiedeln, ein Ausdruck leiblich gespürter Betroffenheit, eine "Widerfahrnis" eben. Mitleid läuft manchmal - wie etwa im Fall des Rennfahrers Michael Schumacher, der mehrere Millionen Euro für die Tsunami- Opfer spendete - in eine Handlung aus, wodurch das privat kultivierte Gefühl des Mitleidens sich zu etwas Nützlich- Zweckhaftem wandelt.

Ist das Gefühl des Mitleids, diese nach Ansicht Rousseaus "natürliche Abneigung", einen Anderen leiden zu sehen, erst einmal in eine intentional ausgerichtete Aktion - zum Beispiel eine kleine finanzielle Gabe - eingemündet, so verliert sich das Gefühl denn auch schnell: Übersetzt in einen Handlungsimpuls, wird die Emotion quasi "funktional" und damit überflüssig.

Man mag, darin Kant folgend, über das Mitleid verächtlich denken und es deshalb als eine herablassende und verachtungsreiche "Gefühlsgeste" desavouieren; man mag das Mitleid, zum Wohlgefallen Schopenhauers, als Urquell aller Menschlichkeit preisen; eines wird man nicht leugnen können: Wenn es sich tatsächlich so verhalten sollte, dass einen das Mitleid zufällig angreift, ohne eigenes Zutun, und wenn es, gleichfalls wie von selbst, von einem weicht, wenn man des Mitleidens also spätestens im Moment des Handelns überdrüssig werden kann - so taugt dieses Gefühl nicht dazu, ein moralisches Prinzip zu begründen. Sich der Ethik des Mitleids gewahr zu werden, heißt auch, den ethischen Gehalt des Mitleids nicht vorschnell zu überschätzen.

Das Gefühl des Mitleids ist, vom moralischen Standpunkt aus gesehen, weder gut noch schlecht. Keine Wissenschaftlerin vertrat diese Position so vehement wie Käthe Hamburger, die in ihrer 1985 erschienenen Schrift Das Mitleid alles daran setzte, die negativen Eigenschaften des Mitleids aufzuzeigen. Diese Schrift liest sich auch heute noch wie ein (durchaus geglückter) Versuch, das Mitleid zu entzaubern und ihm einen neuen - bescheideneren - ethischen Ort zuzuweisen: "Es scheint nicht zu viel und nicht zu wenig gesagt zu sein, wenn wir ihn als einen im ethischen Sinne neutralen bezeichnen." Käthe Hamburgers Denkschrift entpuppt sich als Angriff auf das schwärmerisch anmutende Diktum Lessings, wonach der "mitleidigste Mensch der beste Mensch" sei. Für Hamburger ist "mitleidig" ebenso wenig eine gültige und folglich von der Situation ihres Auftretens losgelöste Eigenschaft wie "tapfer" oder "selbstlos".

Der unpathetische Blick Hamburgers auf das Mitleidsphänomen hat viele Anhänger in der Philosophie gefunden - und so wundert es denn auch nicht, dass ihre Schrift den Ausgangspunkt vieler Reden bildete, die auf der Berliner Mitleid-Tagung gehalten wurden. Aus Sicht der Berliner Emotionsphilosophin Hilge Landweer liegt das Verdienst Hamburgers darin, das Gefühl des Mitleids als ein unpersönliches bestimmt zu haben. Paradox formuliert: Mitleid ist ein "Distanzgefühl", es ist ein Gefühl der Mitte, ein gemäßigter lauer Affekt. Der Tod eines Fremden, den wir nie gesehen haben und dessen Leid uns (etwa von den Medien) nie gezeigt wurde, löst bei uns kein Mitleid aus. Das Leiden dieses Menschen ist schlichtweg zu fern, geografisch wie emotional; das körperliche Leiden eines nahestehenden Menschen wiederum ist ein Ereignis, das direkt in unser Gefühlsleben hineinwirkt, weshalb wir nicht mehr mit dem Nächsten mitfühlen, sondern selbst vom Leiden, etwa vom Kummer, befallen sind. In dem Augenblick, in dem die Grenze zwischen der eigenen emotionalen Lage und der des anderen verloren geht, verwandelt sich auch das Mitleiden in etwas qualitativ anderes. Der Schmerz des besten Freundes löst in uns kein Mitgefühl aus, er geht uns buchstäblich zu nah.

Mitgefühl gründet auf der Erkenntnis, dass es einem selbst besser geht als einem zu bemitleidenden Anderen und dass man sich dieses Unterschieds gewahr werden muss. Ohne diese Einsicht, dem anderen überlegen zu sein, stellt sich kein Mitgefühl ein. Es ist diese notwendigerweise zu konstatierende "Überlegenheit", die das Gefühl des Mitleids so verdächtig macht. Ist nicht in jenem Superioritätsempfinden bereits etwas Verächtliches angelegt, was sich sodann auf die Mitleidshandlung überträgt?

Die Flutkatastrophe hat das Image des "Mitleids" aufpoliert - ein Umstand, dem sich auch Philosophen nicht entziehen konnten. Die Mitleidsverächter sind vorerst in die Defensive geraten, weshalb sie sich gegenwärtig nicht trauen, kulturpessimistisch angehauchte Mitleids-Anekdoten kundzutun. Die wenigen mahnenden Stimmen wie die der Heidelberger Theologin Gesine Palmer verpuffen derzeit im allgemeinen Mitleid-Stolz. Gesine Palmer wies in ihrer Rede darauf hin, dass Mitleid ebenso wenig universal sei wie das Gefühl des Neides vollständig tabuisierbar. Ein Einwand, der angesichts einer als global erlebten Katastrophe unzeitgemäß anmutet. Denn gegenwärtig ist es schick, mit der ganzen Welt zu sympathisieren - und sich selbstverliebt zu diesem Gefühl zu bekennen.

Was schrieb doch Harald Martenstein jüngst im Berliner Tagesspiegel? "In Wirklichkeit schadet es nichts, sich zu freuen, obwohl es viel Leid gibt. Und wir können beides, wie man sieht, die Spaßgesellschaft ist gleichzeitig eine Spendengesellschaft." Der Grund, warum Martenstein dies schreibt, liegt auf der Hand: Er möchte eine Lanze für den unglückseligen Schopenhauer brechen, der mit seiner Mitleidstheorie bisher alleine dastand und den auch niemand auf der Tagung zitieren wollte, denn das wäre zuviel des Frevels an Käthe Hamburger gewesen.

Schopenhauer schrieb im Duktus eines modernen Politikberaters: "Je glücklicher unser eigener Zustand ist und je mehr also das Bewusstsein desselben mit der Lage des Anderen kontrastiert, desto empfänglicher sind wir für das Mitleid." Schopenhauer war der erste, der die kognitive Theorie in Reinform predigte: Je größer die festgestellte Differenz zwischen dem Fernsehzuschauer und dem medial zu bemitleidenden Subjekt, desto größer das Mitleid. Vive la différence!


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00:00 21.01.2005

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