Onkel Ziyas kleines Reich

Migranten Über türkische Gemüsehändler wird viel ­geredet. Aber ­niemand spricht mit ­ihnen. Ein Tag im Leben von Ziya Cetinkaya, der einen kleinen Laden in Berlin betreibt

Berlin liegt in einem eisigen Winterschlaf, als Ziya Cetinkaya aufbricht, um der Stadt ihre tägliche Dosis Vitamine zu bringen. In einem weißen Lieferwagen rauscht er über die Schnellstraße, tief im Westen der Metropole. Er tritt das Gaspedal durch, die Fahrstreifen sind leer. Es ist Viertel nach drei. Cetinkaya, 49, Sohn südostanatolischer Bauern, seit 25 Jahren in Berlin lebend, fährt zum Großmarkt. Der Beginn eines Arbeitstags, der 16 Stunden dauern wird.

In den Großmarkthallen strahlt das Neonlicht. Es ist laut, Rolltore rattern. Gabelstapler sausen vorbei, die Fahrer rufen und hupen. Cetinkaya geht ruhig durch das Gewusel. Er winkt, grüßt, schüttelt mehr Hände als auf einer türkischen Hochzeit. „Ist nicht viel los wegen der Krise“, sagt er. „Viele Händler, aber viel zuwenig Kunden.“ Kunden sind hier all jene Ladenbesitzer, die wie Cetinkaya täglich Ware zum Weiterverkauf holen.

Zwischen den hohen Regalen voller Kartoffelsäcke, Oliveneimer und Obstkisten arbeiten fast nur Männer. In ihrer uniformen Kleidung wirken sie wie eine Armee. Die Armee der Gemüsehändler, über die in Deutschland zuletzt viel geredet und geschrieben wurde. Nur mit diesen Männern sprach kaum jemand. Cetinkaya ist einer von ihnen: Schwere Arbeitsschuhe, graue Cordhose, ein Anorak über dickem Rollkragenpulli. Auf dem lichten Haar sitzt eine blaue Baseballkappe. „Was brauch ich denn?“, fragt er und holt ein bekritzeltes Stück Pappe aus der Hosentasche.

Ein globalisierter Markt

Was folgt, ist ein Shopping-Trip durch einen globalisierten Markt. Cetinkaya kauft Mangos aus Brasilien, Feigen aus Chile und türkische Knoblauchwurst. Mit kritischem Blick prüft er Brechbohnen aus Kenia und dicke Pilze aus Südkorea. Dann reißt er ein Päckchen israelische Datteln auf. Er nimmt eine der schrumpeligen Früchte und schiebt sie sich in den Mund. „Ganz süß“, sagt Cetinkaya. Sein Lächeln drückt den breiten, schwarzen Schnurbart hoch zu einem buschigen V.

Die Produkte müssten frisch, exotisch, exklusiv sein. „Meine Kunden sind anspruchsvoll“, sagt Cetinkaya. Sein Geschäft liegt am Rande des Nobelstadtteils Grunewald, Problemkieze wie Neukölln oder Wedding sind weit weg. Zwischen Villen und Botschaftsgebäuden ist Cetinkaya der einzige Obst- und Gemüsehändler weit und breit. Er ist auch der einzige Türke hier.

Gegen fünf Uhr kehrt er vom Großmarkt zurück. Der Laden liegt im Erdgeschoss eines fünfstöckigen Gebäudes. Eine blau-gelbe Leuchtreklame wirft künstliches Licht auf den Kosmetiksalon links und den Blumenladen rechts. Cetinkayas Sohn Riza, 22, taucht auf. Die Familie wohnt direkt über dem Laden. Gemeinsam mit dem Vater schleppt der junge Mann Kisten aus dem Ladeninneren nach draußen. Dann wird der Wagen ausgeräumt, Fruchtpyramiden aufgeschichtet. Die graue Straßenecke färbt sich langsam regenbogenfarben. „Es muss alles schön aussehen“, betont Cetinkaya.

Vater und Sohn arbeiten schnell, wortlos. Drei Stunden dauert der gesamte Aufbau. Nach einer halben Stunde sind die Fingerkuppen taub, die Kälte kriecht die Beine hoch. „Es ist eine harte Arbeit. Aber wir sind zufrieden.“ Cetinkaya wird diesen Satz an diesem Tag noch dreimal sagen.

Ziya Cetinkaya wuchs in einem Dorf im armen Südosten der Türkei auf. Die Eltern waren Bauern, sie hatten Kühe, bauten Gemüse an. Aber das reichte nicht, um die acht Kinder zu ernähren. Als Ziya zum Jugendlichen wurde, zog die Familie nach Izmir, einer Millionenstadt an der Ägäisküste. Die Eltern machten ein Café auf, Ziya half mit, es lief gut. Einer seiner Brüder wurde Bankkaufmann. Durch Beziehungen brachte er auch Ziya bei der Bank unter. Ohne Ausbildung oder Berufserfahrung. „Da hab’ ich wohl Glück gehabt.“

Cetinkayas Lebensweg wurde kurvig, als er seine große Liebe traf. Freunde der Eltern stellten ihm ihre Tochter vor. Latife war schön, jung und lebte in West-Berlin. Cetinkaya folgte ihr. 1986 kam er in die geteilte Stadt. Fünf lange Jahre musste er auf eine Arbeitserlaubnis warten. Während seine Frau in den Werkshallen von Siemens Waschmaschinen prüfte, wechselte er dem Sohn die Windeln. „Das war keine gute Zeit“, sagt Cetinkaya heute. „Ich war ja nur ein Hausmann. Es ist schwer für einen Mann, nicht arbeiten zu dürfen, wenn er arbeiten kann und will.“

Als er endlich durfte, machte Cetinkaya vieles. Er reinigte nachts die Kaufhäuser am Kurfürstendamm. Mit seinem Schwager eröffnete er ein türkisches Restaurant. Doch es lief nicht, sie verstritten sich. Schließlich fing er mit Obst und Gemüse an. Lange stand er mit einem Stand auf Wochenmärkten. Vor acht Jahren übernahm er von Bekannten den Laden im Grunewald. Der Laden sei das Beste, was ihm je im Leben passiert sei, sagt er, während er mit den Fingern angematschte Weintrauben von einer Rebe dreht.

Gegen acht wird das Viertel langsam wach. Die ersten Kunden kommen. Hausfrauen, die ihre Kinder zur Schule bringen. Männer mit dicken Wintermänteln über dem Anzug hetzen zur Arbeit. „Morgen Ziya“, sagt einer. „Morgen Peter“, grüßt Cetinkaya. Peter sei Richter und Stammkunde, sagt Cetinkaya leise. Wenn er über andere spricht, senkt er die Stimme.

Eine ältere Dame tritt ein. Sie bedankt sich für das Antipasti-Büffet, das Cetinkaya ihr am Vortag geliefert hat. Glasschalen mit türkischen Vorspeisen stehen in einer Kühltheke. Eingelegte Sardinen und Zucchini, getrocknete Tomaten und Auberginenpaste. Vieles macht Cetinkayas Frau selbst. „Aber das ist leider auch nichts Besonderes mehr“, sagt Cetinkaya. „Alle großen Kaufhäuser haben jetzt Vorspeisen.“


Er habe nur eine Chance zu überleben. „Die Qualität muss stimmen. Wenn ein Kunde einmal schlechte Qualität bekommt, geht er das nächste Mal woanders hin.“ Beim Preis kann er mit den Lebensmittelketten nicht mithalten. Erst recht nicht mit den Discountern. Seinen Sohn macht das wütend: „Lidl hatte letztens Gurken für elf Cent. Wie machen die das? Das ist billiger als im Großmarkt. Die machen uns alles kaputt.“ Aber seine Ware sei besser, da könne er bei den Stammkunden punkten, glaubt Cetinkaya. Bio hat er kaum, hier im Grunewald sei das noch nicht so gefragt. Cetinkaya hält sowieso nicht viel von Trends: „Da wird überall betrogen. Ich habe hier auch gute Äpfel aus dem Umland, erstklassige Früchte. Aber im Bio-Markt schreiben sie Bio drauf und nehmen zwei Euro mehr pro Kilo.“

Der Laden der Cetinkayas ist ein klassischer Familienbetrieb. Vater, Mutter, Sohn – ihr ganzes Tun, ihr Tagesrhythmus ist auf das Geschäft ausgerichtet. Nur die 17-jährige Tochter schert aus, sie geht auf die Berufsschule, will Bürokauffrau werden. Cetinkaya zeigt auf seinen Sohn und sagt: „Ich habe ihm auch gesagt: Geh studieren! Aber er wollte nicht.“ Riza lächelt verlegen: „Ich wollte eben etwas machen, das ich greifen kann.“ Riza hat Einzelhandelskaufmann gelernt. Im Berufsschulunterricht war er oft müde, weil er lang vor der ersten Stunde dem Vater im Laden geholfen hat.

Familie und Geschäft – viel mehr gibt es nicht im Leben von Ziya Cetinkaya. Sein Laden ist seine Welt. Hier herrscht Ordnung, seine Ordnung. Der Laden ist die Quelle seines Selbstwertgefühls, seines Stolzes. Cetinkaya hat ein Arbeitsethos, das manche wohl sehr deutsch nennen würden.

Früher habe er gerne Sport gemacht, „Fußball und Gymnastik“. Aber nach einer Sechs-Tage-Woche ist er dafür zu kaputt. Urlaub macht die Familie einmal im Jahr, immer im Sommer. Sie reisen dann zusammen in die Türkei, Verwandte besuchen. Dorthin zurückkehren will Cetinkaya aber nicht, wenn mit dem Laden einmal Schluss sein sollte. „Ich bin seit fast 25 Jahren hier. Berlin ist mein Zuhause. In der Türkei bin ich jetzt ein Fremder.“

Er will mit allen klarkommen

Über Politik will Cetinkaya gar nicht reden. Nicht über das Schweizer Minarettverbot, nicht über den innertürkischen Konflikt mit der kurdischen Minderheit. Viele seiner Stammkunden seien wichtige Leute, sagt er. Politiker und Botschaftsangehörige. Alles sehr nette Menschen, mit denen komme er gut klar. „Und das soll auch so bleiben.“ Aber zu Thilo Sarrazin möchte er doch etwas sagen. Der Vorstand der Bundesbank hatte sich in einem Interview abfällig über türkische Einwanderer geäußert. Und über Obsthändler. „Sarrazin hat sich im Ton vergriffen, das war nicht okay. Aber er hat auch richtige Sachen gesagt. Ich weiß aus eigener Erfahrung: Wenn du in Deutschland Arbeit willst, dann bekommst du auch welche. Und wenn du als Chauffeur keinen Job kriegst, dann kannst du immer noch irgendwo ein Lager aufräumen.“ Mit solchen Sätzen würde er an deutschen Stammtischen viel Beifall bekommen.

Um kurz nach sechs fängt Cetinkaya an, seine Obst- und Gemüsetürme wieder abzubauen. Er hat ganz gut verkauft heute, das große Reinemachen dauert anderthalb Stunden. Späte Kunden, die schnell noch eine Kleinigkeit wollen, begrüßt er so freundlich wie die ersten. Um halb acht ist der Laden dicht, die Rollladen runtergelassen, der Gehweg blank gefegt. Ziya Cetinkaya hat Feierabend.

Ob er noch Ziele hat? Oder Träume? „Nein, eigentlich nicht“, sagt er müde. Da ist weder die Sehnsucht nach einem Haus am Meer noch ein Streben nach wirtschaftlicher Expansion. Da ist nur der Wunsch, morgen früh wieder den eigenen Laden zu öffnen. Um die Kunden lächeln zu sehen. Und der Stadt die Vitamine zu bringen.

Im vergangenen Herbst erregte Thilo Sarrazin, ehemaliger Berliner Finanzsenator und Vorstandsmitglied der Bundesbank, mit einem Interview in der Zeitschrift Lettre International Aufsehen. Darin kritisierte er die mangelnde Integration von Türken und Arabern in Berlin und äußerte sich abfällig über Obst- und Gemüsehändler mit Migrationshintergrund. Eine große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt (...) hat keine produktive Funktion, außer für den Obst- und Gemüsehandel, und es wird sich vermutlich auch keine Perspektive entwickeln. Auf das Interview folgten ein Aufschrei und eine aufgeheizte Feuilleton-Debatte. Fakt ist, dass nach Statistiken des Zentrums für Türkeistudien mehr als 40 Prozent der türkischen Unternehmer in Deutschland im Lebensmittelsektor tätig sind. Sie machen einen Jahresumsatz von mehr als 13 Milliarden Euro. Anfangs eröffneten Türken Lebensmittelläden, damit ihre Landsleute auch in Deutschland türkische Gerichte zubereiten konnten, deren Zutaten deutsche Geschäfte oft nicht führten. Mittlerweile geben aber viele Händler an, dass die Mehrzahl ihrer Kunden Deutsche sind. In Großstadtvierteln sind türkische Obst- und Gemüsehändler oft die einzige Alternative zum Einkauf bei Supermarktketten. Die Onkel-Ahmet-Läden haben die Tante-Emma-Läden ersetzt. Als Hauptgrund hierfür gilt nach wie vor die hohe Arbeitslosigkeit unter türkischen Einwanderern, die auf dem Arbeitsmarkt sonst kaum Chancen haben. jap

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

16:30 14.01.2010

Ausgabe 23/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 9