Patent auf Gewinn

Machtverschiebung Arzneimittel sind ein lukrativer Markt. Mittlerweile entscheiden immer weniger Ärzte, sondern Kassen und Pharmafirmen über ihren Einsatz

Früher war zwar nicht alles besser, doch manches scheint etwas einfacher gewesen zu sein. "Nicht jede Beratung erfordert ein Rezept. Vor der Verordnung soll der Arzt prüfen, ob Arznei erforderlich ist oder ob sie durch andere Maßnahmen ersetzt werden kann." So steht es in den "Richtlinien über die Verordnung von Arznei in der kassenärztlichen Versorgung" vom 30. November 1959. Und weiter heißt es ziemlich einfach: "Für die Wirtschaftlichkeit ist vor dem Preis der therapeutische Nutzen entscheidend. ... Die Berücksichtigung der Wirtschaftlichkeit ... besagt nicht, dass nur einfache und billige Arzneimittel verordnet werden dürfen."

Gedrosselter Anstieg

Man kann den Gesundheitsfonds ablehnen - Schuld daran, dass die gesetzlich Krankenversicherten ab dem 1. Januar 2009 mehr für ihren Versicherungsschutz ausgeben müssen, ist er wohl nicht. Denn die Beiträge wären im kommenden Jahr ohnehin gestiegen. Das legt zumindest die Halbjahresbilanz 2008 der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) nahe. Demnach fehlen den Kassen derzeit rund 940 Millionen Euro. Jedes Mitglied hat im Schnitt 4,5 Prozent mehr Kosten verursacht als 2007. Großen Anteil daran haben die Arzneimittelausgaben, die gegenüber 2007 um 5,7 Prozent gestiegen sind. Dabei ist das im Vergleich zu früheren Jahren sogar moderat: 2005 waren es gegenüber dem Vorjahr noch fast 17 Prozent. "Die Gesundheitsreform hat zur Stabilisierung der Arzneimittelausgaben beigetragen", kommentierte denn auch Hans-Jürgen Seitz vom Bundesverband der Apotheker die jüngsten Zahlen.

Knapp ein Fünftel ihres Budgets geben die Kassen für Medikamente aus, das sind aktuell knapp 30 Milliarden Euro im Jahr. Ein riesiger Markt, der vielen Menschen hierzulande Lohn und Brot verschafft. Dabei ist die Frage, wer woran wieviel verdient, zunehmend schwerer zu beantworten. Waren vor zehn Jahren nämlich die Ärzte noch nahezu allein für die Arzneimittelausgaben zuständig, liegt die Verantwortung seit dem Beginn des Jahrtausends auf den Schultern von immer mehr Akteuren. Wesentlichen Anteil daran, dass die Kosten seit 2006 nicht ähnlich rasant gestiegen sind wie in den Vorjahren, hat das Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz. Im Mai 2006 bescherte es den Krankenkassen einen Rabatt von zehn Prozent auf patentfreie Medikamente - die Generika - und neue, überwiegend gesenkte Festbeträge.

Dagegen hat die so genannte "Aut-idem (Oder dasselbe)-Regelung" aus dem Jahr 2002 wohl weniger Anteil an der angestrebten Kostensenkung als bisher angenommen. Die Idee: Bei verschreibungspflichtigen Medikamenten soll der Apotheker - sofern der Arzt das nicht ausdrücklich ausschließt - das verordnete Arzneimittel durch eine der drei preisgünstigsten Alternativen ersetzen. Im Alltag geschieht das aber nicht häufig, wie Wissenschaftler der Hochschule Niederrhein in Krefeld/ Mönchengladbach in einer aktuellen Studie zeigen. Demnach wird ein verschriebenes Medikament nur selten durch ein anderes ersetzt, und wenn, dann meist durch gleich teure oder sogar teurere Produkte. Dabei ließe sich mit "Aut-idem" richtig Geld sparen - allein im Bereich Nordrhein knapp neun Prozent des gesamten Arzneimittelumsatzes.

Wundertüte Rabattverträge

Pharmahersteller wollen ihre Produkte möglichst teuer verkaufen, Patienten und ihre Kassen aber möglichst wenig dafür bezahlen. Ein Instrument, das zwischen beiden vermitteln soll, sind seit April 2007 die möglichen Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Pharmafirmen. Das Wettbewerbsstärkungsgesetz (GKV-WSG)" fördert solche Verträge ausdrücklich. Inzwischen gibt es Tausende davon, bei mehr als 17.000 Generika erhalten die Kassen bereits einen Preisnachlass. Die AOK, Vorreiterin in Sachen Rabattverträge, verspricht sich davon Einsparungen von bis zu einer Milliarde Euro.

Ob all dies mit rechten Dingen zugeht, ist derzeit allerdings unklar. Die Pharmafirmen sind nämlich der Meinung, dass Krankenkassen als öffentliche Auftraggeber Rabattverträge europaweit ausschreiben müssten. Die Krankenkassen bestreiten das. Besonders heikel ist, dass auch die Gerichte in dieser Frage uneins sind. "Bis zur Entscheidung macht eigentlich jeder, was er will", sagt Christine Lietz, Justiziarin beim Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie. Allen voran die AOK, die für 2008 und 2009 weitere Rabattverträge für mehr als 80 Wirkstoffe aushandelt.

Was aber hat die Pharmaindustrie davon, wenn andere Geld sparen? Auch für sie lohnt sich das Geschäft. Die Absatzzahlen steigen, denn die Abnahme bestimmter Mengen wird vertraglich garantiert. So gewährt etwa Pfizer der BKK Rabatte für den Cholesterinsenker Sortis. Versicherte bekommen das Medikament voll erstattet und sparen die Zuzahlung von bis zu 100 Euro pro Packung. Dafür musste Pfizer den hohen Listenpreis für Sortis in Deutschland nicht senken. Das ist für das Auslandsgeschäft des Konzerns bedeutsam, denn dort gilt der deutsche Preis als Bezugsgröße.

Wurden anfangs Verträge nur für Generika ausgehandelt, sind inzwischen patentgeschützte Originalpräparate hinzugekommen. Innovativ sind dabei nicht nur Arzneimittel, sondern auch die Verträge. Ein so genanntes "Risk-Share-Modell" zwischen der DAK und Novartis garantiert etwa der Kasse, dass sie Geld zurückerhält, sollte es trotz Behandlung mit dem Medikament Aclasta innerhalb eines Jahres zu einem durch Osteoporose (Knochenschwund) bedingten Knochenbruch kommen. Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft sieht solche Verträge kritisch: Der Nutzen von Aclasta gegenüber einer bereits etablierten Behandlung sei nicht erwiesen, die Arzneimittelhersteller versuchten lediglich, Marktanteile zu gewinnen.

Da könnte etwas dran sein. Denn es geht um viel Geld - der Markt mit Originalpräparaten ist 16 Milliarden Euro schwer. Rabattverträge stehen dabei nicht nur für Kosteneinsparung, sondern auch für eine Verschiebung von Macht: Haben früher Ärzte ein Arzneimittel ausgewählt, tun das heute zunehmend Kassen und Pharmafirmen. Dort hört man das Wort "Rabattvertrag" nicht gern und spricht - etwa Pfizer - lieber von "Versorgungsvertrag". Ausdrücklich strebt der Pharmakonzern Novartis Verträge über seine ganze Produktpalette an, um den Größenvorteil gegenüber Konkurrenten auszuspielen. Längst will man nicht mehr nur über Rabattverträge verhandeln, sondern "über Therapiekonzepte", so Peter Maag, Vorsitzender der Novartis-Geschäftsführung in Deutschland.

Dumpingpreise beim Versandhandel

Rabattverträge können Irritationen durch so genannte Reimporte vermeiden, indem sie klar festlegen, welches Medikament ein Versicherter erhält. Wird ein Medikament nämlich ins Ausland exportiert und dann nach Deutschland zurück importiert, ist es zwar - aufgrund des im Ausland meist niedrigeren Preises - auf dem hiesigen Markt zehn bis 20 Prozent billiger zu haben als das entsprechende Originalpräparat. Doch keiner weiß genau, ob in der Packung auch drin ist, was drauf steht.

Noch billiger geht´s im Versandhandel. Der steckt in Deutschland zwar noch in den Kinderschuhen, doch winken Internet-Apotheken bereits mit bis zu 55 Prozent Preisnachlässen für rezeptfreie Arzneimittel. Dafür müssen die "Kunden" allerdings mehrere Tage auf ihr Medikament warten. Ein Beispiel für die neue Apothekenwelt liefert Tschechien. Dort betreibt Schlecker Drogerien mit integrierter Apotheke und verkauft rezeptfreie Medikamente rund 15 Prozent billiger als in ortsansässigen Apotheken. Sollten jedoch demnächst Discounter Arzneimittel zu Dumping-Preisen verkaufen, sind falscher Anwendung und Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Die nette Dame an der Kasse wird zu Risiken und Nebenwirkungen nämlich kaum Auskunft geben wollen.

Experten sind sich einig: Solange die Industrie die Preise für patentgeschützte Arzneimittel frei gestalten darf, kann sie alle Versuche, die Kosten zu senken, jederzeit aushebeln. So veranschlagte Novartis in diesem Jahr für eine Dosis des Medikamentes Lucentis - das einzige bisher zugelassene Mittel zur Behandlung der altersbedingten Maculadegeneration (Alterserblindung) - mehr als 1.500 Euro. Schon heute entstünden den Kassen jährliche Mehrkosten von rund sieben Milliarden Euro, Tendenz steigend, weil das Krankheitsrisiko mit zunehmendem Alter steigt. Verglichen mit dieser Summe sind die Kostensteigerungen des gesamten Arzneimittelmarktes in den letzten beiden Jahren Peanuts.

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00:00 27.11.2008

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