Nigel Farage sucht das Risiko

Großbritannien Lange sah der Ukip-Chef in South Thanet lange wie der sichere Sieger aus. Nun muss er zittern
Nigel Farage sucht das Risiko
Inzwischen muss Farage in seinem Wahlkreis hausieren

Foto: Carl Court/Getty Images

Wenn man aus der Churchill Tavern ins Freie tritt und hinunter zum Hafen von Ramsgate blickt, sind schnell befremdliche Wahlkampfposter vergessen, die den Weg vom Bahnhof säumen. Gleiches gilt für den zweifelhaften Ruf, der auf dieser Ecke Englands lastet. Es ist doch hübsch hier in Ramsgate, einem Ostküstenstädtchen in der Grafschaft Kent. Keine zwei Wochen mehr bis zur Unterhauswahl, und die Frühlingssonne geht immer später unter. Über die Seepromenade spazieren Familien mit Kinderwagen oder Hund. So still wie an diesem Tag soll das Meer auch damals gewesen sein, als das britische Expeditionskorps in Frankreich in der Klemme steckte und die Schiffer von Ramsgate dringend brauchte. Im Mai 1940 waren Hunderttausende von Briten bei Dünkirchen von der Wehrmacht umzingelt. Daraufhin stachen von Ramsgate aus Fischkutter, Sportboote und Fähren in See, um bei der Evakuierung zu helfen. 338.000 Soldaten konnten gerettet werden. Die „kleinen Schiffe“ wurden zum Inbegriff britischen Widerstandsgeistes. Der „Spirit of Dunkirk“ besagt: Wenn wir in der Bredouille sitzen, handeln wir vereint, und kein Feind kann uns schlagen.

Wer derzeit mit dem Bus zum Hafen fährt, dem wird ein anderer Feind präsentiert. Auf einem Plakat ist eine Fotomontage der weißen Klippen von Dover zu sehen, die man bequem auf drei großen Rolltreppen ersteigen kann. Das Motiv wird benutzt, um zu beklagen, dass die Zahl der Einwanderer unter den Tories dreimal höher sei, als die einst versprochen hätten. Es folgt der Slogan „Ukip ist die einzige Partei, die Einwanderung stoppt“.

Harrys Plakette

Ramsgate gehört zum Wahlkreis South Thanet, in dem Nigel Farage kandidiert, Chef der rechtspopulistischen United Kingdom Independence Party (Ukip). Noch vor Wochen galt es als sicher, dass er den konservativen Bewerber schlagen würde – der Wahlkreis schien maßgeschneidert für ihn. In Thanet wohnen viele ältere Bürger, die zum Votum für Ukip neigen, weil sie den Niedergang ihrer Kommunen beklagen. Vielerorts stehen Pensionen seit Jahren leer. 1963 traten hier noch die Beatles auf – jetzt gastieren Del Boy and Rodney, um ihre Comedy Dinner Show vorzuführen.

Bis Anfang April bestätigten die Meinungsbilder Farages Beliebtheit, der immerhin angedeutet hat, sollte er den Wahlkreis nicht holen, trete er als Parteichef zurück. Inzwischen liegt Labour – glaubt man den Umfragen – mit Ukip und den Tories gleichauf. Aus der Wahlkampagne wurde ein erbitterter Wahlkampf.

Im Untergeschoss der Churchill Tavern begrüßt gut gelaunt Harry Scobie: „Hallo, ich bin Harry, der Vater.“ Neben ihm steht sein Sohn Will, 26-jähriger Labour-Kandidat für South Thanet. Anders als Farage stammt Will aus Ramsgate und hat jahrelang für die Lokalregierung gearbeitet. Er will den Ukip-Chef „aus der Stadt schmeißen“, steht auf einer Plakette, die Harry am Jackett trägt. Dutzende Labour-Aktivisten aus der Region klopfen in Wills Auftrag an Tausende von Türen und bitten darum, am 7. Mai unbedingt ins Wahllokal zu gehen. Das sei das Problem, sagt der korpulente Labour-Veteran Keith Veness: „Wir haben genügend Sympathisanten, aber die müssen dann auch ihre Stimme abgeben.“ Der Journalist und Buchautor Owen Jones ist gerade angekommen, um Will an diesem Tag im Wahlkampf zu begleiten. Jones ist ein brillanter Redner und zieht immer Menschenmengen an.

Im Zentrum von Ramsgate, auf dem kleinen Platz, der zur Hafenmole führt, sitzen die Leute in der Sonne beim Lunch. Peter’s Fish Factory ist gut besucht, für fünf Pfund bekommt man hier ein großes Stück frittierten Haddock mit Pommes. Fett und Essig sickern in die Kartonschachtel, in der das Mahl serviert wird, und garantieren, dass der Fisch eine Weile schwer im Magen liegt. Unweit der Kneipe steht ein Obelisk und erinnert seit bald 200 Jahren an ein außergewöhnlich belangloses Ereignis: Der Inschrift ist zu entnehmen, dass sich König Georg IV. im Jahr 1821 „mit gnädiger Herablassung“ entschieden hatte, von hier aus seine Reise ins Königreich Hannover anzutreten, und die Anwohner ihm deshalb zu herzlichem Dank verpflichtet seien. Beim Nachdenken über diese königliche Großzügigkeit fällt einem ein, dass das britische Königshaus eigentlich aus Deutschland stammt und seinen Namen 1917 änderte, da man damals nicht deutsch sein wollte.

Aber die Fremdenfeindlichkeit ist flexibel: Ukip hat kein Problem mit Deutschen, sie gelten Nigel Farage als Einwanderer „guter Qualität“, anders als etwa Rumänen, Bulgaren oder Pakistaner. Seit 1990 sorgt die Einwanderung dafür, dass die britische Bevölkerung nicht schrumpft; im Vorjahr nahm die Zahl der Migranten um knapp 300.000 zu, oder mit Ausrufezeichen: „300.000!“, wie das rechte Revolverblatt Daily Mail vermeldet.

Dem Lokführer Gary Hams bereitet das Sorgen. Der 53-Jährige pendelt im Eurotunnel zwischen England und Frankreich hin und her und sieht in Calais „die Probleme“, die von Flüchtlingen verursacht würden. Seine französischen Kollegen erzählen ihm, dass sie wegen der Asylbewerber nachts nicht mehr aus dem Haus gehen. Hams ist sich noch nicht sicher, ob er seine Stimme Ukip oder den Konservativen gibt. Nigel Farage hält er für einen „tollen Typen“ und „Mann des Volkes“. Das sei Blödsinn, meint dagegen Ian Venables. Der Sozialarbeiter mit den grauen Locken steht im Zentrum der Stadt vor einem Verkaufsstand, der mit Plakaten vollgepackt ist. „Ukip? No!“ steht darauf. Oder: „Nein zum Rassismus! Nein zu Vorurteilen!“. Venables ist in Ramsgate aufgewachsen, in den späten Siebzigern kämpfte er gegen die Rassisten von der National Front (NF). Dass er heute wieder hier stehen müsse, weil ein Rechtspopulist ihn dazu zwinge, hätte er nicht erwartet. „Farage benutzt die Leute von South Thanet auf zynische Weise. Er spaltet die Bevölkerung und schürt Ängste.“ Tatsächlich fühle man sich hier durch Einwanderer weder gestört noch bedroht. Ramsgate habe viele Migrationswellen erlebt – Italiener und Franzosen im 19. Jahrhundert, Juden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, später Iraner und Kosovaren. Nie habe dies zu Konflikten geführt. „Viele Leute kommen zu mir und sagen: Du brauchst mich nicht zu überzeugen, ich stimme sowieso nicht für den.“

Nicht zu sprechen

Wo ist er eigentlich, der Ukip-Kandidat? Das Parteibüro liegt nur eine Straße von Venableś Stand entfernt, zwischen einem Optiker und einem Wettbüro. Über dem Eingang ist das merkwürdige Pfund-Logo der Partei zu sehen, gelb auf violett, sodass man auf den ersten Blick das Gefühl hat, es handle sich um einen Billigladen. Drinnen spricht ein Ehepaar mittleren Alters mit zwei Wahlhelfern, beim Eintritt des Journalisten dämpfen sie ihre Stimme. An der Wand hängt ein Bild von Farage, daneben wird sein neuestes Buch zum Verkauf angeboten: The Purple Revolution. Der Mann hinter dem Tisch schaut skeptisch und lehnt ein Interview ab. „Da werden einem nur die Worte verdreht.“

Nigel Farage sei nicht in der Stadt, vielleicht morgen wieder. Der einzige Ukip-Aktivist, der ein Interview geben will, heißt Louis Smith, ist 16 Jahre alt, trägt einen eleganten Anzug und eine schwarz umrandete Brille, hat jedoch nicht viel zu vermelden. „Wir sagen ungeschminkt, wie es ist. Und dadurch sind wir einfach anders als die anderen Parteien.“ Dann fällt ihm ein ganzer Stapel Ukip-Poster aus der Hand.

Die Taxifahrt zurück zum Bahnhof dauert nur fünf Minuten. Der Fahrer stammt aus dem Punjab, lebte 20 Jahre in Wien und ging dann nach Ramsgate. Auf die Frage, was er von Ukip halte, lacht er nur. „Die mögen uns nicht, was?“ Dann wechselt er das Thema, es gibt Wichtigeres.

06:00 13.05.2015
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