Oldtimer aus den Siebzigern?

Humanisierung der Arbeit Die Gewerkschaften tun etwas für ihr Renommee in den Betrieben

"Das Rekordtief bei den krankheitsbedingten Fehlzeiten ist ein Beleg dafür, dass die Arbeitsbedingungen in Deutschland immer gesünder geworden sind", meinte jüngst eine Sprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände angesichts des seit Jahren sinkenden Krankenstandes. Die Gewerkschaften parierten sofort - dieser Trend sei kein Hinweis für weniger Belastung in den Betrieben, sondern Indiz dafür, dass immer mehr Beschäftigte trotz Krankheit zur Arbeit gehen und besonders belastete Gruppen in Frühverrentung und Arbeitslosigkeit abgeschoben würden. Repräsentative Umfragen der Krankenkassen ließen da kaum Zweifel. Tatsächlich spiegelt der Krankenstand keineswegs die Qualität heutiger Arbeitsumstände wider.

Bestätigt wird dies durch Erkenntnisse eines Reports der Bundesregierung über den Stand von Sicherheit und Gesundheit, der seit Dezember 2006 vorliegt: Nach repräsentativen Befragungen 2005/2006, heißt es da, arbeiteten 53,5 Prozent der Erwerbstätigen unter starkem Termin- und Zeitdruck - 17 Prozent gar bis an die Grenze ihres Leistungsvermögens. Während Arbeitsunfälle weiter zurückgingen, würden in der heutigen Arbeitswelt psychische Beschwerden und davon ausgelöste Erkrankungen rapide zunehmen.

Leistungsdruck, längere Arbeitszeiten und das oft gestörte Betriebsklima schälen sich als Ursachen für Gesundheitsprobleme in der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts heraus. Und eine vom Bundesarbeitsministerium in Auftrag gegebene Studie Was ist gute Arbeit? kommt zu dem recht ernüchternden Fazit: Lediglich 13 Prozent der Befragten haben Arbeitsplätze mit einem existenzsichernden Einkommen, mit Einfluss, Entwicklungschancen und einem akzeptablen Betriebsklima. Bei 84 Prozent sind die Einkommen zu niedrig oder die Lasten zu hoch sowie Einfluss- und Entwicklungsoptionen zu gering. Anders formuliert: "Gute Arbeit" ist rar in Deutschland.

Ein Blick auf die Qualität von Arbeit muss also differenzierter ausfallen, alternde Belegschaften und den Zuwachs an prekären Jobs in Betracht ziehen. Eine Humanisierung der Arbeitswelt ist allein schon deshalb aktuell, muss sich aber im Vergleich zu den siebziger und achtziger Jahren an den veränderten Kontext halten und neue Lösungen suchen. In den Gewerkschaften hat die Debatte darüber längst begonnen und folgt dem Anspruch, der Arbeit wieder ein gesundes Maß zu geben, sich der Entgrenzung von Leistung und Arbeitszeit zu widersetzen, prekäre Arbeit einzuschränken, nach dem Recht der Älteren und auch danach zu fragen, ob Arbeitsinhalte denn das stets reklamierte lebenslange Lernen fördern. Diesen Kriterien hat sich das Projekt "Gute Arbeit" der IG Metall verschrieben, um auf menschenwürdigen Verhältnissen in der Arbeitswelt zu bestehen.

Die betriebliche Resonanz auf die 2004 gestartete Initiative ist beachtlich, stehen doch bisherige Standards durch die Rückkehr kurzer Produktionstakte, den drohenden Verlust erkämpfter Erholzeiten und einen generellen arbeitspolitischen Rollback zur Disposition. Die Humanisierung der Arbeit erhält so unter den Imperativen einer Shareholder-Ökonomie wirklich politische Brisanz, wie der Kongress Gute Arbeit - eine bessere Arbeitswelt im Dezember 2006 zeigte, als die IG Metall eine erste Zwischenbilanz dieses Vorhabens zog.

Da der Trend zu verlängerten Arbeitszeiten eher forciert wird, sorgen Betriebsräte mit den vom IG-Metall-Projekt entwickelten Tools für Gegenwind. Das heißt, mit einem "Arbeitszeit-TÜV" wird die Gesundheitsverträglichkeit von längeren und verlagerten Arbeitszeiten überprüft. Gesundheit der Beschäftigten kontra Wettbewerbsargumente - in diesem Konflikt kann gewerkschaftliche Gegenmacht nur an Statur gewinnen. Mit einer Software zur ergonomischen Schichtplangestaltung wurde beispielsweise in einem Betrieb ein Arbeitszeitmodell erreicht, das eine Verkürzung auf 33 Wochenstunden einschließt.

Es liegt auf der Hand, prekarisierte Arbeit, besonders in Form von niedrig entlohnter Leiharbeit, unterläuft die Normen "Guter Arbeit" - auch für die Stammbelegschaften. "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" war folglich der Maßstab für mehrere Praxisbeispiele, die beim erwähnten Kongress vorgestellt wurden und bei denen es keine Abstriche am Anspruch equal pay and treatment für Leiharbeiter gab.

So kann es nicht überraschen, wenn die "Gute Arbeit" medial Karriere macht und als Kommunikationsbegriff nicht nur für gewerkschaftliche Initiativen, sondern ebenso für kirchliche Gruppen und neuerdings für die Regierung von Belang ist. Arbeitsminister Müntefering (SPD) kündigt immerhin an, das europäische Sozialmodell "im Sinne guter Arbeit" fortschreiben zu wollen. Freilich ohne anzudeuten, wie er das mit der Deregulierungspraxis à la Hartz vereinbaren will. Auf jeden Fall gilt: Nicht die Devise "Hauptsache Arbeit", sondern das Kriterium "Qualität der Arbeit" rückt ins Blickfeld.

Für die IG Metall eine vorzügliche Gelegenheit, den politischen Gehalt des Themas "Gute Arbeit" gegen die Zumutungen der Shareholder-Ökonomie zu akzentuieren. Dass beim derzeitigen betrieblichen Protest gegen die Rente mit 67 auch die Entrüstung über verschlechterte Arbeitsumstände zum Ausdruck kommt, könnte der Initiative noch mehr Auftrieb geben: "Gute Arbeit" greift vitale Interessen der Beschäftigten auf - es ist also angebracht, sich gegen schlechte Arbeit zu wehren.

s. auch gewerkschaftliche Internetplattform ZOOM - Zeitarbeit Ohne Organisation Machtlos: www.igmetall-zoom.de.

00:00 23.02.2007

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