No!

Kommentar US-Gesetzesvorlage gegen das Klonen

Ups - da hat er einfach Nein gesagt. Seit endlosen Monaten verfolgen wir die Grabenkämpfe um Stammzellenforschung, Präimplantationsdiagnostik, Embryonenschutz und die geklonten Dollys; bemühte Denker schneiden Argumente wie mit stumpfem Messer mürbes Brot, Moral stemmt sich tapfer gegen Wirtschaft, Humanismus gegen Forschungsfreiheit, Herkömmliches gegen High-Tech. Und immer steht als drohender Schatten im Hintergrund der große Bruder Amerika. Das Phantasma vom Liberalismus pur, dem zwingenden Weltgeschick, vom Mekka der Forschungs- und der Wirtschaftsfreiheit. »Ihr könnt es sowieso nicht aufhalten, wenn ihr uns hier nicht forschen lasst, gehen wir nämlich rüber«, schallt es von der einen Seite des Debatten-Grabens gegen die gen-ethischen Bedenkenträger. Eine Erpressung feinster Sorte. - »Wehe wenn sie losgelassen«, ruft der Gegenpart und führt bisweilen an, dass man in den USA Reserve-Schoßhündchen für reiche Ladies klonen will, per Katalog und Samenbank blond-blauäugige Kinder mit IQ über 120 bestellen kann, Großmütter ihre eigenen Enkel austragen und tote Männer Väter werden. Gefriertechnik macht´s möglich.

Doch siehe - ein Mirakel, wie es biblischer nicht sein könnte - es fliegt der Präsident der Vereinigten Staaten zum Papst nach Rom, sitzt dort kerzengerade wie ein Schulbub auf dem Schemel, während der greise Vertreter Gottes auf Erden unverständlich Unmissverständliches vom Blatt abnuschelt. Busch kehrt zurück und verkündet frisch und frei: »Das Klonen von Menschen, das verbieten wir.«

Sagen wir es ehrlich: Wir sind verblüfft, wer hätte das erwartet? Weiß der Präsident denn nicht, was bei ihm zu Hause los ist? Mit welchen tollen Klon-Wiederauferstehungs-Storys sein Standort Forschungsdisneyland seit Jahren unsere Gazetten und die Argumentationsreservoire der Debatten füllt? Haben wir jemals Nachdenkliches made in USA zur Gen-Debatte vernommen? Es will uns so nicht scheinen. Und jetzt das.

Nicht, dass wir glauben, ein Machtwort von Präsident junior - genauer: seines Repräsentantenhauses - würde wirklich viel bedeuten. Das Klonen ist der kleinste Zipfel, am Rest forschen und basteln die Labore weiter wie bisher. Und doch, symbolisch haut der Coup schon mächtig rein. Die Aktien - sensibel fürs gesprochene Wort wie die Gläubigen für himmlische Boschaften - fallen rapide, die säkularisierte Industrie rasselt mit den Säbeln (und ruft schon: »Wir gehen rüber, nach Britannien«), in Alteuropa zeigt man sich erleichtert und begrüßt die neue Linie Erbgut-bezüglich.

Was lernen wir? Was wir schon immer wussten. Der großen Bruder fackelt nicht, wer wenig nachdenkt, der entschließt um so beherzter. Mit »starker ethischer Aussage« und mit schweren Bußgeldern bei Zuwiderhandeln. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten kommt vor, was uns schon nicht mehr möglich scheint: einfach Nein zu sagen.

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00:00 10.08.2001

Ausgabe 42/2021

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