Phänomen am Rand

Sportplatz Kolumne

Die Hooligan-Szene sitze bereits in den Startlöchern für die Weltmeisterschaft, so weissagte Bayerns Innenminister Günther Beckstein schon vor einiger Zeit, und dementsprechend ernst wurde die "Prävention" genommen, auch außerhalb der WM. Im letzten Jahr wuchs die Datei "Gewalttäter Sport" um mehr als 1.500 Einträge an. Allerdings sagen Fanforscher, dass Ausschreitungen beim Fußball in den achtziger Jahren ihren Höhepunkt gehabt und sich die Gemüter in den Fankurven seitdem beruhigt hätten. Gunter Pilz, ein Soziologe, der seit Jahren Gutachten für den Deutschen Fußball Bund (DFB) über die Fanszene aufstellt, meint sogar, dass Hooligans im Stadion mittlerweile ein Randphänomen seien. Er warnt davor, die Gefahr, die von ihnen ausgehe, hochzuspielen und die Sicherheitsvorkehrungen zu überziehen.

Das Polizeikonzept bei Fußballspielen sieht vor, die Fanlager voneinander zu trennen. Busshuttles werden eingesetzt, Zufahrtsstraßen weiträumig abgeriegelt und Pufferzonen im Stadion eingerichtet. Einsatzkräfte versuchen, die mitgereisten Gästefans als geschlossene Gruppe zu kontrollieren. Für Zuschauer ist in solchen Situationen die Gefahr groß, in die Datei "Gewalttäter Sport" eingetragen zu werden. Mitunter reicht es aus, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein und auf einem Polizeivideo neben einem polizeibekannten Straftäter erkannt zu werden. Die Folgen können weitreichend sein: So werden zum WM-Turnier Meldeauflagen an Personen erteilt, die in der Datei registriert sind. An der Grenze kann ihnen die Ausreise verweigert werden, weil befürchtet wird, sie wollten im Ausland an Ausschreitungen teilnehmen. Solche vorbeugenden Maßnahmen sind gängige Praxis und erfolgen, ohne dass jemals ein rechtstaatliches Verfahren gegen den Betroffenen eingeleitet wurde.

Die Zuschauer im Stadion indessen beschweren sich immer häufiger, von der Polizei und privaten Ordnungsdiensten schikaniert zu werden. Ist bei der Einlasskontrolle ein Ausziehen bis auf die Unterhose gerechtfertigt? Sind Armeestiefel Waffen oder Handys Wurfgeschosse? Auch Feuerzeuge müssen oftmals am Eingang abgegeben werden, und nicht selten gibt es sie im Stadion wieder als Fanartikel zu kaufen. Die Fans beklagen eine mangelnde Sensibilität der Sicherheitskräfte - das mag an der schlechten Ausbildung von privaten Diensten liegen. Trotzdem üben sie quasi hilfspolizeiliche Aufgaben aus; schließlich dürfen sie vom Hausrecht des Vereins Gebrauch machen und Stadionverbote erteilen, die bundesweit in jedem anderen Stadion gelten. Etwa 2.800 Stadionverbote gibt es zurzeit; die Tendenz ist steigend.

Als es im vergangenen Sommer zu Fanprotesten gegen die Handhabung des Polizeiregisters und den Stadionverboten kam, signalisierte der damalige Innenminister Otto Schily Gesprächsbereitschaft. Gemeinsam mit dem DFB-Präsidenten Theo Zwanziger regte er an, eine Ombudsstelle zu schaffen, die bei strittigen Urteilen nachverhandelt. Mittels dieses Gremiums soll es die Möglichkeit geben, unverhältnismäßige Bestrafungen abzumildern und fehlerhafte Registrierungen zu löschen. Allerdings geraten die Gespräche über die Einrichtung des Ombudsrates zwischen dem Innenministerium, DFB und Fanvertretern immer wieder ins Stocken.

Ersteres brauchte lange, um sich nach dem Regierungswechsel zu der Schily-Initiative zu positionieren, und weigert sich nun, als Geldgeber zu fungieren. Deshalb möchte es auch die Ombudsstelle beim DFB angliedern. Dagegen sträuben sich aber Fanvertreter und fordern, dass der Ombudsrat als vermittelnde Instanz bei einem unabhängigen Träger angesiedelt wird. Schließlich gehen die bundesweit geltenden Stadionverbote auf eine Richtlinie des DFB zurück. Wenn eine solche Ombudsstelle ihre Aufgabe erfüllen und unparteiisch sein soll, dann müsste ein solches Gremium zudem ausgeglichen besetzt sein. Neben dem Mitspracherecht von Fanvertretern sollten auch Datenschützer darin vertreten sein und Einblick in die polizeilichen Datenbestände bekommen. Dann wären die Voraussetzungen für eine kompetent arbeitende Ombudsstelle gewährleistet, die zeitnah bei ausgesprochenen Stadionverboten und zweifelhaften Eintragungen in der Datei "Gewalttäter Sport" vermitteln kann.

Mit einer Lösung noch vor der Weltmeisterschaft war nicht zu rechnen. Doch für die Fans stellt sich das eigentliche Problem losgelöst von dem WM-Ereignis. Denn der Ombudsrat soll sich im Bundesligaalltag bewähren und das repressive Klima in den Stadien nachhaltig verbessern. Schließlich soll er bei Fehlurteilen intervenieren und auf längere Sicht die Ordnungskräfte zu einem maßvollen Handeln animieren. Auch Fanforscher Pilz spricht von einer vergifteten Atmosphäre in den Stadien, die derzeit in den Medien und der Öffentlichkeit herbeigeredet werde. Denn der Ruf nach einer härterem Vorgehen gegen vermeintliche Hooligans führt vor allem zu einem: Unschuldige Zuschauer werden immer häufiger als Gewalttäter abgestempelt. Dass dies zu einer erhöhten Sicherheit bei der Weltmeisterschaft führt, darf bezweifelt werden.


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00:00 02.06.2006

Ausgabe 39/2020

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