Lukas Foerster
Ausgabe 0716 | 19.02.2016 | 06:00 2

Perlen im Verfallsprozess

Kino „Hail, Caesar!“ von den Coen-Brüdern führt leicht parodistisch ins Hollywood der 50er Jahre zurück

Der Rahmen ist ein theologischer. Eddie Mannix (Josh Brolin) sitzt im Beichtstuhl, und wieder fällt ihm nur eine einzige Verfehlung ein: Er kann nicht von den Zigaretten lassen. Dabei steht er als Produzent einem Hollywoodstudio vor, watet also tagtäglich durch einen Sündenpfuhl, in dem es von außerehelichen Schwangerschaften, Alkoholeskapaden und den zugehörigen Klatschreporterinnen nur so wimmelt. Und außerdem ist Mannix damit beschäftigt – das ist die nächste jener allzu cleveren Drehbuchpointen, die für die Filme der Coen-Brüder nicht immer vorteilhaft sind –, einen Bibelfilm zu drehen. Der so heißt wie der Coen-Film: Hail, Caesar!

Damit das Prestigeprojekt nicht lebensanschauliche Befindlichkeiten verletzt, hat Mannix in einer frühen Szene Vertreter der zentralen Religionsgemeinschaften eingeladen. Auch einen Rabbiner, der angesichts des angekündigten Jesus-Films nur müde lächelnd abwinken kann: „Gott ist ein Junggeselle. Und sehr wütend.“

Insgesamt geht es Hail, Caesar! allerdings nicht unbedingt darum, den Religionsersatz Kino zu entmystifizieren. Viel Energie verwenden die Coens auf die Re-Imagination klassischer Hollywoodfilme. Tatsächlich sind das die stärksten Szenen. Das Tolle an den klassischen, mit ihren lang gestreckten, fensterlosen Gebäuden an Fabriken oder mehr noch an Lagerhallen (und durchaus auch an Konzentrationslager) erinnernden Studios war ja, dass in ihnen für gewöhnlich nicht nur ein Film gedreht wurde; sondern dass parallel und fast Tür an Tür mehrere Streifen heruntergekurbelt wurden, oft quer durch alle Genres.

In dem Fall heißt das: Nicht nur der Bibelfilm entsteht unter Mannix’ Aufsicht, sondern auch ein wundervoll naiver Western, eine raffinierte, aber komplett fehlbesetzte Salonkomödie und zwei Musicals. Im ersten zwängt eine etwas angestrengt vulgäre Scarlett Johansson ihr Hinterteil in ein Meerjungfrauenkostüm; im zweiten, dynamischeren verabschiedet sich Channing Tatum in Matrosenkleidung steptanzend von seiner Heterosexualität („Keine Weiber“). Kurzum: Die Coens schwelgen, nicht nur ein bisschen sehnsüchtig, im Mittelbau des klassischen Kinos.

Kommunistische Autoren

Die entsprechenden Szenen sind zwar allesamt coentypisch ins leicht Parodistische verzerrt, aber glücklicherweise nie ins offen Sarkastische. Aus allen (außer vielleicht der Meerjungfrauennummer – als Busby-Berkeley-Imitatoren taugen die Coens wirklich nicht) spricht eine unbedingte Liebe für das zugleich repetitive und unerschöpfliche Formenspiel des populären Kinos.

Und es geht nicht nur um das fertige Starvehikel, sondern auch um den arbeitsteiligen Herstellungsprozess: Der Dreh einer Szene wird durch einen herumstammelnden Hauptdarsteller ausgebremst, beim Schnitt verheddert sich ein Halstuch im analog-nähmaschinenartigen Schnittgerät, in der Preview-Version des Bibelfilms taucht die Schrifteinblendung „hier göttliche Intervention einfügen“ auf. Wenn in dieser Aufzählung eine entscheidende Arbeitsphase, das Drehbuchschreiben, fehlt, hat das einen Grund: Die Scriptwriters sind pissed off – und alle Kommunisten.

Das ist der entscheidende, das historische blacklisting der McCarthy-Ära verulkende Dreh, der die Handlung in Gang setzt. Die moskautreuen, linksintellektuellen Autoren waren den pragmatischen Handwerkern, die die Studiosets hauptsächlich bevölkern, schon immer verdächtig. Aus gutem Grund, haben doch die Autoren durchschaut, warum Mannix’ Studio den Namen „Capitol“ trägt. Weil sich das verdächtig nach „Kapital“ anhört!

Ein Koffer mit Geld

Wenn dann noch Professor Marcuse persönlich auftaucht, ist die Sache entschieden: Es genügt nicht mehr, subversive Botschaften in B-Western-Skripte zu schmuggeln – wenn die Produkionsverhältnisse wieder zurechtgerückt werden sollen, zählt nur noch direct action. Der Bibelfilm-Hauptdarsteller wird entführt.

Die Verwicklungen, die sich daraus ergeben, sind leider deutlich weniger prickelnd als die Showbiz-Miniaturen der ersten Filmhälfte, weil sie einerseits allzu mechanisch anmuten und andererseits erstaunlich lustlos ausgeführt sind; was man spätestens dann bemerkt, wenn ein Geldkoffer im Pazifischen Ozean versinkt, ohne dass das irgendjemanden jucken würde.

Hail Caesar! erinnert im Guten wie im Schlechten an die neueren Woody-Allen-Filme. Auch bei den Coens verkommt der Markenkern mehr und mehr zu bloßer Routine. Aber in den Lücken, die im Zuge dieses Verfallsprozesses zwangsläufig entstehen, nistet sich immer wieder ziemlich Erstaunliches ein. In diesem Fall zum Beispiel Alden Ehrenreichs Hobie Doyle, ein Junge vom Land, der es als singender Cowboy zum Filmstar gebracht hat und jetzt die Frauen mit Nudel-Lassos einfängt.

Info

Hail, Caesar! Ethan und Joel Coen GB/USA 2016, 106 Minuten

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 07/16.

Kommentare (2)