Obamas Lächeln und eine Haarbürste für Weiße

Nahaufnahme Ist Obama der Retter? Und was sagen afroamerikanische Frisiertechniken über Integration aus? Eine Taxigespräch, das Erinnerungen an eine Schule in Washington weckt

Zum Feierabend staut sich in Berlin- Kreuzberg der Verkehr auf der Skalitzer Straße. Durchs Taxifenster beobachten wir türkische Familien, die schwer beladen mit Grillkohle, Kühltaschen und Wolldecken durch die Reihen der stehenden Autos spazieren, auf dem Weg zum Abendpicknick im Görlitzer Park. Der Fahrer blickt hinaus und scheint den Sog in den Park gar nicht wahrzunehmen. Er ärgert sich lediglich über den stockenden Verkehr. Kim ist erst an diesem Vormittag gelandet. Dies ist der erste Besuch der afroamerikanischen Theaterpädagogin aus Washington DC in Berlin, erst ihre zweite Reise nach Europa überhaupt. Lange folgen ihre Blicke den türkischen Clans, bevor sie mich auf Englisch fragt:

„Leben in diesem Stadtteil nur türkische Einwanderer?“

„Viele“, antworte ich und ahne bereits, worauf sie hinaus will, da mischt sich unser Fahrer in die Unterhaltung.

„Ich muss Sie mal etwas fragen, wenn das in Ordnung geht. Wat halten Sie denn von dem Obama? Den halten jetzt alle für den Retter.“ – „Ich denke, er ist ein Mensch und kein Prophet, man muss abwarten“, antworte ich, doch ich sehe bereits in den Augen des Fahrers, dass ich so leicht nicht aus der Nummer herauskommen werde. Kim schaut mich fragend an, sie hat die Frage nicht verstanden, aber den Namen ihres neuen Präsidenten hat sie verstanden.

„God bless Brother Barack Obama, the first black President!“ ruft sie mit einem Lachen und einem sehr feierlichen Unterton ins Taxi. Unser Fahrer hält offensichtlich nicht viel von amerikanischen Pathos, selbst dann, wenn es nicht ganz ernst gemeint ist.

„Schon klar, aber was halten Sie denn persönlich davon, und ihre Freundin ist ja wohl Amerikanerin, wenn ich das richtig verstehe? Sitzt dieser Strahlemann da, und wir alle solln nun alle die USA wieder liebhaben? Das mit den armen Schwarzen ist doch lang passé, Schwarz, Gelb, Rot – das is doch seit Jahren eine Soße!“ flapst er weiter.

Jetzt bin ich froh, dass Kim kein Deutsch spricht. Als ihre Eltern in den frühen neunziger Jahren einen Kredit bei der Bank beantragten, um ein Haus im sicheren und überwiegend weißen Nordwesten von Washington DC zu kaufen, lehnte man die Anfrage ab. Ihre Eltern hatten damals beide feste Jobs und genug Stammkapital, trotzdem waren sie fast 30 Jahre nach dem Ende der US-Rassen-Segregation noch nicht in einer weißen Wohngegend willkommen. In den USA gilt bis heute die Regel, dass eine schwarze Familie die Grundstückspreise in einem guten Stadtteil drücken kann, man nennt dieses Phänomen auch Credit Segregation, Kreditdiskriminierung, was die soziale Integration enorm erschwert und verlangsamt. Trotzdem scheint sich im weißen Europa der Irrglaube auszubreiten, dass der Rassismus besiegt sei. Dabei gingen nach der Wahl Obamas zum Präsidenten im vergangenen Jahr Bilder aus Harlem und Washington, DC, um die Welt: Afroamerikaner in Tränen. Kein Korrespondent hat es sich nehmen lassen, die bewegenden Emotionen Schwarzamerikas zu zeigen und zu kommentieren, schließlich war es gerade für diesen Teil der US-Bevölkrung ein historischer Tag. Man zeigte sich mitfühlend, ohne die Dimensionen dieser Wahl aufzuzeigen, denn die Unterschiede zwischen der afroamerikanischen und der weißen US-Alltagskultur werden selten präzise erläutert. Die kulturellen Unterschiede im Alltag der afroamerikanischen und weißen Bevölkerung, die bis heute andauern, reichen bis in die kleinsten Details.

Take the A Train

Kim und ich lernten uns vor fast 16 Jahren in der Schule kennen. Damals war ich ein norddeutsches Provinzkind, das dachte, es lerne etwas von einem Austauschjahr in den USA. Ich war 16 und wusste wenig mehr über die USA als jene popkulturellen Klischees, die ich in erster Linie aus dem Fernsehen kannte und ein paar Eckdaten aus dem Geschichts- und Erdkundeunterricht. Daher wusste ich, dass Washington DC Hauptstadt war, dass von den gut 500.000 Einwohnern von DC 58 Prozent Afroamerikaner und 35 Prozent Weiße waren, auch dass man die Stadt damals „Mordhauptstadt“ nannte, weil sie den nationalen Rekord an Morddelikten hielt. Im Schuljahr meines Austauschs gab es zehn Morde an Public Schools, zwei der Opfer waren Lehrer, von Schülern getötet, die anderen acht resultierten aus Gewalttaten zwischen Schülern.

Unsere High School, die Duke Ellington School of the Arts, ein stolzes, weißes Gebäude im Herzen des feinen Stadtteil Georgetown, war seit 1974 eine öffentliche High School, die neben den akademischen Fächern Kunst, Musik und Theater als gleichberechtigte Fächer anbot. Das Besondere an ihr bestand darin, dass sie eine „Magnetschule“ war. Sie hatte keinen festen Einzugsbereich, sondern jeder Schüler qualifizierte sich durch Bewerbung und Vorsprechen in seinem Fach – egal, aus welchem Stadtteil er kam, ob aus dem vorwiegend weißen, von Mittel- bis Oberschichtfamilien bewohntem Nordwesten oder aus den Ghettos im Südwesten. Die Schule repräsentiert somit ein etwas realistischeres Bild von DC als das, was wir aus den europäischen Fernsehnachrichten kennen: 98 Prozent der Kids der Duke Ellingtion School Of The Arts waren schwarz. Es gab acht weiße Schüler, fünf Latinos und mit mir drei Asiaten. Von allen öffentlichen DC High Schools hat die Duke Ellington School, die höchste Quote von Schülern, die ihren Abschluss machen und danach auf eine angesehene Uni gehen.

Während wir uns im aufgeheizten Taxi im Schrittempo voranschieben, ersteht mein erster Schultag vor meinen Augen: Eine ältere, strenge, schwarze Dame im grauen Kostüm steht auf der großen Bühne des eleganten, schuleigenen 800-Sitze-Theaters und erklärt mit feierlich-monoton-nasaler Stimme: „Heute ist der erste Tag vom Rest Eures Lebens.“ Im Auditorium bricht Unruhe und schallendes Gelächter aus. Eine andere, wie sich später herausstellen soll, wesentlich beliebtere Lehrerin steht auf und ruft: „Schüler!“

Kleine Pause, dann spricht sie mit fester Stimme, in den schon etwas ruhigeren Raum: „Respekt!“

Der Trubel ebbt etwas ab und die Schulleiterin fährt mit ihrer Rede fort. Sie spricht von Herausforderungen und Verantwortung, die „über die Grenzen, die über unsere afroamerikanischen Kommune hinaus reichen“. Wieder bricht Lärm aus, wieder tritt die andere, jüngere Lehrerin vor:

„Schüler, zeigt etwas mehr Respekt. Wenn ihr anderen keinen Respekt zollt, wie könnt ihr dann erwarten, dass andere Menschen euch respektieren?“

Den Begriff „African-American“ hörte ich an diesem Tag zum ersten Mal mit voller Aufmerksamkeit, seine soziologische oder historische Bedeutung kannte ich nicht. Afroamerkanische Popkultur, wenn als solche ausgewiesen, reduziert sich auf drastische Klischees: Ghettos, Girls, Goldkettchen. Kim wirkt in meinen Augen wie eine durchschnittliche US-Amerikanerin: etwas mehr Make-up, mehr Schmuck und sorgfältiger zurechtgemachte Haare, weniger Zweck und mehr Sinnlichkeit, mehr Perfektion als die meisten deutschen Frauen ihres Alters. Sie sieht weder aus wie eine Tänzerin aus einem Hip-Hop-Video noch wie eine Black Mammy aus dem tiefen Süden. Trotzdem fällt sie in Berlin auf. Seit ich sie heute morgen in Tegel abgeholt habe, seit wir zusammen unterwegs sind, nehme ich Blicke wahr, die mich allein niemals zur Kenntnis genommen hätten.

Ich erkannte diese Blicke. Ähnlich wie die Passanten hatte auch ich den Alltag an der Duke Ellington beäugt. Vielleicht klingt es seltsam, aber mein Leben lang hatte ich unter weißen Europäern verbracht und nun, umgeben von Afroamerikanern, fiel ich auf. Dazu kam, dass die Duke Ellington School auch nicht gerade eine normale Schule war. Es gab beispielsweise keinen traditionellen Schulgong. Die Aufgabe, die Stunden ein- und auszuläuten übernahm der Jazz-Standard „Take the A-Train“ von Billy Standhorn. In den kleinen Pausen zwischen den Stunden spielte das schuleigene Radio noch einen Pop-Song, was je nach Popularität des Songs zu kurzen Disco- und Karaokeausbrüchen im Flur führte. Ich beobachtete, wie andere Schüler über den Flur bopten, moonwalkten, staksten, stöckelten, schlenderten und schlurften. Einige Mädchen hatten kleine Taschenspiegel in den Türen ihrer Schränke befestigt, damit sie zwischen zwei Kursen schnell ihr aufwendiges Make-up korrigieren oder ihr nicht minder kunstfertig aufgetürmtes Haar neu abklippen oder einsprühen konnten. Ich erinnere mich genau, wie aufgedonnert mir die Mädels in den Fluren und Klassenzimmern anfangs vorkamen.

Die Kunst, Haare zu flechten

„Lord Jesus Christ, deine Landsleute haben wirklich keinen Sinn für Stil!“ ruft Kim aus und guckt kopfschüttelnd hinter ein paar blassen Damen mit fissligen Haaren und schlichter Kleidung her.

Sicher hätte ich vor 16 Jahren etwas ähnliches über ihre Landsleute gesagt. Die Mädchen trugen doch recht enge und kurze Kleider mit hohen Schuhen, viel Make-up, viele Ohrringe, Ketten und Armbänder und eben jene unglaublichen Skulpturen auf den Köpfen. Dass es sich bei der Fertigkeit der afroamerikanischen Mädchen, mit ihren Haaren umzugehen, kaum um Zauberei, sondern um Handwerk handelte, das Sorgfalt und Geduld erforderte und Selbstbewusstsein verlieh, ahnte ich damals noch nicht. Im Laufe der nächsten Monate würde ich auch eingeweiht werden in ihre Kunst, die einen am Ende der langwierigen Prozedur wirklich etwas aufrechter gehen ließ.

„Wir tragen nicht so dick auf“, sage ich derweilen zu Kim, „vielleicht kann man sagen, dass wir das Praktische dem Glamourösen vorziehen.“

Ich erinnere mich genau, wie seltsam ich mich fühlte, in Jeans und T-Shirt, mit meinen strähnigen Haaren und den Doc Martens. Zu Beginn der Mittagszeit beschloss ich, dass es auch für mich an der Zeit war für eine minimale Korrektur. Ich wandte mich an das Mädchen, deren Schrank direkt an meinen angrenzte und fragte sie, ob sie mir eine Haarbürste leihen könnte. Das Mädchen war Kim Lewis, und wir teilten nicht nur eine Schulschrankwand, sondern auch den gleichen Theaterkurs. Kim drehte sich um und musterte meinen Haarschopf ein paar Minuten lang sehr genau. Dann antwortete sie kurz und präzise:

„Eine Bürste für Schwarze oder eine für Weiße?“

„Wie bitte?“, fragte ich verdutzt zurück.

„Na, willste eine, die Schwarze benutzen oder eine, die Weiße benutzen?“, antwortete sie.

„Was heißt das, eine Bürste für Schwarze oder Weiße?“, fragte ich verblüfft.

Kim pfiff kurz durch ihre Zähne als wolle sie sagen, Gott, jeder Dummkopf kann eine Bürste für Schwarze von einer für Weiße unterscheiden. Sie griff in ihre Handtasche und zog eine Naturhaarbürste und eine Skelettbürste heraus.

„Bürste für Schwarze“, erklärte sie die Naturhaarbürste, „und die hier für Weiße“ und hielt die Skelettbürste aus Plastik hoch. Die Begriffe waren nun zugeordnet, aber die Verständnisbarriere war unverändert undurchdringlich. Kim drückte mir eine der Bürsten in die Hand.

„Hier, versuch die mal. Ich schenk sie dir“, sagte sie und ließ mich mit der Skelettbürste im Flur stehen.

Das Taxi befreit sich aus dem Stau und bewegt sich zügig über die Oberbaumbrücke. Wir biegen Richtung Alexanderplatz ab und fahren am Spreeufer entlang. Kims Aufmerksamkeit fällt sofort auf das Stück Mauer, das hier in Form der East-Side-Gallery überlebt hat. Sie fragt mich, wie es um die Integration von Ost- und Westberlin steht. Kurz überlege ich, ob ich die Frage an den Taxifahrer weitergebe, doch antworte dann selbst:

„Unser Staatschef ist nicht nur eine Frau, sondern auch eine Ostdeutsche.“

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05:00 28.05.2009

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