Panik

Ich leide an einer altmodischen Krankheit. Eigentlich ist es keine Krankheit, sondern eine grausame Gewissheit. Es muss Jahrhunderte her sein, da war ...

Ich leide an einer altmodischen Krankheit. Eigentlich ist es keine Krankheit, sondern eine grausame Gewissheit. Es muss Jahrhunderte her sein, da war sie bei unverheirateten Frauen ab fünfunddreißig sehr verbreitet. Heute ist das ein jugendliches Alter und verheiratet zu sein, kein Wert mehr an sich. Aber auch wenn die Emanzipation sie ausgerottet hat und kein Mensch mehr davon spricht: Ich habe Torschlusspanik, und ich fürchte, ich kriege keinen mehr ab.

Die Verzweiflung hat mich gepackt, als ich vor einem fremden Spiegel stand: Unter meinen Augen hängen Tränensäcke, groß wie prallgefüllte Einkaufstüten, meine Stirn ist ein Karomuster aus Längs- und Querfalten, die Wangen rutschen in Abgründe wie Geröll von einem Berg, meine Haut hat sich in zerknülltes Seidenpapier verwandelt. An meinen Hüften haben sich Kissenpolster angelagert, die dort nie gewesen sind, ich versichere dies bei meinem Leben. Ich sagte laut: »Das will ich nicht!« Und wenn ich es schon nicht will, wird es auch kein Mann mehr wollen. Es ist alles aus.

Ich zog eine Freundin in eine dunkle Ecke und flüsterte ihr mein peinliches Geheimnis zu: »Ich bin eine alte Jungfer. Das muss gestern passiert sein, denn vorgestern war es noch anders.« Hoffentlich lachte sie nicht.

Aber ihr Gesicht wurde bleich, ihre Augen flackerten unruhig: »Sprich nicht so laut. Ich weiß, wovon Du redest.«

Ich ertappte mich dabei, wie ich sie heimlich mustere. Sie ist ein Jahr älter als ich, das sieht man schon, finde ich. Ich finde auch, dass ich viel jugendlicher wirke, man fragt mich schließlich dauernd, ob ich Studentin bin. Wann war noch genau das letzte Mal? Ich spürte die Blicke meiner Freundin, sie musterte mich auch.

»Du siehst total jung aus«, sagte ich zu ihr.

»Du auch!« antwortete sie enthusiastisch.

»Wirklich, wirklich?«

Aber wir glaubten uns nicht, auch wenn wir es so nötig gehabt hätten, sondern starrten einander erschrocken an. Auf einmal wurde uns mit voller Wucht die Vergänglichkeit bewusst, und dass wir sie nie wieder vergessen werden. Wir haben gedacht, wir hätten eine Zukunft, aber wir haben schon die ganze Zeit in ihr gelebt. Unsere neuen Aussichten sind Heizkissen und ältere Herren mit Blasenschwäche. Irgendwann werden wir aufhören, uns die Haare zu färben und Gesundheitsschuhe tragen, weil uns sowieso niemand einen zweiten Blick gönnt. Werden wir uns eben mehr mit Kultur beschäftigen. In die Oper gehen mit einem Reclamheft in der Hand, die muskulösen Herren auf der Bühne mit einem entsagenden Seufzer betrachtend.

Wir senkten beschämt die Augen. Aber wir haben doch noch gar keinen wüsten Sex gehabt! Wir fühlten uns, als hätten wir ein wichtiges Spiel verloren. Meine Freundin flüsterte trotzig: »Einen warmen Schlafanzug kaufe ich mir erst, wenn ich in den Wechseljahren bin! Bis dahin ist noch Zeit.«

Aber getrödelt kann nicht mehr werden. Ab jetzt wird das Menschenmögliche getan, um den Alterungsprozess hinauszuzögern. Es wird gejoggt, gefärbt, gesund gegessen. Pro Woche, das schwören wir uns, wird eine Kontaktanzeige beantwortet. Jeder Kandidat wird wohlwollend auf seine Eignung überprüft, aber alles ganz hoheitsvoll. Es darf keiner mitkriegen, dass wir es eilig haben und schon gar niemand, dass wir uns von innen leicht angetrocknet fühlen. Am besten setzen wir ein beschwingtes Lächeln auf und vergessen sofort, dass wir einen Namen für den Zustand kennen, in dem wir uns nicht befinden.

00:00 21.03.2003

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare