Noch immer kein Friede

Zeitgeschichte Erinnerung an Ulrike Meinhof, die vor 30 Jahren im Hochsicherheitstrakt Stuttgart-Stammheim starb

Dreißig Jahre nach ihrem gewaltsamen Tod am 9. Mai sind die Bilder so scharf wie am ersten Tag. Die veröffentlichten Bilder vor allem. Das erste Fahndungsplakat, das erste Foto der Verhafteten, das Bild der Erhängten.

1970, 1972, 1976 - die Jahreszahlen deuten es an: Der Aufstieg der Publizistin Ulrike Meinhof vom intellektuellen Star einer Studentenzeitung zur Ikone der politischen Moral und der Menschrechte vollzog sich binnen eines kurzen, letzten Lebensabschnitts. Was davor war und warum sie zur RAF ging, bleibt weitgehend ausgeblendet. Es könnte ihrem letzten radikalen Schritt eine unerwünschte Plausibilität verleihen.

Die Nachwelt hat sie fast ganz auf die Rolle einer Jeanne d´Arc des Widerstands gegen den Leviathan, die allmächtige Überperson des Staates, reduziert. Man hat sie eingereiht in die olympische Schar derer, die bereit sind, für ihre Überzeugungen zu sterben, wie die Heiligen Sokrates, Hus, Giordano Bruno und Michael Kohlhas, der 1540 zwar Recht bekam, wegen Landfriedensbruchs jedoch gerädert wurde.

Junge Frauen, meist noch Schülerinnen, die sich im beginnenden 21. Jahrhundert Mut anlesen wollen für die nächste Kampagne gegen die Globalisierung, verschlingen die Bücher, die von ihr handeln, egal wie authentisch sie sind. Eine viel gelesene Biografie ist nicht zufällig bei Beltz Gelberg, also in einem Jugendbuchverlag, erschienen.

Der Schmutz, mit dem willige Autoren im Sold gigantischer Staatsschutzapparate sie seit Mai 1970, das heißt seit der Schießerei im Westberliner Otto Suhr-Institut, zu diffamieren und abzukanzeln versuchen, haben nicht ihre Entwicklung zur Lichtgestalt verhindert, der auch konservative Historiker wie Joachim Fest gebührenden Respekt zollen.

Die RAF ist besiegt, aber es herrscht kein Friede. Ihre Analysen und Zielvorstellungen, nachzulesen in Manifesten, die auch Meinhofs Handschrift tragen, leben weiter in einer Art Kenotaph. Nur eine Option hat der Staat, sich gegen diese schlummernde Gefahr zu wappnen. Er muss aufhören, sich als Erfüllungsgehilfe der Plutokratie zu begreifen, und stattdessen konsequent und wirksam zum Sachwalter der Bedürfnisse der unteren Klassen des eigenen Volkes wie der ausgebeuteten Völker der armen Staaten und Kontinente werden.

Die Erschütterung, die Ulrike Meinhofs Tod 1976 auslöste, führte bundesweit zu heftigen Demonstrationen. In Frankfurt am Main, wo man sich vor dem Studentenhaus versammelte, kam es zu Zusammenstößen mit den Ordnungskräften. Ich kam aus Stuttgart und habe noch heute eine aufgewühlte Stadt vor Augen - sehe eine abgefackelte Polizeiwanne vor mir, aber das mag eine andere Demo gewesen sein.

An den staatlich verkündeten Selbstmord glaubten wenige. Das hing mit dem Stand der Konfrontation zusammen. Das OLG Stuttgart, das fünf RAF-Kader aburteilen sollte, hatte bereits einen Angeklagten verloren - Holger Meins, den man im November 1974 in Wittlich an Unterernährung sterben ließ. Die übrigen drei Angeklagten sollten siebzehn Monate später, ebenfalls in der JVA Stuttgart-Stammheim, unter ungeklärten Umständen zu Tode kommen, sodass keines der Urteile jemals rechtskräftig wurde.

Vor allem bei Sistierungen starben die heiß begehrten Staatsfeinde. Mehrfach wurden unbewaffnete oder bereits wehrlos am Boden liegende Menschen erschossen, so dass der Eindruck entstand, es gebe eine Order von oben, keine Gefangenen zu machen. Werner Sauber (Daniel de Roulet hat ihm in seinem Roman Double ein Denkmal gesetzt) wird am 9. Mai 1975 auf einem Kölner Parkplatz erschossen, als er wehrlos auf dem Asphalt liegt - genau ein Jahr vor Ulrike Meinhof. Der Arzt Karl-Heinz Roth, der neben ihm im Fahrzeug saß, wird lebensgefährlich verletzt. Der Dritte, Roland Otto, bleibt unversehrt. Als Roth und Otto freigesprochen werden, tönen Polizisten: "Man hätte die zwei anderen ebenfalls erschießen sollen."

Die Reihe ließe sich lange fortsetzen. Von Rauch und Weißbecker, über Stoll und van Dyck, bis hin zu Grams. Alle erschossen in Situationen, die keinen polizeilichen Schusswaffengebrauch rechtfertigten. Gewiss, die Colts saßen locker auf beiden Seiten, und man mag die Schießfreudigkeit einiger Beamter damit erklären, dass sie selber um ihr Leben fürchten mussten. Eine Entschuldigung ist es weder in moralischer noch in juristischer Hinsicht.

Nahrung erhielten die Zweifel im Fall Meinhof im übrigen auch durch den Bericht einer internationalen Untersuchungskommission (erschienen im Verlag Maspero, Paris), die 1978 erklärte: "Die Behauptung der staatlichen Behörden, Ulrike Meinhof habe sich durch Erhängen selbst getötet, ist nicht bewiesen. Die Ergebnisse der Untersuchungen legen den Schluss nahe, dass sich Ulrike Meinhof nicht selber erhängen konnte."

Ulrike Meinhof war freilich schon eine Berühmtheit, bevor sie mit anderen die Rote Armee Fraktion gründete, die sich als bewaffneter Arm des antiimperialistischen Widerstands verstand, und die man - unvorsichtig gesagt - leninistisch nennen konnte. Ich erinnere mich der Begeisterung, mit der wir ihre Kolumnen in der Zeitschrift konkret lasen, die im Verlag von Klaus Wagenbach vorliegen, der seine Autorin auf seiner Website allerdings, kleine Ignoranz, bereits 1972 sterben lässt.

Ich konsumierte seit 1955 das Blatt, das für die APO zeitweise eine gewisse Rolle spielte, und las seit etwa 1960 zuerst immer Meinhofs analytisch-polemische Artikel, die heute noch lesbar und aktuell sind. Sie zeigen die Bandbreite ihres sozialen und politischen Engagements. Nationale Themen wie der Verbleib alter Nazis, die Notstandsgesetze oder Armut, finden sich in ihrem umfangreichen journalistischen Werk ebenso wie Probleme der internationalen Politik: Imperialismus, Befreiungskämpfe in der Dritten Welt, Trikontinentale, Indochina-Krieg, Studentenunruhen in den USA.

Was heute ihre Tochter Bettina Röhl in einem unsäglichen Enthüllungsbuch als Sensation verhökern kann, war den damaligen Bewunderern der Meinhof längst bekannt. Dass sie mit der verbotenen KPD, der Sowjetunion und der DDR sympathisierte - immer kritisch freilich. Dass sie sich durch die Bewegung gegen den Atomkrieg und die Ostermärsche der fünfziger Jahre schon einen Namen gemacht hatte. Dass sie in den humanistischen Traditionen des Abendlands wurzelte, christlich vorgeprägt war. Dass sie ihre schon damals seltene ethische Rigidität zum Teil auch Renate Riemeck verdankte, die um 1960 zu den Galionsfiguren der politisch eher unbedeutenden Deutschen Friedensunion gehörte.

Die Entscheidung für den bewaffneten Kampf im Frühsommer 1970, wurde von vielen dennoch als Bruch gedeutet und mit Unverständnis quittiert. Dabei lag es in der Logik der außerparlamentarischen Opposition, die Exzesse und Auswirkungen der postfaschistischen kapitalistischen Gesellschaftsordnung nicht länger nur verbal zu attackieren.

In der Literatur werden die Trennung vom Ehemann, von der vergleichsweise kleinbürgerlichen Existenz im Quartier der besseren Gesellschaft an der Hamburger Elbchaussee und der Umzug nach Westberlin nicht deutlich genug als Reaktion auf den Zeitgeist interpretiert. Tatsächlich stand das Projekt, den Staat als Bollwerk des Imperialismus und seine obszönsten Repräsentanten direkt zu attackieren und den Widerstand durch die Propaganda der Tat zu verschärfen, spätestens seit dem 2. Juni 1967 auf der Tagesordnung - dem Tag also, als die Westberliner Obrigkeit eine Demonstration vor der Deutschen Oper brutal niederknüppeln und einen Studenten heimtückisch erschießen ließ, um die Lage zu eskalieren.

Ulrike Meinhof verließ Haus und Hof vier Tage vor der Internationalen Konferenz gegen den verbrecherischen Krieg der USA in Indochina, der am 17. Februar 1968 in Westberlin begann. Das Kommunique der Tagung, die in einer großen Demo ausklang, liest sich noch heute wie ein Aufruf, endlich zum Aufruhr überzugehen. Es forderte schlicht die politische und organisatorische Zusammenarbeit mit den revolutionären Befreiungsbewegungen und die Schaffung einer Einheitsfront des Widerstands in den USA und den westeuropäischen Ländern. Gegner: Der US-Imperialismus und seine europäischen Handlanger. Ziel: Die sozialistische Weltrevolution.

Keine zwei Monate später brannten in Frankfurt am Main zwei Kaufhäuser - ein Ereignis, das allgemein als Gründungszeremonie der RAF gefeiert wird, da es zwei Protagonisten in die Illegalität trieb, auch wenn der Schaden sich in bescheidenen Grenzen hielt. Ulrike Meinhof widmete der Brandstiftung eine wohlmeinende Rezension, die von großen Teilen der damaligen Linken wiederum als Freibrief verstanden wurde, in dieser Richtung weiterzuarbeiten. Mag sein, dass die Urheber der Schlussresolution der Vietnam-Konferenz ihre aufmunternden Worte nicht so meinten, wie sie uns damals erscheinen mussten. Mag sein, dass sie später retirierten, als ihnen klar wurde, was sie angerichtet hatten und sie Angst vor der eigenen Courage bekamen.

Fakt ist, Meinhof und die anderen Gründerinnen der RAF durften sich guten Glaubens Hoffnung machen, ihr Kampf werde auf der legalen Ebene Sympathien und Unterstützung finden. Die RAF war, darüber redet heute niemand mehr, nie als Massenorganisation angelegt, sondern als Kadergruppe und Speerspitze, um die politischen Widersprüche zu verschärfen und die Handlungsspielräume der legalen Opposition zu erweitern. Es gehört zur Tragik der Organisation, dass diese Option nicht genutzt wurde und stattdessen schon bald ein Prozess der Entsolidarisierung in Gang gesetzt wurde, der auch gut gemeinte Ratschläge wie Bölls "freies Geleit für Ulrike Meinhof" fürderhin ausschloss.

Die Haftbedingungen, denen Meinhof ab 1972 planvoll ausgesetzt wurde, waren mörderisch. In Köln-Ossendorf wurde sie drei Mal total isoliert - das erste Mal, gleich nach ihrer Verhaftung, 237 Tage lang. Über die psychischen und körperlichen Folgen dieser Art von Folter schrieb sie einen erschütternden Bericht, der inzwischen Literaturgeschichte ist.

Das Ziel der zahllosen Entwürdigungen war klar und wurde offen erklärt: Brechung der Persönlichkeit. Man wollte der Öffentlichkeit die Irre vorführen, sie dazu veranlassen, sich von ihrer politischen Biografie zu distanzieren und die Genossen im Untergrund aufzufordern, den ungleichen Kampf aufzugeben. Bei einigen gelang dies. Gegen die Hauptangeklagten, die nicht aufgaben, mussten härtere Maßnahmen her. Andere, die sich nicht instrumentalisieren ließen wie Christian Klar und Birgit Hogefeld, sitzen noch heute.

Aber es waren nicht so sehr die Haftbedingungen, die in Stammheim nach Prozessbeginn übrigens etwas gelockert wurden, auch wenn sie nie über die Kleinstgruppen-Isolation hinauskamen, was wir (ich vertrat damals Andreas Baader) fast bei jedem meiner Besuche im siebten Stock in der JVA Stammheim erörterten. Ein wichtiges Thema war, dass die politische Situation draußen ständig prekärer wurde und die Solidarität mit den Gefangenen nachließ. Fanden Ziele und Methoden der RAF im Sommer 1972 noch Sympathien in weiten Teilen der westdeutschen Bevölkerung, so bröckelte die Bereitschaft, sich zumindest für eine Verbesserung der Haftbedingungen einzusetzen, nach dem Tod von Holger Meins und der Erschießung des Westberliner Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann im Spätherbst 1974.

Es gibt Briefe aus dem Knast an bekannte Persönlichkeiten, die davon zeugen, dass die Inhaftierten sich zunehmend allein gelassen fühlten, bis sie schließlich schutzlos waren. Woran es lag, dass die kämpferische Aufbruchstimmung der späten sechziger Jahre in Feigheit und Resignation umschlug, ist ein anderes Thema. Es hing mit Pressehetze und der Kriminalisierung der Linken zusammen, sofern sie sich nicht prophylaktisch distanzierte.

Als Ulrike Meinhof starb, erlebten wir ein letztes Aufbäumen der Öffentlichkeit, was daran lag, dass sie eine angesehene Intellektuelle und eine der großen Hoffnungen der deutschsprachigen Publizistik gewesen war. Nach den Anschlägen von 1977 waren auch die meisten Linken froh, dass die populärsten Kader der RAF endlich tot waren.


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00:00 03.05.2006

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