Omnibus

Im Kino "Ten Minutes Older - The Trumpet" zeigt sieben Reflektionen zum Thema Zeit

Das Konzept liest sich wie einer dieser Produzententräume, die wohl beim Erwachen besser schon vergessen wären: Man lädt einen Haufen Star-Regisseure ein, Kurzfilme von zehn Minuten zum Thema "Zeit" zu realisieren, die dann zu einem so genanten Omnibusfilm aneinandergehängt werden. Weil so viele berühmte Regisseure auf den Vorschlag eingehen, macht man gleich zwei Filme draus. Doch Omnibusfilme sind immer Produzenten- und nicht Regisseursprojekte, das kompositorische Moment sollte aus etwas mehr bestehen als der Akkumulation verkaufskräftiger Namen.

Der erste Schwung von Ten Minutes Older mit dem Beinamen The Trumpet (2002) (der zweite folgt als The Cello) setzt sich aus Arbeiten von Aki Kaurismäki, Viktor Erice, Werner Herzog, Jim Jarmusch, Wim Wenders, Spike Lee, und Chen Kaige zusammen. Bis auf Erice, den großen Marginalen, sind das alles Namen, deren beste Zeit vorbei zu sein scheint. Doch auch wenn der Film nichts Anderes als eine eher unzusammenhängende Ansammlung von Kurzfilmen ist, die einzeln in sich hineinmurmeln, ist Ten Minutes Older - The Trumpet doch ungleich besser und vor allem interessanter als man erwarten durfte.

Die erste Episode ragt noch kaum heraus: Aki Kaurismäkis Dogs Have No Hell - zehn Minuten, in denen ein Mann sein Leben verändert - wirkt in Konzeption wie Durchführung eher wie ein Abfallprodukt seines aktuellen Langfilms Der Mann ohne Vergangenheit. Jim Jarmuschs geschmeidiger Int. Trailer Night, in dem ein Star zehn Minuten Drehpause hat und sich gerne entspannen würde, ist ähnlich nutzlos, das aber mit Bedacht: Ein Gefühl monochromer Traurigkeit macht sich breit beim Anblick von Chloe Sevigny, der eine Parade höflicher Produktionsangestellter mit wichtigen Informationen und wohlmeinenden Hilfestellungsversuchen ständig in die Quere kommt.

Werner Herzogs Ten Thousand Years Older ist eine Dokumentation über die brasilianischen Uru Eus, die bis Anfang der Achtziger in der Steinzeit lebten und dann innerhalb von wenigen Jahren die Entwicklung von Jahrtausenden durchliefen. In seiner Inszenierung ist der Film unprätentiös am Rande zur Tollpatschigkeit, dafür bündiger und sehenswerter als die letzten Langfilme des Autorenfilmers. Ähnliches gilt für Twelve Miles to Trona von Wim Wenders: Hier bekommt ein Mann nach ein paar LSD-glasierten Keksen Wahnvorstellungen und versucht, schnell ins nächste Krankenhaus zu kommen, während sich ihm subjektiv die Zeit zerdehnt. Wenders ist stets dann am Besten, wenn er sich statt auf Botschaften darauf kapriziert, schöne bunte "Visuals", Augenschmaus, Form pur zu produzieren.

Auch Spike Lee hat in den letzten Jahren die in ihn gesetzten Erwartungen nur selten erfüllt und überrascht hier mit seinem Beitrag We Wuz Robbed: Die Wahlkampftruppe von Al Gore analysiert, wie sie innerhalb von zehn Minuten durch Zaudern die Wahl verloren hat. Zwar kennt man die Fakten mit all ihren verschwörungstheoriesatten Implikationen zur Genüge, aber Lee gewinnt dem Thema durch sein Vorgehen ganz neue Seiten ab: Er schneidet die Sich-Erinnernden so ineinander, dass sie samt der Widersprüche wie eine einzige Stimme, eine Erzählung wirken. Ihre Auslegung der Geschehnisse bekommt dadurch etwas Suspektes, so als hätten sie sich alle diese eine Geschichte so lange eingeredet, bis sie für sie wahr wurde. Fast meint man zu sehen, wie Politik zum Mythos wird.

Die größte Überraschung von allen ist jedoch Chen Kaiges 100 Flowers Hidden Deep, eine so feinsinnige wie traurige Komödie über kulturelle Amnesie und Stadtentwicklung. Im Rahmen der Olympia-Vorbereitungen macht Peking tabula rasa mit seinem Stadtbild, und damit mit seiner Geschichte. Ein Mann führt ein Umzugsunternehmen zu einem bereits plattplanierten Feld und gibt ihnen den Auftrag, ein Haus in der Hundert-Blumen-Gasse zu räumen. Bereit, für Geld alles zu tun, spielen die Möbelpacker nach Anleitung des scheinbar Wahnsinnigen diesen Umzug durch, bis sie das Haus und die (nach einer Mao-Kampagne benannte) Gasse sehen, als Bauzeichnung ...

Und Viktor Erice? Sein Lifeline ist Verdichtung von Form, die zu einer Explosion von Sinn und Gefühl wird: das Verbluten eines Babys wird zum "objektiven" Zeitmaß einer Kurzsymphonie von Beobachtungen, Augenblicken, die von der großen und der kleinen Zeit handeln, von dem Verticken der Momente auf einer imaginären Uhr und dem Ende einer Ära, des Zweiten Weltkriegs, dessen Schatten über Spanien liegt. Allein schon für dieses kurze Stück schrecklicher Wahrhaftigkeit lohnt sich Ten Minutes Older - The Trumpet.

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00:00 20.12.2002

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