Platons Guerilla

Schicksalswahl auf Sizilien Mit der Linkskandidatin Rita Borsellino heraus aus Klientelismus und Mafia-Gebaren

Wenige Wochen nachdem in einer dramatischen Auszählungsschlacht der Tribun Berlusconi von den Hügeln Roms verjagt wurde, gibt es in Italien schon wieder Wahlen - am 28. Mai werden die Sizilianer zur Abstimmung gerufen. Auch sie stehen vor einer Schicksalswahl. Statt den "Berlusconismo", die Verflechtung von medialer Macht, Machismo und Dreistigkeit, abzustreifen, gilt es auf der Insel, sich vom "Cuffarismo" zu befreien. Salvatore "Toto" Cuffaro, Präsident der Region Sizilien, ist in den fünf Jahren seiner Amtszeit durch eine massive Umverteilung aufgefallen. Protegés des früheren Radiologen waren zum Beispiel Kollegen aus der Ärzteschaft, die den weißen Kittel zum weißen Kragen schrumpfen ließen und Gelder für ihre Privatkliniken einsackten, die eigentlich für das öffentliche Gesundheitswesen gedacht waren. Wegen eines besonders krassen Falls - dem Aufbau des Klinikkomplexes von Michele Aiello - droht Cuffaro gar eine Klage vor Gericht. Ihm werden Geheimnisverrat und Begünstigung sowie Mafia-Kontakte vorgeworfen. Der Regionalpräsident habe - schreibt das Blatt Repubblica - seine Hand auch bei der umstrittenen Vergabe von Bauaufträgen für Geschäftszentren in Bagheria und Villabate, traditionellen Hochburgen der Mafia, im Spiel. Gleichfalls fielen "Toto" Cuffaro derart frappierende Maßnahmen ein wie eine Umweltabgabe auf Erdgas, mit dem Sizilien versorgt wird. Diese Sondersteuer betrifft freilich nahezu ausschließlich Erdgas aus Algerien; wegen Wettbewerbsverzerrung hat deshalb die Europäische Kommission bereits geklagt.

Aber Cuffaros Regiment reguliert nicht nur große Geldströme, man versteht es ebenso, mit kleinen Geschenken Freunde zu beglücken. Kurz vor dem Wahlkampf wurde schnell eine Prämie von 1.000 Euro für jedes geborene Kind beschlossen. Neues Personal für die antiken Stätten ward eingestellt, allerdings fehlte dadurch Geld für die Wochenendzuschläge der Festangestellten, so dass man beinahe die berühmten Tempel in Agrigent hätte schließen müssen.

Das Staatssäckel wurde von Cuffaro Co. stets rücksichtslos geplündert, beklagen selbst Politiker der Rechten. Entrüstete Christdemokraten, Anhänger von Forza Italia und Alleanza Nazionale haben denn auch empört angekündigt, Rita Borsellino zu wählen.

Heller als das Licht von Santa Rosalia oder Santa Catarina

Die 61-Jährige ist das Gegenmodell zu Cuffaro und die Hoffnungsträgerin der Linken. Dreierlei spricht für sie: zunächst der Name. Rita Borsellino ist die jüngste Schwester des 1992 ermordeten Untersuchungsrichters Paolo Borsellino, der zusammen mit Giovanni Falcone auf Sizilien wie ein Heiliger verehrt wird. Beider Licht strahlt heller als das von Santa Rosalia, Santa Catarina oder wie die Ortsheiligen alle heißen, denn sie haben den Drachen Mafia in den neunziger Jahren beinahe erlegt. Um ihr Schwert - die Superermittlungsbehörde - zu schmieden, wurden schon die Blasebälge getreten. Dann aber, am 23. Mai 1992, fiel Giovanni Falcone einem Attentat zum Opfer. Die Reaktion darauf bestand in einem zivilen Aufruhr, wie ihn Sizilien noch nicht erlebt hatte. Palermo demonstrierte nicht mehr nur mit einem Protestzug gegen die Mafia, seine Bewohner belagerten tagelang Straßen und Plätze und hängten Bettlaken an ihre Balkone, auf denen zu lesen war: "Mafia - nein, danke!" Sie gaben sich - mit Name und Adresse - als Mafia-Gegner zu erkennen. Knapp zwei Monate später, am 19. Juli 1992, wurde auch Richter Paolo Borsellino in die Luft gesprengt.

Die Erinnerung an diese Heldensaga, die heute gern dramatisch überzeichnet wird durch das Eingeständnis der eigenen Scham, die beiden Juristen irgendwie doch allein gelassen zu haben, wie auch an die kurze Zeit eines resoluten Widerstandes wird immer mit dem Namen Borsellino verbunden sein.

Denn auch Rita Borsellino engagierte sich als Vizepräsidentin in der Anti-Mafia-Liga Libera. "Nach dem Tode von Paolo habe ich gedacht: Da hast du nun gearbeitet, drei Kinder groß gezogen, sie ordentlich groß gezogen, dich aber um nichts anderes gekümmert. Auch nicht darum, in welche Gesellschaft diese Kinder geraten, wenn sie selbstständig werden. Du warst Paolo nah, seinen Gedanken, seiner Arbeit, aber du hast selbst nichts getan."

Nach dem Tod ihres Bruders zieht Rita Borsellino mit Anti-Mafia-Kampagnen durch Schulen, Clubs und Universitäten. Erst auf Sizilien, schließlich überall in Italien. Sie kennt die Insel, ihre Bewohner und deren Probleme. Und sie glaubt, dass Sizilien über das Potenzial verfügt, die Kraft, den Mut und die Intelligenz, sich zu befreien.

"Wir hatten es satt", blickt Jesse Marsh zurück, "von Politikern regiert zu werden, die Krieg gegen ihre eigenen Leute führen, die eine öffentliche Infrastruktur verkommen lassen und den Schwächsten nicht helfen. Und wir hatten auch die linken Politiker satt, die nur zu antichambrieren wissen." Jesse Marsh, ein Amerikaner, der seit zehn Jahren in Italien lebt, seine Partnerin Maria Adele Cipolla und einige Freunde kamen im Mai 2005 zusammen und überlegten, was sie tun könnten. Sie fanden, am dringendsten fehle eine Politik, die nicht verlogen sei, sondern alle beteilige und konstruktiv sei. Sie entwarfen ein "Manifest der fünf Punkte" und begeisterten sich für die Idee, Vorwahlen der Linken vor den Regionalwahlen abzuhalten. "Über die Primaries hatten alle die Gelegenheit, ihren Kandidaten zu bestimmen", meint Marsh. Kandidatenlisten konnten danach nicht mehr von den Parteien ausgekungelt werden. Die Idee fand viel Zuspruch, und bald tauchte wie aus dem Nichts Rita Borsellino als die Kandidatin auf. Wie Pilze schossen ihre Unterstützungskomitees aus dem Boden - über 400 sind es inzwischen auf Sizilien. Viele sind parteiübergreifend und unabhängig, manchmal haben sich auch ganze Ortsgruppen von Rifondazione Comunista als Komitee aufgestellt. Sie verkaufen Buttons und Transparente, sorgen für Aufmerksamkeit und bringen Geld in die Wahlkampfkasse. Ein Renner sind die Bettlaken mit der Aufschrift "Rita Presidente" - zur Erinnerung an die Tücher von 1992.

Eine Stimme zählt nicht viel auf Sizilien - man gibt sie weg im Tausch

Saveria Siragusa hat auf eigene Rechnung Hunderte Bettlaken mit Wahlwerbung für Rita bedrucken lassen, um sie selbst zu verkaufen. Sie hat an ihrem Arbeitsplatz auch ein Unterstützungskomitee gegründet. Ein besonderes, denn Saveria Siragusa ist in der Kulturverwaltung der Region angestellt. Für 60 Prozent aller arbeitenden Sizilianer ist "Toto" Cuffaro der unmittelbare Arbeitgeber. "Viele Angestellte des öffentlichen Dienstes werden ihn wählen", ist Saveria überzeugt. "Die temporär Beschäftigten, weil sie auf eine Verlängerung ihres Vertrages, die Festangestellten, weil sie auf Beförderung hoffen und andere, weil sie Dankbarkeit zeigen wollen."

Neben den Komitees umfasst die Rita-Presidente-Infrastruktur zugleich "Werkstätten", in denen Ziele einer künftigen sizilianischen Regierung formuliert werden. "Wir setzen auf Teilhabe", sagt Rita Borsellino, "ich bin nicht allwissend. Wir wollen keine Politik von oben betreiben." Von der Landwirtschaft über die Energie, die Kultur und Finanzen, den Tourismus bis hin zu den Universitäten haben die "Ateliers" Potenziale aufgezeigt und Änderungsmöglichkeiten formuliert.

Wird es reichen für Rita Borsellino? Sie selbst liegt nach den Umfragen etwa 15 Prozent vor Cuffaro. Doch traut augenblicklich in Italien - kein Wahlforscher hatte den knappen Ausgang zwischen Prodi und Berlusconi prognostiziert - niemand mehr derartigen Angaben. Bei den Parteien hat die rechte Koalition der Forza Italia einen Vorsprung von 15 Prozent. Mit 43 bis 47 Sitzen im Regionalparlament kann sie rechnen, mit 33 bis 37 die Linke. Letztere dürfte jedoch den Bonus von acht Mandaten für die siegreiche Spitzenkandidatin erhalten - trotzdem wird es knapp für Rita Borsellino.

Der dicke, tapsig wirkende, oft unterschätzte Cuffaro hat viele kleine und große Freunde um sich geschart. Seine Art des stillen, effizienten Pragmatikers erinnert an seinen sizilianischen Landsmann Giulio Andreotti. Der Superpremier und Senator auf Lebenszeit sorgte wie ein Künstler für den Interessenausgleich zwischen Unternehmern, Mafiosi und Karriere-Politikern. Bei Wahlen spielte ihm - so wie jetzt Cuffaro - in die Hand, dass eine Wählerstimme auf Sizilien nicht viel zählt - man gibt sie weg im Tausch gegen einen versprochenen Vorteil, einen Arbeitsplatz, einen Listenplatz.

Jesse Marsh tritt gegen diese Tradition der Stimmenentwertung an. "Wir müssen den Menschen klarmachen, dass sich Partizipation lohnt, dass sie etwas erreichen können, wenn sie sich engagieren. Sie müssen den Staat und dessen Institutionen wieder als etwas schätzen lernen, das ihnen behilflich ist." Dieses Beschwören des Staates durch die Linke erscheint gewöhnungsbedürftig, auch wenn da mehr einem symbolischen Utopia gehuldigt wird, das sich Mafia und Klientelismus entgegen stellt. Andererseits hat der Glaube an den idealen Staat eine Tradition auf Sizilien. Platon schrieb hier seine Politeia und hoffte, ihr mit Hilfe von Dionysos, des Diktators von Syrakus, Gestalt zu geben.

Der Sog der Wahl jedenfalls ist unbestreitbar - Sizilianer, die zum Studieren und Arbeiten aufs Festland gezogen sind, werden einen "Rita-Express" besteigen, der am 27. und 28. Mai durchs Land fährt und überall - von Mailand bis Florenz - die Hoffnung auf ein von der Mafia befreites Sizilien bekunden soll.

Wenn das Votum gewonnen ist, denkt Saveria Siragusa, hat ihr Komitee seine Mission erfüllt. Politik sollte dann wieder denen vorbehalten sein, die dafür bezahlt werden. Jesse Marsh denkt ungeachtet von Sieg oder Niederlage, dass die neue Infrastruktur Bestand haben wird. "Einige Komitees werden sich auflösen, manche Aktivisten nach Hause gehen, andere aber bleiben. Wir sind wie eine Guerilla, die sich formiert, wenn es Not tut." Eine "Guerilla-Politeia", warum nicht. Für Innovationen war die Insel schon immer gut.


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00:00 26.05.2006

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