Stefan Fuchs
Ausgabe 2613 | 11.07.2013 | 06:00 17

Nur der Vier-Stunden-Tag kann uns retten

Im Gespräch David Graeber, Vordenker der Occupy-Bewegung, über eine Demokratisierung des Geldes, die schwäbische Hausfrau und die Armen als Pioniere einer neuen Wirtschaftsordnung

Der Freitag: Könnte es sein, dass die Veränderungen, die der Kapitalismus in seiner langen Geschichte an den Individuen erzwungen hat, unumkehrbar sind? Dass es gar keinen Weg mehr zu einer humaneren Gesellschaft gibt?

David Graeber: Wenn dieser Eindruck entsteht, hängt das auch damit zusammen, dass wir uns an antiquierte Vorstellungen von der Natur des Geldes klammern. Wir tun so, als wäre Geld eine begrenzte Ressource wie Öl. In Wirklichkeit ist Geld eine soziale Übereinkunft. Es besteht aus gesellschaftlich zirkulierenden Versprechen, die man freilich ganz anders organisieren könnte, als das heute der Fall ist. Leider gibt es im Moment eine Blockade der Imagination. Die Kreativität ist verloren gegangen, mit der Politiker in der Nachkriegszeit große Entwürfe wie den Wohlfahrtsstaat, die Vereinten Nationen oder das Weltraumprogramm umsetzten. Die Machteliten glauben, sie könnten das System am besten verteidigen, wenn sie die Menschen überzeugen, dass es keine Alternativen gibt.

Oft scheint es so, als mache der Finanzkapitalismus die eigentliche Natur des Kapitalismus aus. Wie ist das zu erklären?

Wir denken immer, die Finanzindustrie sei eine Art Überbau zur industriellen Basis. Erstaunlicherweise aber war dieser Überbau zuerst da: Aktienmärkte und halbstaatliche Zentralbankensysteme, die Staatsschulden aufkauften, gab es bereits Ende des 17. Jahrhunderts, während die Industrialisierung erst Mitte des 18. Jahrhunderts einsetzte. Diese Finanzinstrumente kamen nicht aus dem Nichts, sondern waren stets mit militärischen Operationen verbunden. Das Finanzsystem diente immer Eroberungsfeldzügen und der Kriegsmaschinerie von Staaten.

Aber ist das immer noch so?

Diese Kausalität gibt es immer noch. Die Vorherrschaft des Dollars zeigt das ganz deutlich. Was manche den Imperialismus der US-Staatsanleihen nennen, wurde durch die Bretton-Woods-Konferenz begründet, als die USA nach 1945 die Weltmachtrolle von Großbritannien übernahmen. Seither ist das imperiale US-System die Stütze der US-Finanzindustrie.

Wenn nun aber dieses System im Abstieg begriffen ist, bedeutet das dann auch, dass die Finanzialisierung des Kapitalismus ihren Höhepunkt überschritten hat?

Die gemäßigte Linke in den USA wird wütend, stellt man solche Verbindungen her. Aber zweifellos folgte die Krise von 2008 auf die Krise des imperialen Eroberers im Irak und in Afghanistan. Die strategische Überdehnung der US-Militärmacht, der Arabische Frühling und die Occupy-Bewegung –künftige Historiker könnten darin die erste Runde der Auseinandersetzungen über die Abwicklung des amerikanischen Empires erkennen.

Der uns im Moment bewegende Streit zwischen Sparpolitik und ausgabenbasierter Konjunkturpolitik in der Tradition von Keynes ist auch ein Konflikt zwischen Auffassungen, bei denen einerseits der substanzielle Wert des Geldes, auf der anderen Seite dessen soziale Funktion betont wird?

Man muss zunächst einem Irrtum vorbeugen: Wir können nicht zu ökonomischen Beziehungen zurückkehren, wie wir sie bis in die sechziger Jahre hatten. Der keynesianische Interessenausgleich, der den Wohlfahrtsstaat in Europa und zum Teil in den USA begründete, beruhte auf einer politischen Übereinkunft zwischen Machteliten und arbeitenden Massen. Die Systemkonkurrenz mit dem Sozialismus machte es möglich, dass Produktivitätszuwachs eine soziale Grundsicherung etablieren half. Hohe Wachstumsraten erlaubten eine relativ konfliktfreie Umverteilung des Reichtums. Der Kuchen wuchs, also konnten auch die einzelnen Kuchenstücke größer werden.

Und wie ist das heute?

Heute sind die Wachstumsraten sehr viel geringer. Aus ökologischen Gründen müssen sie das auch sein. Keynesianische Wachstumsraten von sechs oder sieben Prozent kann es also nicht mehr geben. Aber die Überzeugung von Keynes, dass Geld keine knappe Ressource ist, bildet die Grundlage des sogenannten postkeynesianischen Denkens. Damit beginnt erstmals eine ernsthafte Beschäftigung mit den realen Funktionen des Geldes im Wirtschaftsgeschehen und wird zugleich die Grundlage für eine mögliche Demokratisierung des Geldes gelegt.

Was ist darunter zu verstehen?

Wenn Geld aus einer Reihe von Versprechungen besteht, die sich Menschen gegenseitig machen, und wenn die Geldmenge nur die Menge zirkulierender Erklärungen ist, wie viel Wert wir in Zukunft produzieren möchten, dann muss darüber in einer Demokratie auch ein demokratischer Konsens hergestellt werden. Es gibt nichts Wichtigeres für eine Gesellschaft als diese Zukunftsversprechen, die wir uns gegenseitig geben. Es ist zutiefst undemokratisch, wenn nur ein Prozent der Bevölkerung darüber entscheidet. Nur durch diese Art der postkeynesianischen Neubestimmung der Natur des Geldes wird möglich sein, was ich die Demokratisierung des Geldes nenne.

Nur – was wird dann mit den Schulden, die sich über lange Perioden anhäufen und oft zu großen Krisen führen? Sind gigantische „Haircuts“, also die Tilgung aller Schulden, wirklich die Lösung?

Eine neue, wie immer auch geartete Finanzkrise ist so oder so unvermeidlich. Wer im ökonomischen Kaffeesatz lesen kann, wird das bestätigen, sofern ihn nicht persönliche Interessen daran hindern. Keines der Strukturprobleme wurde seit 2008 wirklich gelöst. Stattdessen ist es der Wall Street gelungen, die Kosten auf jene abzuwälzen, die das Problem überhaupt nicht zu verantworten haben. Die Finanzindustrie hat an den Rettungsakten außerdem prächtig verdient. Politisch ein genialer Coup: Man ruiniert die Weltwirtschaft und wird auch noch dafür bezahlt. Und was den Schuldenerlass angeht, der hat ja stattgefunden – als Schuldenerlass für die Reichen. Das sollte sich so nicht wiederholen. Was kein frommer Wunsch sein muss, wenn man anerkennt, dass wir in einer neuen Epoche leben und heute das Geld ganz anders funktioniert. Diese Erkenntnis könnte man nutzen, um ein Wirtschaftssystem zu schaffen, das allen ein besseres Leben ermöglicht.

Zeigen die Machtverhältnisse in Europa wie in den USA nicht in eine ganz andere Richtung?

Wenn ich mit Vertretern der Machteliten spreche, ist wachsende Panik spürbar. Natürlich verdrängen das viele, weil sie in den Businessschulen gelernt haben, maximal drei Jahre nach vorn zu blicken. Aber alle anderen machen sich große Sorgen. Sie erkennen, dass eine große Veränderung unvermeidlich ist und wir zugleich nicht mehr zur Reflexion fähig sind. Die wichtigsten Rechtfertigungen des Kapitalismus bestanden in seiner Fähigkeit, trotz wachsender sozialer Ungleichheit die Lebensbedingungen der Armen zu verbessern und Stabilität herzustellen. Beides trifft heute nicht mehr zu. Die einzig verbleibende Rechtfertigung ist: Es gibt keine Alternative, alles andere wäre nur noch schlimmer. Nicht einmal das Nachdenken über einen anderen Kapitalismus ist möglich. Man hält obsessiv an dieser ganz speziellen mehr oder weniger unproduktiven Form des Finanzkapitalismus fest, weil die Mächtigen Opfer ihres eigenen Erfolgs sind.

Es wurde sehr viel mehr in die Auseinandersetzung mit den Ideologien investiert als in ein nachhaltigeres kapitalistisches System. Nicht nur die Schuldenkrise, auch die ökologischen Zwänge sind nicht mehr zu übersehen. Für mich wäre ein massiver Schuldenerlass der Reset-Knopf für die Gesellschaft. Man würde zugeben: Okay, das Geld ist nicht das, was wir dachten, lasst uns von vorn beginnen.

Sie sagen, man muss Schulden machen, wenn man ein Leben leben will, das über das bloße Überleben hinausgeht. In Deutschland kollidiert das mit den Ansichten der schwäbischen Hausfrau ...

… die sparsam sein kann, weil sie ihre Regierung nicht aktiv daran hindert. In den USA ist das ganz anders. Dort gibt es diese enge Verflechtung des Staates mit den Interessen der Finanzindustrie. Dadurch ist die Verschuldung einer Mehrheit der Bürger unvermeidlich. So werden ständig neue Ausbildungsnachweise gefordert, wenn man als Apotheker oder Krankenschwester arbeiten will. Man muss teure Schulen besuchen, die man nur bezahlen kann, wenn man teure Kredite aufnimmt. Ideologisch funktioniert dieses Ideal der Sparsamkeit nach dem Modell einer absoluten Autonomie: ein isoliertes Individuum, dessen soziale Beziehungen allein durch Geld vermittelt sind und das akribisch darauf achtet, dass seine Beziehungskonten immer ausgeglichen bleiben. Das führt zu sehr reduktionistischen, emotional unbefriedigenden zwischenmenschlichen Beziehungen.

Aber auch die Vorstellung, dass wir mit unserer Geburt der Gemeinschaft – der Nation – etwas schulden und diese Schuld abtragen müssen, indem wir etwa Militärdienst ableisten, hat negative Folgen. Sie ist die Basis von Nationalismus und Krieg. Wir müssen uns also von beiden Vorstellungen zugleich freimachen.

Wie könnte das geschehen?

Die Netzwerke der zwischenmenschlichen Beziehungen, unsere Bindungen zu einem Ort, zu unseren Freunden, ja, auch zur Menschheit können und sollten nicht quantifiziert werden. Unser ganzes Leben besteht aus Versprechen, die wir anderen machen, und Verpflichtungen, die wir mit anderen eingehen und die niemals ganz eingelöst werden können. Wir schulden anderen alles, aber niemand außer uns selbst kann uns sagen, wie wir diese Schuld zurückzahlen sollen.

Sie preisen die Armen, die sich ihrem Schicksal ergeben haben und nichts mehr tun. Für Sie sind das die wahren Pioniere einer neuen Wirtschaftsordnung. Was machen sie richtig, was all die leistungsorientierten Marktakteure falsch machen?

Ich will damit bewusst eine bestimmte Arbeitsmoral herausfordern, die wir alle tief verinnerlicht haben wie etwas tief Religiöses. Sie lässt sich auf den jüdisch-christliche Glauben zurückführen, dass Arbeit eine reinigende Kraft besitzt, dass alle, die sich nicht einer Arbeitsdisziplin unterwerfen, niemals zu reifen, selbstbeherrschten Individuen werden. Diese Vorstellung geht von einer chaotischen, undisziplinierten menschlichen Natur aus. Nur die Arbeit könne uns erlösen. Das hat extrem negative Konsequenzen.

Aber welche Konsequenzen wären denn das?

Keynes sagte bereits vor 80 Jahren, dass wir alle zu Beginn des 21. Jahrhunderts nur noch vier Stunden täglich arbeiten würden. Tatsächlich könnte der technologische Fortschritt unsere Arbeitszeit in dieser Weise reduzieren. Was uns daran hindert, ist die verinnerlichte Vorstellung vom moralischen Wert der Arbeit. Angesichts der Krise werden wir gar aufgefordert, noch mehr zu arbeiten, obwohl das Einzige, was uns retten könnte, weniger Arbeit wäre. Dass sie vorübergehend den Ausstoß von Kohlendioxid verringerte, war eine der wenigen guten Seiten der Rezession von 2008. Ein großer Teil der Arbeit entsteht überhaupt erst dadurch, dass wir zu viel arbeiten. Ich provoziere bewusst, aber hier kommt noch einmal der Schuldenerlass als gesellschaftlicher Reset ins Spiel. Er würde es uns ermöglichen, die Dinge anders zu ordnen, damit eine nachhaltige Zukunft möglich wird. Warum also nicht ein genereller Schuldenerlass in Verbindung mit dem Vier-Stunden-Tag?

David Graeber, geboren 1961, ist ein amerikanischer Ethnologe und Anarchist. Er gilt als Theore- tiker der Occupy-Bewegung. Seine 2011 erschienene Kulturgeschichte Schulden – Die ersten 5000 Jahre zeigt die in Vergessenheit geratene soziale Funktion der Schulden als Kitt der Gesellschaft. Für die heutigen Eliten mache sie das zu einem Werkzeug des Machterhalts, ist Graeber überzeugt. Zuletzt erschien: Direkte Aktion. Ein Handbuch

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 26/13.

Kommentare (17)

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Ehemaliger Nutzer 13.07.2013 | 12:23

Ja Graeber, guter Mann..auch im persönlichen Gespräch sehr sympathisch...zu den Themen:

Im Geldsystem ist das der nächste sinnvolle Zwischenschritt, Vollgeldreform: http://le-bohemien.net/2012/07/13/die-vollgeldreform/

Hier das Manifest zur Arbeitszeitverkürzung (2 Teile): http://le-bohemien.net/2011/06/01/arbeitszeitverkurzung/

...und zu Occupy: Es geht wieder los mit #stopWatchingUs am 27.07. Weltweit! http://www.alex11.org/2013/07/prism-und-co-big-data-wer-daten-sammelt-kann-sie-auch-manipulieren-und-damit-wirklichkeit-kontrollieren/

#stopWatchingUs is #Occupy with teeth!

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Ehemaliger Nutzer 14.07.2013 | 10:47

Sory, ein wenig irren Sie in der Überschrift. Der Beitrag ist korrekt. Hier gibt es aber nichts mehr zu retten. Wovor? Gegen wen? Wir sind, historisch gesehen, möglicherweise in den ersten Sekunden unseres Untergangs und da gibt es nichts zu retten. Deshalb nicht, weil unsere Gesellschaft eine Art " Bestandssicherungsgesellschaft" ist und jeder Teil der menschlichen Gesellschaft, der meinte, nur durch Sicherung seines Bestandes eine Chance zu haben, wurde bisher mit Untergang bestraft. Da denkt noch der eine oder andere, weil die Ami's angeblich unsere Freunde sind und weil wir es gern glauben wollen, werden wir gerettet, aber, Freunde, glaubt mir, warum soll uns, die verhassten Deutschen, jemand retten?? Die anderen werden sich die Schulden erlassen, wegen der historischen Schuld der Deutschen werden diese dann alle Schulden bezahlen, mit Geld, was auch nichts wert ist. Was soll es da zu retten geben??

gelse 14.07.2013 | 15:08

>>...warum soll uns, die verhassten Deutschen, jemand retten??<<
Ja, warum soll irgendjemand irgendjemand retten?
Wir können es selber tun, wenn wir wollen. Das gilt nicht nur die Deutschen, sondern für Alle die nicht mehr mitmachen wollen.

>>Sorry, ein wenig irren Sie in der Überschrift.<<
Weniger arbeiten halte ich für ein sehr nützliches Ziel. Ökonomisch vernünftig und notwendig aus Umwelt- und Gesundheitsgründen, für bessere Lebensqualität.

Oberham 14.07.2013 | 20:41

Graeber ging nicht freiwillig von Yale, er war die meiste Zeit seines Erwachsenenlebens entweder Lohnempfänger des US-Amerikanischen Staates oder nun des Britischen - und nebenbei lebt er sehr konsumintensiv und umsatzstark dank der Tatsache, dass die meisten hier so gerne Vordenker zitieren und sich erst als wertvolle Mitglieder einer sozialen Gruppe sehen, so sie diese gelesesn haben und zitierfähig sind.

Sorry, ich bin nicht in der Welt herumgereist, bin kein Professor, bin eben ein Mensch und auch Anarchist - in der Anarchie - gibt es keine Vordenkter - Graeber hat hier keinerlei neue Gedanken formuliert, Leute die selbst nicht auf diese Dinge kommen, die werden wohl eher zufällig - wie Blätter im Wind dahintreiben und der stärkste Lufzug bläst wie eh und je aus der Richtung der Gewinner/Verlierer Raubmenschenspieler - mit Vordenkern und Herrschaft inklusive!

Wir brauchen weder Theorien - die vom Staub der Jahrtausende überdeckt sind - noch Manifeste - wir müssen uns nur schlicht an der eigenen Nase packen und unsere Leben ändern!

Es ist so fatal und so lächerlich zugleich - wie sich die Gehirne in Theorien baden und nach getaner Verquasung des Gedachten, der wohlverdiente Restaurantbesuch anschließt, zu dem man mit der Droschke oder einem anderenb Verkehrsmittel kommt.

Aber zu Zeit sind die meisten wohl in Urlaub - ach ihr seit mir alle wunderbare Anarchisten - würden Eure Herren nicht das Konsumparadies für Euch vorhalten, ihr währt doch völlig verzweifelt!

Seit Jahrtausenden greift tatsächlich der Zynismus der Patrizier - wer aus dem gemeinen Volke kommt, der ist nur dann frei, wenn er wirklich nichts besitzt als sein nacktes Leben und seine Gesundheit - und die sollten wir ihm schnellstmöglich nehmen, damit er die Herde nicht verwirrt - die um eines Löffel Scheisse willen sich die Halseiesen anlegen und in die Ställe sperren lässt.

Im Konsumkarussell mitgedreht werden und gleichzeitig von Rettung schwafeln, so Paradox wie der etablierte Anarchist, so unverrückbar der Wahnsinn in der Menschenwelt ist!

Im Übrigen bin ich der Meinung, in einer global, anarchistisch und klug gestalteten menschlichen Gesellschaft, hätten wir weder ökologische - noch ökonomische Probleme und niemand müsste auch nur annähernd so frugal die Realität gestalten, wie ich es tue - doch die transzendentale Sahne macht mir mein Leben trotzdem süß und - ich bin gesund - mit der Gesundheit geht das Glück einher - ob ich nur zerfetzte Hosen trage und mein Essen sammle und nicht Trüffel sondern Haferflocken den Gaumen streicheln, das ficht mich nicht an, den genau das ist die einzige Mögliche friedliche Revolution, die uns bleibt!

(heute nachittag am See, ich stellte mir ein Fischessen in Hawaii vor, mir lief das Wasser im Munde zusammen und in meiner Matrix bin ich dort gewesen! Würd ich in den Flieger steigen und es real - in dieser Welt - tun, ich wär ein widerlicher, ignoranter Drecksack, der über das Elend der Massen zwar parliert, aber in Wirklichkeit auf die ganzen vom Schicksal ins Nichts gestoßenen noch spuckt!

Wer noch hat, der soll schleunigst dafür sorgen, dass er bald nichts mehr von diesem Irrsinn hat!

Eberhardt 14.07.2013 | 23:11

"...als in ein nachhaltigeres kapitalistisches System."

"...Tatsächlich könnte der technologische Fortschritt unsere Arbeitszeit in dieser Weise reduzieren."

Diese Mähr habe ich schon tausend Mal gehört. Der Kapitalismus ist schier unreformierbar. Wir sehen ja wie unsere Politiker vor den Finanzgrössen hinknien. Weiterhin, ist der technologischer Fortschritt in einem kapitalistischen System mit Patenten, usw. das Herzstück um den Mehrwert an sich zu reissen. Und nur die weltumspannenden Firmen können sich das nötige Innovationstempo leisten. Ich habe mal auch ein Patent angemeldet und habe eine Partnerschaft mit einem Grosunternehmen unterschrieben. Letzteres hat uns einfach plattgemacht: die Kleinen werden einfach mit allen Mitteln zerstört.

Ich bin nicht im Prinzip gegen Technologie. Waschmaschine ist nützlich aber nicht ein elektronisches Infrarotzielgerät. Die einzige Möglichkeit um die Technologie demokratisch zu kontrllieren besteht darin die Grossunternehmen zu zerschlagen und einen freien Markt von mittelständischen Unternehmen zu kontrollieren.

Weiterhin, finde ich die Antworten von Herrn Graeber sehr abstrakt. Die materiellen grundlegenden Bedürfnisse der Menschen (Essen/Trinken, Kleidung, Dach) werden gar nicht erwähnt. Er macht das "Geld" als Mittelpunkt seiner Problematik. Aber Geld kann man nicht essen. Weil der Mensch also nur wenig arbeiten soll (4 Stunden), überlässt Herr Graeber also der Technik, sprich dem Kapitalismus, die Herstellung von Lebensmittel. Ich kann euch sagen was passieren wird. Wir werden die schlimmste Nahrung von den Grossunternehmen erhalten, bis hin zum Kanibalismus, wie gezeigt im Film "…Jahr 2022… die überleben wollen" (1973) von Richard Fleischer nach einer Romanvorlage von Harry Harrisson.

Der Beitrag von Herrn Graeber ähnelt dem der Grundeinkommen-Theorie (Film von Daniel Häni und Henno Schmidt). In diesem befürwortet ein Chef der schweizer UBS-Bank das Greundeinkommen, ohne dass sich die Filmmacher sich über den Grund den Kopf zerbrechen. Die wollen ja die ganze Landwirtschaft industrialisieren, mit den Lebensmitteln spekulieren und letzendlich diese an uns verkaufen bis das Geld nichts mehr wert ist. So, und am Ende hungern wir!

Ich bin selber Gemüsebauer mit einem Zugpferd und kann euch sagen, dass ich meine Arbeit liebe. Ich bin glücklich gesunde und schmackhafte Gemüse für den Markt meiner kleinen Stadt meinen Kunden anzubieten. Um sech Uhr morgens die 4 Km mit dem Fahrrad bis zu meinem Feld hinterlegen, die Vögel zwitschern und die Hummel summen hören, während ich harke oder den Kohl pflanze, das ist das wahre Paradies auf Erde. Es hat nichts mit "...jüdisch-christliche[r]" Tortur zu tun. Entgegen der von den (kapitalistischen) Medien verbreiteten Propaganda, ist meine Art zu produzieren die einzige gute Lösung, um die ganze Menschheit gesund zu ernähren (ich besitze Dateien von alternativdenkende Landwirtschaftsprofessoren, die das zeigen). Es müssten etwa 20% der Beschäftigten zu Bauern werden und für den lokalen Markt produzieren.

Zuletzt, möchte ich erklären, dass ich katastrophal finde, wenn man sein ganzes Leben lang sitzender Tätrigkeit nachgeht. Ob Professor, Journalist, Firmenleiter oder Richter, man kriegt nur "sitzende" Ideen, die bis zur puren Virtualität führen. Ich lade jeden auf mein Bauernhof ein, um über die Strategie der Befreiung von der selbstauferlegten Knechtschaft (Konsum, Medien, usw.) zu sprechen...

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Ehemaliger Nutzer 15.07.2013 | 07:56

Ich halte es auch für ein nützliches Ziel, weniger zu arbeiten und mein Einwand bezieht sich auf das " Retten", weil ich annehme, dass diese Vokabel zu sehr litt, als man meinte, die Banken retten zu wollen und seit dieser Zeit kann ich die Sache mit dem Retten zwar besser verstehen, aber leiden kann ich das Wort nicht mehr. Ich bin also gegen jede Retterei, ausser auf hoher See.

Frank Linnhoff 15.07.2013 | 09:05

Wie kommt es, dass sich nur eine winzig kleine Minderheit dafür interessiert, wie unser Geld- und Bankwesen funktioniert. Die allermeisten Bürger haben völlig falsche Vorstellungen darüber, sogar die meisten Wirtschaftswissenschaftler, die allermeisten Journalisten und Politiker sowieso. Dabei läuft ohne Geld und Kredit in unserer hoch arbeitsteiligen Gesellschaft gar nichts. In unserem Geldsystem entsteht Geld allein aus Kredit (hauptsächlich per Eintippen von Zahlen in den Computer einer Geschäftsbank auf der Aktiv- und Passivseite der Bilanz per Bilanzverlängerung) und verschwindet wieder, wenn der Kredit abbezahlt ist (per Bilanzverkürzung). Die Geldmenge ist wie ein Luftballon, jeder neue Kredit bläst ihn auf, jeder zurückgezahlte Kredit läßt ihn schrumpfen. Da für jeden Euro stetig Zins an die Kreditgeber fällig wird, das Geld für die Zinsen ebenfalls nur aus Kredit bestehen kann, muss sich der Geldballon langfristig exponentiell aufblasen. Selbstverständlich wird er platzen, wenn nicht regelmäßig Luft abgelassen wird, d.h. Kreditschulden gestrichen werden.

Ein idiotischeres Geld- und Banksystem als das, welches wir haben, ist kaum noch vorstellbar, idiotischere Antworten auf die systemische Krise unseres Geldwesens als "Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit" und "Verlängerung der Lebensarbeitszeit" ebenfalls kaum. Aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit sind wir Sklavenseelen noch lange nicht heraus.

Oberham 15.07.2013 | 09:33

... :-) - ich hab mal einen Ertrinkenden "gerettet" - man könnte sagen aus den Fluten befreit - leider kann ich die Menschen nicht aus ihrem Wahn ziehen.

Man kann nur hoffen, dass sich dieses System - das sich regelmäßig vor dem Zusammenbruch - irgendwie "rettet" - eines Tages nicht mehr retten kann - es ist doch schon bedenkenswert, dass die Ärmsten dieser Welt - solange sie von der Zivilisation verschont bleiben, ein Lebensglück empfinden, das die meisten Wohlstandsbürger ihr ganzes Erwachsenenleben nicht empfinden können - und wer erinnert sich schon an die Momente des Glücks in der Kindheit zurück - doch selbst die Kindheit ist schon vom Wettkampf verdorben - man vergleicht sich mit anderen - anstatt den Anderen die Hand zu reichen und zu sagen lasst uns immer miteinander agieren - wie schön es doch ist - reicht ein Mensch dem anderen die Hand zum Spiel - (nicht zur Begrüßung) - das traurige unserer Zeit - diese ausgestreckten Hände sind verschwunden, ... oder noch schlimmer - wir verweigern sie, da sie uns suspekt erscheinen.

Vertrauen wurde doch fast immer enttäuscht, eines Tages ist es verschwunden.

Wer weiß, vielleicht habe ich jenen Menschen damals auch nicht gerettet, sondern ihn der Maschine zurückgegeben.

Heute ist die Maschine für die meisten Menschen das Leben!

eldorado 15.07.2013 | 12:15

Das ist ein sehr wichtiges und grundlegendes Thema!

Immer mehr Maschinen und Roboter haben uns in der Vergangenheit bis heute die Arbeit abgenommen. Ich vermute, dass das noch weiter gehen wird. Das betrifft überwiegend die Herstellung von Waren. Im sozialen Bereich versucht man ebenfalls die Arbeit für den Mitmenschen zu abstrahieren und versucht auch da Maschinen einzusetzen. Mit fatalen Folgen allerdings.

Schon das Wort "arbeitslos" ist falsch gewählt. All die Maschinen und Roboter haben viele nicht arbeitslos gemacht, sondern von der Erwerbsarbeit befreit. Nicht nur Menschen, sondern auch Maschinen arbeiten. Deshalb sollte der "Erwerb", der Mehrwert dieser Maschinen und Roboter auch versteuert werden, damit die Menschen, die von der Erwerbsarbeit befreit sind ohne Not leben können und ihre Kräfte den Mitmenschen zur Verfügung stellen können. Sei das in der eigenen Familie (Kinder, Eltern, behinderte Angehörige) oder Nachbarschaft oder in sozialen Institutionen oder sonst irgendwo, wo soziale Notstände herrschen.

Es ist nämlich interessant. Uebarall dort, wo Ware hergestellt wird ist für die Produktion genug Geld vorhanden, um wie die Irren weiter zu machen. Es gibt einen materiellen Mehrwert.

Und überall dort, wo es um den Dienst am Mitmenschen geht, ist das Geld knapp und wird immer knapper. Hier ist eben der Mehrwert nicht materieller, sondern zwischenmenschlicher Art.

Eigentlich geht es doch darum, dass sich die Menschen gegenseitig mit Waren und Dienstleistungen versorgen. Wie kann es sein, dass das Geld bestimmt, was wo gemacht werden kann. Das Geld soll nicht diktieren was wo gemacht wird. Sondern das Geld soll da zur Verfügung stehen, wo Menschen für Menschen etwas machen.

Und was ist jetzt mit all den Kindern, Alten, Kranken, Behinderten? Auch sie geben viel, je nachdem allein durch ihre Anwesenheit. Sie geben uns die Möglichkeit für sie dazusein und allein durch das werden wir viel lernen können und an der Arbeit wachsen, die Bedürftigen wie die Helfenden.

gelse 15.07.2013 | 19:33

>>Weil der Mensch also nur wenig arbeiten soll (4 Stunden), überlässt Herr Graeber also der Technik, sprich dem Kapitalismus, die Herstellung von Lebensmittel.<<
Möglich, aber es muss nicht so sein.
Nehmen wir zum Beispiel Dieses:
>>Waschmaschine ist nützlich aber nicht ein elektronisches Infrarotzielgerät.<<
Es wird sehr viel Arbeit geleistet für Dinge, die unser Leben nicht wirklich angenehmer machen. Auf diese Arbeit kann verzichtet werden, ohne dass uns etwas fehlt. *
Damit bleibt uns eine Menge Zeit, nützliches zu tun im Sinne von Lebensfreude. Das heisst, die verbeibende nützliche Arbeit kann verteilt werden, sodass sich niemand abstrampeln muss.
Also: Keine Waffenproduktion = mehr Bauern, aber keiner schuftet sich krumm, alle haben noch Zeit übrig für verschiedene interessante Seiten des Lebens.

>>Zuletzt, möchte ich erklären, dass ich katastrophal finde, wenn man sein ganzes Leben lang sitzender Tätrigkeit nachgeht.<<
Ja, es beinträchtigt nicht nur den Körper, sondern auch den Geist.

>>…man kriegt nur "sitzende" Ideen, die bis zur puren Virtualität führen.<<
Den Eindruck habe ich auch: Wer von den „virtuellen Menschen“ weiss überhaupt, woher der Kaffee kommt, den er während des Schreibens schlürft? Wie und wo er wächst, wie er geerntet und weiterverarbeitet wird?

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*Zum Beispiel muss viel Geld aufgewendet werden, um in einer Umgebung ohne Verkehrslärm wohnen zu können. Dafür stresst der sich heimlich nach der autofreien Stadt Sehnende mächtig ab. Man könnte das Gleiche einfacher haben, aber eben nicht in der akuten Glaubenswelt.

Eberhardt 15.07.2013 | 22:16

Ja Gelse,

Ich glaube wir verstehen uns gut. Als ich mein Bauernhof vor 7 Jahre gegründet habe, wollte ich mich nicht "krumm" schuften. Für mich war es wichtig, das meine, damals 7 jahre alte Tochter (ich bin geschieden und sie wohnt mit mir) spass an meiner arbeit hatte. Heute noch hilft sie mir wann sie kann. Eigentlich ist dieser Bauernhof ein pädagogisches Programm für sie und die Menschen, Klassen, usw. die kommen wollen.

Dennoch ist es zeitaufwendig "halbtags" Bauer zu sein. Da ich meine Gemüse nicht teuer verkaufe, muss man schon länger arbeiten, um das nötige, was man nicht produziert, anzuschaffen. Je nach Jahreszeit ist es variabel und nimmt die Zeit eines gewöhnlichen Ganztagsjob in Anspruch. Ich bin aber frei aufzuhören wann ich will und kann mich um meine Tochter kümmern und viel soziale, politische und philosophische Arbeit leisten. Dateien über letztere auf Afrage erhältlich.

Ich habe nähmlich viele Konferenzen über soziale, wirtschaftliche und geistliche Themen gegeben. Und auch die zwischenmenschlichen Beziehungen. Das ist der eigentliche Reichtum, den ich um mir schenke.