Oft wird Krieg zum Spiel

300.000 Kindersoldaten weltweit Wer überlebt, bleibt gezeichnet

Die Kinder der Welt, so der erste UN-Weltkindergipfel 1990, sollten im 21. Jahrhundert besser vor Krankheit, Hunger und Krieg geschützt werden. Im September 2001 gibt es weltweit 49 bewaffnete Konflikte - zumeist Bürgerkriege -, in denen nach UN-Angaben mehr als 300.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren kämpfen. Der am 19. September in New York beginnende zweite Weltkindergipfel sieht sich beim Thema »Kindersoldaten« mit einem Verbrechen konfrontiert, das wie selbstverständlich mit Sanktionen geahndet werden müsste. Doch ist im vergangenen Jahrzehnt vergleichsweise wenig geschehen.

Immer größere Teile der Welt fallen in ein moralisches Vakuum. Dort werden grundlegende menschliche Werte nicht mehr beachtet, Kinder massakriert, vergewaltigt, zu Krüppeln gemacht. Kinder werden als Soldaten ausgebeutet und unvorstellbarer Gewalt ausgesetzt. Man lässt sie verhungern. Tiefer kann die Menschheit nicht mehr sinken.« - Zu diesem Eindruck kommt die ehemalige mosambikanische Bildungsministerin Graça Machel in ihrer Studie ... on the Impact of Armed Conflict on Children, die sie Ende der neunziger Jahre im Auftrag des UN-Generalsekretärs vorlegte. Danach sind allein zwischen 1986 und 1997 zwei Millionen Kinder durch Kampfhandlungen getötet, sechs Millionen verletzt und verkrüppelt worden. Nicht immer muss die unmittelbare Verstrickung von Kindern in bewaffnete Konflikte der Grund dafür sein. Der mit Kriegen einher gehende Kollaps von Gesundheitssystemen und anderer sozialer Strukturen, die Verwüstung ganzer Regionen mit den bekannten Konsequenzen für die Ernährung - das alles trifft Kinder besonders. Zur Zeit sind in Afrika, Lateinamerika, Asien und Osteuropa etwa 22 Millionen Kinder und Jugendliche auf der Flucht. Sie fliehen auch davor, in den Krieg ziehen zu müssen, um zu töten oder getötet zu werden.

Nach UN-Untersuchungen stehen weltweit mehr als 300.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Regierungsarmeen, bewaffneten Milizen oder den marodierenden Trupps lokaler Warlords. Kinder gelten aus mehreren Gründen als begehrtes »Rekrutierungspotenzial«.

»Sie kennen keine Angst ...«

In Liberia wurden seit 1989/90 mehr als 6.000 Heranwachsende zwischen sieben und siebzehn an der Waffe ausgebildet und kämpften im Bürgerkrieg mit. Im Grenzkonflikt zwischen Äthiopien und Eritrea (1998 - 2000) wurden auf äthiopischer Seite Tausende von Kindern zwangsrekrutiert und bei Sturmangriffen als »Menschenwellen« eingesetzt, um nachrückenden Verbänden eine Bresche zu schlagen. Die Todesrate war entsetzlich hoch. Ruanda, Angola, Sierra Leone, Afghanistan, Kambodscha, Albanien, Kroatien oder Bosnien - die Reihe der vom Krieg überzogenen Länder, in denen Kinder zu Soldaten wurden und werden, ließe sich fortsetzen.

Ein Rebellenoffizier aus dem Kongo, einem Land, in dem Kindersoldaten Kadogos genannt werden und fester Bestandteil der Armeen an allen Fronten des Bürgerkrieges sind, gibt zynisch zu Protokoll: »Kadogos sind die besten Soldaten, sie denken an nichts anderes als an das Gefecht. Sie dienen ohne Sehnsucht nach Rückkehr zur Familie, sie kennen keine Angst.«

Kinder sind häufig noch nicht fähig, den Wert ihres Lebens und des Lebens anderer zu ermessen. Krieg wird zum Spiel. Und die Spieler können grausamer als Soldaten sein. Ein Junge, der 1998 mit 14 Jahren in die guatemaltekische Armee kam, beschreibt seinen Alltag: »Die Armee ist ein Albtraum. Wir leiden unter einer grausamen Behandlung, werden ständig grundlos geschlagen. Ich spüre heute noch instinktiv den Schmerz im Unterleib, weil ich so oft von älteren Soldaten brutal getreten wurde. Sie zwangen mich zu begreifen, dass es keine Gnade für den Feind gibt, wenn er dir im Kampf gegenübersteht ...« Ein 16-jähriger aus Karatschi, der im indisch-pakistanischen Krieg um die Provinz Kaschmir stand, schrieb seinen Eltern: »Ich bete zu Allah, dass ich einen Märtyrertod sterbe. Doch bevor mein Leben zu Ende ist, muss ich wenigstens einen Inder getötet haben.«

Es spricht für diese »Kriegskinder«, dass sie billig sind, weniger essen, oft keinen Sold verlangen. Auch Staaten wissen das zu schätzen, in Ost- oder Zentralafrika sind in manchen Gegenden shock troops unterwegs, die - im Auftrag einer Regierung oder eines Armeekommandeurs - Kinder einfangen, sprich: festsetzen, verschleppen, entführen, rekrutieren.

»Bei Fluchtversuch wird geschossen ...«

In einer Fallstudie aus Äthiopien ist zu lesen: »Einheiten der bewaffneten Miliz und Polizei durchstreifen Straßen und Märkte. Sie ergreifen alle, derer sie habhaft werden können. Sie umzingeln ein Quartier und zwingen jeden Jungen sich gegen eine Wand zu stellen und zu warten, bis der Lastwagen für den Abtransport vorfährt. ›Bei Fluchtversuch wird geschossen‹, schreien die Fänger mit martialischer Pose.« Die Zwangsrekrutierungen gehen soweit, dass sogar Schulen umstellt und Kinder herausgeholt werden. Im Grenzgebiet Angolas zu Namibia sind Anfang 2000 Truppen der Regierungsarmee Forcas Armadas Angolana (FAA) eingefallen und haben namibische Kinder zwangsrekrutiert.

Die Zahl von 300.000 Kindersoldaten im Jahr 2001 reflektiert nicht zuletzt auch den veränderten Charakter von Kriegen: Direkte Konfrontationen zwischen Staaten werden immer seltener, in einigen west- und zentralafrikanischen Ländern kämpfen statt dessen ethnisch geprägte Privatarmeen um vergleichsweise kleine, jedoch rohstoffreiche Enklaven (low intensity warfare), um angesichts einer maroden nationalen Ökonomie Erze, Erdöl, Diamanten oder Edelhölzer selbst auf dem Weltmarkt verkaufen zu können. Durch die Implosion ganzer Staaten entstehen sich selbst erhaltende Kriegsmärkte. Die Kohorten der Warlords überleben, weil sie ihre Kriege fortsetzen und diese Märkte erhalten. Und sie kämpfen weiter, um zu überleben.

Man sieht ihm seine Geschichte nicht an

Roen Chan, zwölf Jahre, Kindersoldat aus Kambodscha

Leise und stockend erzählt Chan von seinem Leben als Soldat: »Vor zwei Jahren mussten wir am Kontrollposten von Boeumpo die Straße nach Poi Pet kontrollieren. Ich hatte ein Gewehr, das war größer als ich. Wir stoppten Autos. Wenn ein Fahrer nicht zahlen wollte, half das Gewehr nach.«

Mit solchen Schikanen füllen Soldaten in Kambodscha bis heute ihren Sold auf. Auch wenn die Streitkräfte des Landes offiziell keine Kindersoldaten rekrutieren, stecken oft Minderjährige in den Uniformen. Soldat werden, das ist ein großer Traum vieler Jungen, sie erleben schließlich täglich, wie allmächtig Soldaten sind. So mancher Junge verlässt seine Familie, um sich diesen Traum zu erfüllen und in einem Albtraum anzukommen.

Ähnlich erging es Roen Chan. Als er spürte, man lebt als Soldat ganz anders als erwartet, war es zu spät. Der damals 10-jährige traute sich nicht mehr nach Hause. Seine Stimme ist fast nicht mehr zu hören, als er erklärt warum: »Einmal wollte ein Autofahrer nicht bezahlen und schimpfte. Da fingen die anderen an zu schreien, und wir haben einfach geschossen.« Roen Chan weiß nicht mehr genau, wie oft er an solchen Morden beteiligt war.

»Die Kindersoldaten geraten in einen Teufelskreis«, erklärt Benito, der Leiter der Kinderschutzorganisation Krousar Thmey in Phnom Penh, »sie trauen sich nicht mehr nach Hause, weil sie wissen, was sie getan haben, dass sie eigentlich Totschläger sind. So bleibt die Armee ihr Refugium, lässt sie immer mehr abstumpfen, so dass die Chance schwindet, diesen Albtraum zu überwinden.«

Doch Roen Chan hatte Glück. Er fand in das Schutzzentrum von Krousar Thmey und kann heute mit anderen Kindern zur Schule gehen. Beim abendlichen Volleyball-Spiel ist er einer unter vielen - man sieht ihm seine Geschichte nicht an. Nachts aber wacht er immer wieder schweißgebadet auf, er träumt von den Menschen, die er erschossen hat.

Schließlich bietet ihnen eine global agierende Rüstungsindustrie ein unerschöpfliches Arsenal an Kleinwaffen, mit denen sich Kinder in Uniform vorzüglich ausrüsten lassen. Weltweit werden heute schätzungsweise eine Milliarde Kleinwaffen eingesetzt. Bei 50 Konflikten zwischen 1990 und 2000 waren in 46 Fällen Kleinwaffen wichtigster Ausrüstungsgegenstand. Es mag absurd klingen, aber die eigentlichen Massenvernichtungswaffen unserer Zeit sind Kleinwaffen, produziert größtenteils in den USA, West- und Osteuropa - vertrieben teils auf dem Schwarzen Markt teils legal als regulärer Waffentransfer auf zwischenstaatlicher Ebene. Die Bundesrepublik Deutschland rangiert dabei seit mehr als 20 Jahren stets unter den ersten fünf Exporteuren. Zwischen 1990 und 2000 wurden in Bonn beziehungsweise Berlin allein 680 Genehmigungen für Rüstungslieferungen nach Indonesien erteilt. Und 1999 hat die Bundesrepublik unter Rot-Grün sogar einen neuen Exportrekord aufgestellt. Ein Drittel der Ausfuhrgenehmigungen entfiel auf Handfeuerwaffen.

All diese Umstände verdichten sich zu einem Teufelkreis, aus dem es kaum ein Entrinnen gibt. Kindersoldaten werden insofern nicht nur ihrer Kindheit und Jugend beraubt, sie bleiben ein Leben lang gezeichnet, weil sie vor allem eines lernen: Im Zweifel zählt nur Gewalt. Im Sudan, Sierra Leone oder Liberia wächst eine Generation heran, die zwar vorzüglich mit Waffen umgehen, aber weder lesen noch schreiben kann, geschweige denn irgendwann einmal erfahren hat: Konflikte lassen sich auch friedlich lösen. Sie müssen keine tödliche Gefahr sein, in der nur noch der Wille zur Selbsterhaltung zählt.

Der Autor ist Mitarbeiter der Nichtregierungsorganisation terre des hommes.

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00:00 14.09.2001

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