Offenes Wohnen

Berliner Abende Kolumne

1988 zog ich in den graubunten Prenzlauer Berg, der so gar nicht in die warme, langweilige DDR passte. Hier gab es schon nachts in der Vorderhausbäckerei das frischeste Brot der Welt und jeder konnte, wann immer er wollte, auf dem Dach frühstücken. Meine Straße endete an der Mauer. Meine Wohnung war ein 33 Quadratmeter großes Zimmer mit Hochbett, Ofen und Fenstern, die klapperten, streifte sie der Wind. Das Klo eine halbe Treppe tiefer. In der Küche hatte ich eine Duschkabine aufgestellt. Wüstling, der über mir, hatte auch so eine Dusche. War sie undicht, konnte ich in seinem durch die Decke dringenden Wasser mitduschen.

Nicht nur die Mauer am Ende der Straße fiel. Die Sanierung verwandelte meine Bude durch Wohnungszusammenlegung in eine 99 Quadratmeter große, mit zwei Balkons, Wohnküche, Wannenbad und einem Gäste-WC ausgestattete Vier-Zimmer-Suite. Ideal für eine aus meiner Liebe, mir und Katze Paula bestehende Familie!

Die Vorderhausbäckerei ging pleite, aus dem von Freaks bewohnten Viertel ist eine saubere, süddeutsch geprägte Eigentumslandschaft geworden, die Dächer gehören den meist schwäbischen Besitzern der neu entstandenen Dachetagen-Wohnungen.

Wüstlings Bude wurde nach der Sanierung von einem Öl-Mogul gekauft, der ein Abschreibungsobjekt brauchte. Um noch hier zu wohnen, muss Wüstling alle Räume untervermieten und Tag und Nacht arbeiten. Dass wir es uns noch leisten können, hier zu leben, liegt einzig daran, dass sich meine Wohnung rechtlich von einer Mietsache in eine unverkaufte Eigentumswohnung verwandelte.

Regelmäßig erschien Herr Carstensen, ein freundlicher Anlagenberater mit schlohweißem Haar, um die von uns bewohnten Räume potentiellen Käufern zu zeigen. Nie mit leeren Händen. Bei seinem ersten Besuch drückte er mir einen sizilianischen Rotwein in die Hand. Dem folgte ein Chilene, Champagner und - nachdem er mich diskret nach meinem Schnapskonsum befragt hatte - eine Flasche Havana Club. Führte er seine Leute herum, pries er die Ruhe hinten, den Ausblick vorn raus. Sein Finale: "Diese Straße ist richtig grähsi! Eine Künstlergegend!"

Für uns gehörten seine Besuche zum Alltag. Als er wieder klingelte, blieb ich auf dem Teppich sitzen, vor mir mein neues Manuskript, das von der Zukunft der Erde nach dem Ende der Menschheit erzählte. Paula schlummerte auf ihrem Baum, meine Liebe verschönte die beim Auszug weiß zu übergebenden Wände des Schlafzimmers mit einem Wandbild.

Dem vom Flur zu mir dringenden Stimmengemisch nach mussten es mindestens zehn Mann sein. Die Stubentür flog auf, und Carstensen überreichte mir eine Flasche Portwein aus dem Jahr 1967: "Ich war so frei, mich nach Ihrem Geburtsjahr zu erkundigen! Das ist ein Vintage, er wird von Jahr zu Jahr besser - genau wie Sie, Herr Nußbücker!" Er deutete auf mein Manuskript, dass es alle zwölf ihn umgebenden Asiaten sehen konnten: "Herr Nußbücker ist Schriftsteller! Ich sag ja, hier wohnen nur Künstler!" Die Asiaten nickten, bevor sie ihm in mein Arbeitszimmer folgten, wo er seinen "Grähsi"-Satz brachte. Alsdann hörte ich die Meute ins Schlafzimmer wechseln.

Bevor sie verschwanden, steckte Carstensen den Kopf zu mir rein: "Kann ich Sie morgen unter vier Augen sprechen?" - Gab es Ärger wegen des Wandbilds?

"Können Sie sich vorstellen, dass ich öfter Gruppen durch Ihre Räume führe?", begann Carstensen. "Wie meinen Sie das?" Er seufzte. "Es ist unmöglich, einen Interessenten für Ihre Wohnung zu finden. Das Haus ist sozial saniert, es dauert fünf Jahre, bis ein Käufer die Miete nehmen kann, die den Hasen fett macht! Deutlich genug?"

Ich dachte an Wüstling und nickte.

"Käufer hab ich ewig nicht aufgespürt, aber es hat sich rumgesprochen, dass hier oben gemütliche Leute wohnen, als wären sie nicht von dieser Welt, Sie verstehen?" "Ähm, nein!" Carstensen lachte. "Sie sitzen aufm Teppich, schreiben, malen - ohne dass dabei je was rumkommt!" "Was soll das?", protestierte ich, doch Carstensen entgegnete: "Das ist kein Vorwurf, im Gegenteil! Es gefällt den Leuten, was Sie anbieten!" "Anbieten?" "Ja! Die zahlen sehr gut dafür, dass ich sie für ein paar Minuten ein Leben angucken lasse, das sie selbst gern führen würden, es sich jedoch nicht leisten können, weil ihnen ihre Geschäfte keine Muße lassen!" "Sie meinen - "20 Prozent von dem, was die Leute mir zahlen, damit ich sie herbringe! Das sind, elf Führungen die Woche, 3.400 Euro im Monat - ein Angebot?" "Ja, aber ..."

Carstensen holte ein Mäppchen hervor und entnahm ihm ein Papier. Vor meinen Augen erschien die Zahl - ich unterschrieb!

Das ist zwei Jahre her. Täglich den lockeren Schriftsteller zu mimen, entpuppte sich als Knochenjob. Dies ist die erste Geschichte, die ich seitdem schrieb. Ich fürchte, es wird für lange Zeit meine letzte sein.


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00:00 15.06.2007

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