Plutonium im Garten

Kernbrennstofffunde in Wohngebieten Vieles deutet darauf hin, dass es in den Atomanlagen von Geesthacht und Hanau Unfälle gegeben hat. Doch die offiziellen Stellen hüllen sich in Schweigen

In der Umgebung der Geesthachter Atomanlagen (KKW Krümmel und Forschungszentrum GKSS) ist die weltweit auffälligste Häufung von Leukämieerkrankungen bei Kindern zu beklagen. Die Probleme begannen 1990. Leukämiekommissionen in Schleswig-Holstein und Niedersachsen suchten nach den Ursachen. Sie konnten alle infrage kommenden Ursachen ausschließen bis auf eine - radioaktive Strahlung. 1997 konnte die schleswig-holsteinische Leukämiekommission feststellen, dass die Leukämiefälle wahrscheinlich auf radioaktive Strahlung zurückgehen. Es gab zahlreiche Beispiele für radioaktive Kontamination und beunruhigende Chromosomenveränderungen in weißen Blutzellen der Anwohner der Atomanlagen. Unter der Führung der Bremer Professorin für Atomphysik Inge Schmitz-Feuerhake konnten immer neue Formen der Kontamination nachgewiesen werden, die weder von Tschernobyl noch von atmosphärischen Atomwaffentests der sechziger Jahre stammen konnten. Wissenschaftler an der Universität Krakau bestätigten, dass in der Elbmarsch sehr auffällige Werte für Plutoniumisotope und Americium 241 zu beobachten sind. Die eigentlich zuständigen Behörden haben wieder und wieder durch Gegengutachten und geradezu abenteuerliche Erklärungen versucht, die beunruhigenden Ergebnisse abzustreiten, zu missdeuten oder diejenigen, die Licht in die Sache bringen wollten, unglaubwürdig und lächerlich zu machen.

Seit zwei Jahren bekommen die mit der Aufdeckung befassten Personen gewichtige Unterstützung. Eine Arbeitsgruppe um Professor Arthur Scharmann von der Uni Gießen wurde auf die absurden Erklärungen der schleswig-holsteinischen Beamten zur Herkunft von Plutonium aufmerksam. Die atomenergiebefürwortenden Experten wollten es genau wissen - sie nahmen und analysierten Bodenproben von beiden Elbufern und fanden "Kügelchen", die ihnen aus Arbeiten in der Firma Nukem (Hanau) gut bekannt waren. Es handelt sich um Millimeter große Hohlkugeln, die im Innern in unterschiedlichem Maße Kernbrennstoff beziehungsweise Spaltstoffe enthalten. Als PAC-Kügelchen sind sie in der kernphysikalischen Fachliteratur gut bekannt. Ihre Struktur ähnelt den Kügelchen, aus denen die Brennelemente für den Thorium-Hochtemperaturreaktor in Hamm gefertigt wurden - diese Kügelchen wurden großtechnisch in Hanau hergestellt.

Alarmiert durch die "Kügelchen"-Funde in Wohngebieten an der Elbe untersuchte die Gruppe Scharmann den Boden in einem Hanauer Wohngebiet, wenige 100 Meter vom Betriebsgelände der berüchtigten Hanauer Atomanlagen entfernt. Auch in diesem Wohngebiet fanden sich die Kügelchen. Im Auftrag der Ärzteorganisation zur Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) wurden dann an den Universitäten Gießen und Marburg sehr aufwendige Messungen durchgeführt, die die kerntechnische Herkunft der Kügelchen, angereichertes Uran, Plutoniumisotope, Americium und Curium nachwiesen. Neben den für Kernspaltung typischen Isotopen fanden sich Isotope, die im Bereich der Fusion vorkommen. Das entspricht den Angaben in der Fachliteratur. Die "Kügelchen"-Funde erschienen so abenteuerlich, dass sie überprüft werden mussten. In einer Exkursion in Hanau hat eine von der IPPNW beauftragte Gruppe von Experten, zu der der Verfasser gehörte, die Probe aufs Exempel gemacht, Bodenproben im Wohngebiet "Wolfgang" genommen und sofort untersucht. Ein paar Fotoschalen, ein Teesieb, Pinzetten und Auflichtmikroskope reichten aus, um innerhalb von Minuten die "Kügelchen" separieren zu können. Es stellte sich sofort die Frage, woher diese kernbrennstoff- beziehungsweise spaltstoffhaltigen Kügelchen stammen und wie sie in die Wohngebiete geraten sind. Ein immer dichter werdendes Netz von Indizien deutet darauf hin, dass es sowohl im Forschungszentrum GKSS an der Elbe als auch bei Nukem jeweils einen Unfall gegeben haben muss, bei dem vermutlich ein Fusions-Spaltungs-Hybridreaktor oder ein vergleichbares Gerät zerstört wurde. Es spricht viel dafür, dass die Unfälle im September 1986 in der GKSS Geesthacht und im Januar 1997 in Hanau passierten. Bei Explosion beziehungsweise Brand wurden die winzigen Teilchen über Hunderte bis Tausende Meter in der Umgebung verteilt.

Am 14. Oktober 2002 tagte die schleswig-holsteinische Leukämiekommission, nachdem das zuständige Ministerium für Finanzen fast zwei Jahre die Arbeit der Kommission blockiert hatte, in eigener Initiative und erstmals öffentlich vor Ort in Marschacht (Elbmarsch). Es wurden die Gutachten der Gruppe Scharmann und eine Übersichtsarbeit über die radioaktive Belastung der Nahumgebung der Geesthachter Atomanlagen diskutiert - alle Arbeiten entstanden im Auftrag der IPPNW und der Bürgerinitiative gegen Leukämie in der Elbmarsch. Die Leukämiekommission war äußerst beunruhigt über die vorgelegten Untersuchungen - insbesondere darüber, dass in den Wohngebieten in der Elbmarsch und in Hanau nicht nur die PAC-Kügelchen in den Gärten herumliegen, sondern auch noch kleinere Kügelchen, die sich normalerweise im Innern der PAC-Kügelchen befinden sollten. Diese winzigen Kügelchen haben Durchmesser von zehn bis 50 Mikrometern und sind kaum mit dem bloßen Auge sichtbar. Sie sind so leicht, dass sie p roblemlos mit Staub aufgewirbelt und eingeatmet werden können. Inzwischen wissen wir, woraus diese Kleinstkügelchen bestehen: zu einem erheblichen Teil aus Plutonium-Isotopen, Americium und Curium, alles Teufelszeug und hochgiftig.

Bis heute streiten die zuständigen Ministerien, die Atomaufsicht in Hessen und in Schleswig-Holstein, das Umweltministerium in Berlin und eine stattliche Phalanx regierungstreuer Gutachter alles ab. Die Kügelchen werden als "Wurmkot" deklariert, ihre kerntechnische Herkunft wird bestritten, die Kontamination der Wohngebiete mit Plutonium und angereichertem Uran geleugnet. Die Märchen der Behörden können verschiedene Ursachen haben: persönliche Schwächen von Verantwortlichen, das Interesse am Bild einer heilen Atomwirtschaft oder nicht eingestehen zu wollen, 16 Jahre lang geschlafen oder gelogen zu haben. Möglicherweise gibt es eine noch einfachere Erklärung. Aus der Literatur wissen wir, dass diese Kügelchen nicht nur für die Fusionsenergieforschung, sondern auch für die Entwicklung von Atomwaffen eingesetzt wurden. Die Stasi hat bereits in einem Gutachten von 1987 ihre Besorgnis darüber formuliert, dass möglicherweise in Norddeutschland an der Entwicklung von Mini-Atomwaffen gearbeitet würde. Wenn das stimmen sollte, haben wir es nicht nur mit Leukämieerkrankungen bei Kindern, sondern auch noch mit der illegalen, halblegalen, auf jeden Fall innen- wie außenpolitisch höchst brisanten Problematik deutscher Atomwaffen zu tun. Wenn das stimmen sollte, müssen wir geradezu von Amts wegen belogen werden.

In Anbetracht der besonders hohen Gefahr des Nachbauens der kleinen Atomwaffenkaliber (mit nur winzigen Mengen Kernbrennstoff weit unterhalb der bekannten kritischen Massen) möglicherweise auch im Bereich des Terrorismus, sollten wir die Angelegenheit restlos und schnell aufklären, die geschädigten Familien entschädigen und die kontaminierten Gebiete sanieren. Wir sollten kompromisslos darauf drängen, dass deutsche Arbeiten oder Zuarbeiten zur Entwicklung und zum Bau von Atomwaffen in Deutschland oder im Ausland unmissverständlich verboten werden - zur Zeit sind sie es nicht oder genauer - nicht mehr.

Dr. Sebastian Pflugbeil ist Physiker, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz und Berater der IPPNW.

00:00 06.12.2002

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