Nun lächelt Maria nicht mehr

Unbefleckte Empfängnis II Genforschung verstößt gegen die Menschenwürde der Jungfrau Maria

Unsere politische Debatte um die Gen-Forschung wird behindert durch pseudoreligiöse Ideologien der katholischen Kirche. Zur Eröffnung der kirchlichen "Woche für das Leben" am 10. Juni 1991 erklärte Kardinal Lehmann im Fernsehen, "vom Augenblick der Empfängnis an" sei das menschliche Leben ein "Individuum". Individuum heißt auf deutsch "Unteilbares". Da aber noch etwa bis zum 12. Tag eine Zwillingsteilung erfolgen kann, stimmt das nicht. Kardinal Lehmanns Denkfehler über das dividierbare Undividierbare hängt mit der unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria zusammen. Im einzelnen war das so:

Bis 1869 war bei den Theologen vorherrschend die Lehre von der Sukzessivbeseelung, das heißt Nach-und-nach-Beseelung (Augustinus, Hieronymus, Thomas v. Aquin, Alfons von Liguori). Sie geht auf Aristoteles zurück, der meinte, der männliche Fetus erhält die menschliche Seele 40 Tage, der weibliche 90 Tage nach der Empfängnis. In der christlichen Tradition änderte man die 90 Tage in 80 Tage, in Angleichung an die biblische Vorstellung: Maria war nach der Geburt Jesu 40 Tage unrein (Lukas 2,22) und durfte nicht den Tempel betreten. Bei Geburt einer Tochter wäre sie 80 Tage unrein gewesen (3. Mose 12).

Gemäß der Sukzessivbeseelung unterschied das katholische Kirchenrecht bis 1869 zwischen dem fetus inanimatus und dem fetus animatus, dem unbeseelten und dem beseelten Fetus. Nur die Abtreibung eines beseelten Fetus wurde mit Exkommunikation belegt. Da man das Geschlecht noch nicht feststellen konnte, wurde also erst bei Abtreibung eines 80 Tage alten Fetus exkommuniziert. Vor dem 80. Tag galt der Fetus als "Körperteil der Mutter" (pars viscerum). Die frauendiskriminierende Auffassung von der späten Frauenbeseelung - Menschsein ist demnach eher männlich als weiblich - hatte also, was die Strafe der Exkommunikation bei Abtreibung anbelangt, eine Fristenlösung von fast drei Monaten zur Folge. Ein Beispiel: Papst Innozenz III. (verstorben 1216) entschied den Fall einer Karthäusermönchsgeliebten, die auf Veranlassung des Mönches abgetrieben hatte: der Mönch sei keiner Tötung schuldig, falls der Embryo noch nicht beseelt war (gemäß der aristotelischen Biologie). Eine kurze Änderung erfolgte 1588 durch Papst Sixtus V. in der Bulle Ephraenatam, die auch Abtreibung des unbeseelten Fetus unter Exkommunikation, ja Todesstrafe stellte, was aber von Gregor XIV. schon 1591 rückgängig gemacht wurde.

1869 jedoch wurde durch Pius IX. das Kirchenrecht dauerhaft geändert und zwar wegen der "Unbefleckten Empfängnis Mariens", die dieser Papst 1854 zum Dogma erklärt hatte. In der Bulle Apostolicae Sedis hob er die Unterscheidung zwischen dem fetus inanimatus und dem fetus animatus, dem unbeseelten und dem beseelten Fetus, auf. Das Kirchenrecht spricht jetzt nur noch vom fetus, und die offizielle deutsche Übersetzung übersetzt fetus sogar mit "Kind" (canon 871). Pius IX stützte sich auf den Leibarzt des Papstes Innozenz X., Paul Zacchias, der schon 1661 sagte, die vernunftbegabte Seele (anima rationalis) werde dem Menschen im Augenblick der Empfängnis eingegossen, denn sonst würde ja das Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens eine vernunftlose Materie feiern. Das aber sei der allerseligsten Jungfrau" unangemessen".

Pius IX. wurde im Jahre 2000 von Johannes Paul II. gegen weltweiten Protest selig gesprochen. Pius IX. hatte 1858 - auch gegen weltweiten Protest - das sechsjährige Judenkind Edgar Mortara mit Polizeigewalt aus seinem Elternhaus entführen lassen und nie mehr den Eltern zurückgegeben: weil Edgar von einem christlichen Dienstmädchen heimlich getauft worden war und deswegen christlich erzogen werden musste. Schwamm über das Kidnapping - ihm, Pius IX., verdankt Johannes Paul II. seine doppelte Lebensmitte: seine Unfehlbarkeit (die päpstliche Unfehlbarkeit wurde 1870 von Pius IX. zum Dogma erhoben) und seinen extremen Marienkult.

Übrigens neigte im 20. Jahrhundert der bedeutende Jesuit Karl Rahner wieder der Sukzessivbeseelung zu. Er sagt: "Auch aus dogmatischen Definitionen der Kirche ist nicht zu entnehmen, daß es gegen den Glauben wäre, wenn man annähme, daß der Sprung in die Geist-Person erst im Lauf der Entwicklung des Embryo geschieht. Kein Theologe wird behaupten, den Nachweis führen zu können, daß Schwangerschaftsunterbrechung in jedem Fall ein Menschenmord ist" (Dokumente der Paulusgesellschaft Band II, 1962, S. 391f). Und in seinem Artikel Zum Problem der genetischen Manipulation, 1967 erchienen, deutet er Konsequenzen für Experimente mit menschlichem Keimmaterial an: "Es wäre doch an sich denkbar, daß... Gründe für ein Experiment sprechen, die in einer vernünftigen Abwägung stärker sind als das unsichere Recht einer dem Zweifel unterliegenden Existenz eines Menschen" (Schriften zur Theol. Bd. 8, S. 301).

Die Frage, ab wann der Mensch ein Mensch ist, ist noch nicht beantwortet. Da wir im christlichen Abendland unsere Jahre und Jahrhunderte nach der Menschwerdung Christi berechnen, dürften wir sie nicht nach Christi Geburt, sondern müssten sie laut Papst nach Christi Empfängnis datieren. Wir müssten also unsere gesamte Zeitrechnung um neun Monate zurückverlegen und lebten schon längst 2005 nach Christi Empfängnis. Aber in Wahrheit hätte der Papst mit der Feier der Menschwerdung am Tag der Empfängnis Jesu ebenso Unrecht, wie er es am Tag seiner Geburt (Weihnachten) hat. In Wahrheit nämlich - und das gilt für jeden Menschen entsprechend - entzieht sich die Menschwerdung jeder Berechnung und Fixierung und vollzieht sich in einer geheimnisvollen Unnahbarkeit, in einer trotz aller Nähe fremden Ferne irgendwo dazwischen.

Eine Frage an den Papst: Warum schützt er das ungeborene Leben vom Augenblick der Empfängnis an durch Androhung von Exkommunikation und empfängt anderseits feierlich den kriegsbeflissenen Herrn Bush vor dessen Wiederwahl und ist dann verantwortlich dafür, dass Bush und nicht Kerry gewählt wurde (da Kerry bezüglich Abtreibung vom Augenblick der Empfängnis an nicht die Ansicht des Papstes teilt)? Bush verdankt seine Wiederwahl den katholischen Stimmen. Die toten Kinder in Falludscha und anderswo nimmt der Papst schon in Kauf.

Merke: je ungeborener, ja ungezeugter der Mensch, desto weniger darfst du ihn umbringen (keine Kondome gegen Aidsinfektion), je geborener, desto mehr darfst du ihn umbringen (durch Kriege und Todesstrafe). Bush und der Papst, denen wir Falludscha verdanken, sind auch die beiden größten Verteidiger der Todesstrafe.

Zum Weiterlesen:
Uta Ranke-Heinemann: Eunuchen für das Himmelreich - Katholische Kirche und Sexualität sowie Nein und Amen - Mein Abschied vom traditionellen Christentum, beide Heyne-Verlag, München 2004.

00:00 24.12.2004

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