Nur Staub im Staub

Südafrika Vor der offiziellen Eröffnung - Mamphifadi Casina Mosoma erzählt über das erste Apartheidmuseum des Landes

Mein Name ist Mamphifadi Casina Mosoma. Ich bin aus dem Volk der Swazis und wurde 1934 in der südafrikanischen Provinz Mpulamanga geboren. Meine Sprache, die Sprache meiner Kindheit, ist Siswati. Später war mir verboten, meine Sprache auf der Straße zu sprechen, wenn dort auch Weiße unterwegs waren. Nur im Schutz unserer Hütte sang meine Mutter noch die Lieder, mit denen sie mich als Kind in den Schlaf holte.

Ich starb 1964 an einer Grippe. Wo ich wohnte, gab es keinen Arzt, ohnehin hätte meine Mutter den nicht bezahlen können. Man hat mich neben der Hütte begraben, doch von meinem Grab war bald nichts mehr zu sehen. Kühe und Menschen trampelten darüber hinweg, benutzten meine Grabstätte als Weg. Mir machte das nichts mehr aus. Bei uns ist man mit den Toten im Geist verbunden - ihre Körper aber werden vergessen.


Mein Name ist Mamphifadi Casina Mosoma - zumindest war er das, bis ich 1948 die Nummer VIF 990299 erhielt. Damals unterteilte die weiße Regierung Südafrikas uns Schwarze in zehn Gruppen, genannt Bantu-Nationen. Meinem Vater schrieben sie ins Dokument, er sei vom Stamme der Xhosa. Meine Stiefgeschwister, die von der zweiten Frau meines Vaters waren, wurden als Coloured bezeichnet. Jede Bantugruppe erhielt ein eigenes Siedlungsgebiet, ein Homeland.

Meine Mutter und ich mussten bald unsere Sachen packen und wegziehen. Ein Jahr später wurde mein Vater gezwungen, sich von seiner zweiten Frau zu trennen. Es gab ein Gesetz in Südafrika, das "Mischehen" verbot. Zunächst konnte er uns noch ein paar Mal besuchen. Doch er hatte kaum Geld, und es war mühsam, die erforderlichen Reise-Anträge auszufüllen, so blieb er schließlich weg. Mit dem Umzug in unser Homeland - ins Heimatland - verloren wir unsere Heimat für immer.


Mein Name ist Mamphifadi Casina Mosoma, und ich wäre längst vergessen, nur Staub im Staub, würde mein Pass nicht im Apartheidmuseum von Johannesburg zusammen mit den Pässen von vielen, vielen anderen hängen, denen man den Namen nahm und statt dessen eine Nummer gab. Deren Stolz auf die Zugehörigkeit zu einem Volk Südafrikas in die Schande verwandelt wurde, einer minderwertigen Rasse anzugehören. Auf meinem Pass-Foto sind all die Merkmale zu sehen, die nach der Rassenlehre der Weißen auf meine Minderwertigkeit hindeuten: Eine breite Nase, ein ausgeprägter Unterkiefer, eine flache Stirn.

Den Pass mussten wir immer bei uns tragen. Traf man uns ohne Pass, mussten wir eine Strafe zahlen, oft mehr Geld, als wir für eine Woche zum Leben hatten.

1952 gab es, angeführt durch Walter Sisulu vom ANC, viele Männer und Frauen, die sich weigerten, den Pass zu tragen und sich einsperren ließen, um das Justizsystem zu schwächen. Doch davon erfuhr ich nichts, denn niemand in meiner Familie konnte lesen und schreiben.

Das Apartheidmuseum gibt es seit einem Jahr, doch offiziell eröffnet ist es noch nicht. Das Gebäude gehört dem Betreiber eines Vergnügungsparks nebenan. Weil der auch ein Casino haben wollte, musste er für die entsprechende Lizenz etwas Gutes tun, so kam das Museum zustande. Die Eröffnungsfeier - so hörte ich - wurde verschoben, weil es in einem Land namens Irak einen Krieg gab. Ich ersehe daraus, dass die Welt kein besserer Ort geworden ist. Noch in diesem Jahr soll nun Mister Mandela dieses Haus der Öffentlichkeit übergeben, dann wird es vielleicht berühmt.

Niemand wird dann mehr sagen können, es falle ihm schwer, sich zu erinnern. Dieses Museum ist ein Haus für die afrikanischen Völker meines Landes. Es zeigt ihre Höhlenmalereien, er zeigt die Entdeckung des Goldes und die Flucht aus ländlicher Armut in die brutalen Goldminen der Weißen.


Mein Name ist Mamphifadi Casina Mosoma, und ich lebte wie die anderen in einer der schmutzigen Hütten, die sich wie ein Ring um die sauberen, weißen Städte legten. Die Slums, schrieben damals die Zeitungen in Johannesburg und Pretoria, seien ein Ort der Krankheit, des Lasters und des moralischen Verfalls. Dass in diesem Slums der Kampf gegen die Apartheid begann, übersahen sie.

Deshalb nennt das Museum so viele Namen aus jener Zeit, die niemand mehr kennt. Es zeigt Fotos, auf denen die Gegensätze zwischen der weißen und der schwarzen Welt so krass sind, dass es schmerzt. Bilder von gefangenen Schwarzen, von abgemagerten Kindern, von Menschen, die man wie Sklaven hielt, die man schlug und trat. Minenarbeiter mit müden Gesichtern, Mütter, die apathisch ihre sterbenden Babys im Arm halten, Kinder, die von Durchfall und Malaria geschwächt im Dreck liegen. Daneben Bilder von strahlenden, großen weißen Männern, an deren Seite saubere blonde Kinder und Ehefrauen im Rüschenkleid stehen.

Wenn ich Besucher durch dieses Museum führen könnte, würde ich mit den Stelen vor dem Eingang beginnen. Darauf steht, was mein Land braucht, um eine gute Zukunft zu haben: Demokratie, Versöhnung, Vielfalt, Verantwortung.

Danach würde ich alle zu der Wand bringen, auf der Graffitis aus der Zeit der Apartheid gezeigt werden, am besten gefällt mir die Nachricht des zwölfjährigen Dayle Ross: "Nimm dich als das, was du bist, und akzeptiere das Leben mit allem, was es dir bringt." Eine andere Botschaft ist auch an mich gerichtet. Sie lautet: "An all die Männer und Frauen, die für meinen Frieden starben, Gott schütze Euch." Dann würde ich euch Fotos derer zeigen, die starben. Manche voller Wut, andere still und unbeachtet.

Ich gebe zu, es ist kein erfreuliches Museum. Es macht traurig. Ich glaube, viele Besucher werden so denken. Sie legen entsetzt die Hände an die Wangen, wenn sie die Gesetzestexte lesen, die uns alle Rechte nahmen. Oder die Zeitungsartikel, in denen die Gefahr beschworen wird, die von uns für die weiße Rasse ausgeht. Ihre Augen werden groß, wenn sie die Filme über die Demonstrationen sehen, bei denen weiße Polizisten auf fliehende Schwarze schießen. Scheu setzen sie sich auf die Bänke auf denen steht "For Europeans only". Schon beim Hineinkommen müssen sie zwischen zwei Eingängen wählen: Einem für Schwarze, einem für Weiße. Danach gehen sie durch Gänge, die links und rechts von Gitterstäben wie Gefängnistüren gesäumt sind. In einer dieser Zellen hängt auch mein Foto.

Am Ende sehen die Besucher, wie Nelson Mandela am 10. Mai 1994 als Präsident Südafrikas vereidigt wird, und sie hören seine Worte: "Nie, nie und niemals wieder soll es sein, dass dieses schöne Land die Unterdrückung des einen durch den anderen erlebt. Lasst Freiheit regieren!" Ein Augenblick, der hoffen ließ, dass die Welt ein Ort der Brüderlichkeit sein kann. "Nkosi sikelel´i Africa" - Gott schütze Afrika, ein alter Gospel. Danach war die einst verbotene Hymne des ANC zu hören, die an diesem Tag, nach Mandelas Rede, erstmals als Nationalhymne Südafrikas gespielt wurde.

Beim Hinausgehen dürfen sich die Besucher ein Exemplar der südafrikanischen Verfassung mitnehmen, in der steht, was ich in meinen Leben nie erfuhr: Alle Menschen sind gleich. Ich weiß, dass die Ideale der Anti-Apartheidbewegung nicht den Sieg davon getragen haben. Viele meiner Leute leben noch immer im Dreck. Aber wenn ich mir die Geschichte ansehe, die dieses Museum erzählt, habe ich Zuversicht. Ich bin sicher, sie wird euch überzeugen, dass Menschlichkeit nicht nur ein Wort sein darf. Denn mein Name lautet Mamphifadi Casina Mosoma, und er ist nicht vergessen.


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00:00 07.11.2003

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