Normal

Villiers-Le-Bel Kulisse des Krawalls. Urbanistische Beobachtungen am Ort des Geschehens

Da die Krawalle in den Pariser Vorstädten scheinbar genauso abrupt wieder vorüber sind, wie sie ausbrachen, lässt sich ohne Umschweife zur Normalität zurückkehren. Eine Normalität des Ausnahmezustands, die teilweise schon in die Innenstädte hineinschwappt, wie die Krawalle in der Gare du Nord im März 2007 gezeigt haben. Ursache dieses normalisierten Notstandes, der sich seit Mitte der siebziger Jahre immer mehr verschärft, ist mehr als "nur" eine verfehlte Stadtpolitik, schlechte Konjunktur, Alltagsrassismus der Polizei oder angeknackstes Vertrauen in die Werte der Republik.

Ein Rundgang durch Villiers-le-Bel macht deutlich, dass es sich bei der Krise der Banlieues um Fermente einer katastrophalen Urbanität, ja Gesellschaft selbst handelt, die in Westeuropa durch die besonders rigide räumliche Konzentration zuerst in Frankreich in Erscheinung tritt.

Der Ort ist auf den ersten Blick weit davon entfernt, Kulisse für ein Schreckensszenario zu bieten: Villiers-le-Bel verfügt über ein beschauliches Stadtzentrum mit Einzelhandelsgeschäften samt Kirche am Platze und pittoreskem Rathaus. Letzteres liegt, wie es sich gehört, an der Rue de la République, die, wie sinnbildlich, im Niemandsland endet. Der Stadtkern franst in alle Richtungen aus und geht fließend über in eine schier unendliche Betonwüste aus immergleichen Ein- bis Zweifamilienhäusern. Hier und da steht als architektonischer und lebensweltlicher Höhepunkt eine Tankstelle, eine Apotheke oder ein Einkaufszentrum, die die einzigen Fixpunkte in dem orientierungslosen Straßengewirr zu bilden scheinen. Es ist weniger der fehlende Komfort, denn die restlose Zweckmäßig- und Gesichtslosigkeit, die Assoziationen an Favelas in den Megacities wecken. Diese Analogie scheint nicht weit hergeholt: Ende des Zweiten Weltkrieges lebten in Villiers-le-Bel 4.000 Einwohner, mittlerweile sind es 26.000. Die Bevölkerung des Großraums beläuft sich auf 140.000 Menschen, die sich mit der dörflich gebliebenen Infrastruktur des explodierten Örtchens arrangieren müssen.

Freilich existieren in Villiers-le-Bel auch die bekannten Wohntürme mit all ihren klaustrophobischen Auswirkungen, doch liegt gerade in der Dominanz der nicht minder beklemmenden Pavillons die traurige Zukunft des Ödlandes Banlieue. So soll nach dem gigantischen Stadterneuerungsplan von 2003 ein Großteil der Wohnsilos abgerissen und durch Ein- und Mehrfamilienhäuser ersetzt werden, um die Situation in den Vorstädten zu verbessern. Eine unzureichende Übertünchung, wie sich spätestens jetzt erahnen lässt.

Dass es zur Lösung der Vorstadtkrise mehr braucht als ein höheres Kontingent an Sozialarbeitern und Nachbarschaftspolizei, scheinen die Jugendlichen intuitiv zu wissen. Auch wenn man sich vor schnellen Interpretationen hüten sollte, wird doch sichtbar, dass sie bei den Riots zielgerichtet alles angreifen, was in irgendeiner Weise als Integrationsbemühung oder Angebot des Staates identifizierbar wäre. So ging Ende November der Kindergarten samt angrenzender Bibliothek in Flammen auf. Der Anblick von versengten Kinderstühlen und zu Asche gewordener Bücher erschüttert und erinnert unmittelbar an Krieg und Pogrom. Die Hemmung, eine Bücherei anzustecken, ist bei den Banlieuesards nicht vorauszusetzen: Von Erinnerungskultur und Geschichtsbewusstsein sind sie entfremdet, was vielleicht zu den schmerzlichsten Elementen der Entwicklung gehört.

Genauso wenig werden ihnen Louise Michel, Léon Blum, Salvador Allende - all die Namen linker Kämpfer sagen, nach denen Straßen der ehemaligen kommunistischen Kommune heißen. Die linken Parteien haben jeglichen Kontakt zur ausgestoßenen Bevölkerung verloren und ihnen nichts anzubieten. Was früher der "Rote Gürtel" war, ist für sie heute ein fremder Stern.

Gebrannt hat kein historischer Schauraum wie die Anna Amalia Bibliothek, abgebrannt bis auf die Grundfeste ist die Hoffnung, dass innerhalb der gegebenen Institutionen noch ein individueller Austritt aus der Misere zu schaffen sei, was allerdings die Wahrheit der französischen Meritokratie für diesen Teil der Bevölkerung auf den Punkt bringt. Man entsetzt sich darüber, dass fast alle Bushaltestellen zertrümmert wurden und die ohnehin schon aufwändige Fortbewegung in der Stadt dadurch noch eingeschränkt wird. Für die Jugendlichen aber ist die fehlende Mobilität durch Kontrolle und Fahrpreise schon längst Lebensrealität.

In Le Monde war unlängst zu lesen, dass man Journalisten in den Banlieues Ortsführer zur Seite stelle, da es nach Übergriffen dort zu gefährlich für sie werde; eine Praxis, die man sonst nur aus Kriegsgebieten wie dem Irak kennt. So wie Peripherie und Metropole zu verschwimmen beginnen, muss man sich wohl auch darauf einstellen, dass der andauernde Ausnahmezustand in der Vorstadt, ähnlich wie in der Dritten Welt, solange als lautloser Frieden betrachtet wird, bis wieder ein Krieg ausbricht. Das ist die Normalität.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare