Postlagernd: Casablanca

Marokko Offene Briefe ans eigene Bewusstsein: Marokkanische Schriftsteller versuchen sich, nach zehn Jahren unter Mohammed VI. ihrer selbst klar zu werden. Der Monarch ist nicht amüsiert

Die Vorgeschichte: Marokko feiert derzeit die zehnjährige Regentschaft von Mohammed VI. Der marokkanische Schriftsteller Abdellah Taïa nahm das zum Anlass, 17 Kollegen zu bitten, Offene Briefe an ihre Landsleute zu schreiben. Die versammelte er in einem Band, der ursprünglich Anfang August in einer Auflage von 50.000 Exemplaren als Beilage des liberalen Nachrichtenmagazins Tel Quel in Marokko kostenlos verteilt werden sollte. Daraus wurde zunächst nichts: Die entsprechende Ausgabe des Magazins wurde durch Beamte des marokkanischen Innenministeriums beschlagnahmt und vernichtet. Der Grund: Tel Quel präsentierte darin eine Meinungsumfrage zur zehnjährigen Regierungsbilanz von König Mohammed VI. Die hätte zwar gezeigt dass 91 Prozent der Marokkaner diese sie als "positiv“ bis „sehr positiv“ bezeichnen. Vernichtet wurde die Ausgabe dennoch. Die Begründung des Innenministeriums: „Die Monarchie kann nicht zum Gegenstand einer Debatte werden, nicht einmal im Rahmen einer Meinungsumfrage.“ Der Band mit den Briefen wird nun der folgenden Ausgabe beigelegt. In einem Monat erscheint er dann in den französischen Buchhandlungen. Der Vorfall zeigt, warum den Autoren nicht nur zum Feiern zumute ist.

Der zerbrochene Raum der Geschichte

Als die Franzosen kamen, änderte sich alles. Sie eroberten das Land, unterwarfen seine Bewohner und zwangen ihnen eine neue Ordnung auf. Die Traditionen kippten, was so lange von den Vätern auf die Söhne ging, mochten die Enkel nicht mehr glauben. Die Franzosen, so beschrieben es die unter ihrer Herrschaft aufgewachsenen marokkanischen Schriftsteller, hatten dem Land das Erbe geraubt und die Menschen um ihre Erinnerung gebracht. Geblieben waren Ruinen, Reste eines Erbes, die kaum mehr in die Landschaft passten. „Man weiß, wie die Kolonialisten vorgehen“, schrieb der Philosoph Abdelkabir Khatibi in seinem 1971 erschienenen Buch Die eintätowierte Erinnerung: „Sie zerschneiden die Stadt, teilen sie in ethnische Zonen auf, militarisieren das Land und begraben die Kultur der Unterworfenen. Seitdem diese begriffen haben, dass sie Verbannte im eigenen Land sind, irren sie durch den zerbrochenen Raum ihrer Geschichte. Es gibt nichts Schlimmeres, als eine abgerissene Erinnerung.“

Ob und wie dieser Riss zu kitten wäre, das war das zentrale Thema der in den 1920er, 30er Jahren geborenen marokkanischen Schriftstellergeneration. Autoren wie Abdallâh Laroui, Mohammed Chukri und Mubarak Rabî beschrieben eine Gesellschaft, die sich mit dem Französischen nicht nur eine zweite Muttersprache zulegte, sondern sich auch und vor allem mühte, in der Logik des frisch importierten Kapitalismus heimisch zu werden.

Wie sehr sich Marokko und die Marokkaner seitdem verändert haben, das zeigen die 18 Briefe junger Autoren und Künstler, die der in Paris lebende Schriftsteller Abdellah Taïa als kostenloses Buch hat verteilen lassen. Aber vor allem zeigen sie, dass das Kolonialzeit für die jüngere Generation längst Vergangenheit ist. Einfacher hat sie es darum nicht. Früher ließ sie jeder Misstand durch die Herrschaft der Franzosen begründen. Heute muss man sich an die eigene Nase fassen.

Denn längst haben die Marokkaner die neuen Spielregeln verinnerlicht, räumen Geld und Besitz einen hohen Stellenwert wie die Menschen nördlich des Mittelmeeres ein – mit dem Unterschied freilich, dass Wunsch und Wirklichkeit viel weiter auseinanderklaffen. Ein gutes Drittel der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze, knapp die Hälfte kann nicht lesen und schreiben, und jeder Zehnte ist ohne Arbeit. Eine niederschmetternde Wirklichkeit also, vor der sehr viele Marokkaner in die Knie gehen, in Mutlosigkeit und Apathie versinken oder, im Gegenteil, ihr Heil im Zynismus suchen.

„In Marokko“, schreibt Tahar Ben Jelloun, der mit Abstand älteste der in dem Band vertretenen Schriftsteller, „hat die allgemeine Leichtfertigkeit verheerende Folgen. Sie ist verantwortlich für den Traum vom schnellen Geld, für Vetternwirtschaft, Korruption, unverdiente Privilegien, Nachlässigkeit und Amtsanmaßung. All dies ist Folge pervertierter Verzweiflung und allgemeiner Enttäuschung.“ Die Diagnose gibt vor allem eines zu verstehen: Weltanschaulich ist Marokko von Europa und den USA kaum mehr zu unterscheiden: Hier wie da bestimmen Zynismus und nüchternes Kalkül den Alltag, die Großen Erzählungen früherer Tage haben ausgedient. Wer meint, dass Orient und Okzident im kulturellen Clash miteinander lägen, hat in den 18 Briefen reichlich Gelegenheit, seinen Eindruck zu überdenken. Beide Regionen sind vereint im Glauben ans Geld, einem Glauben, der sich von moralischen Erwägungen nur geringfügig stören lässt. Überhaupt scheint Moral vor allem eine Frage der Perspektive. „Sobald wir uns als Opfer fühlen, kritisieren wir alles und jeden“, schreibt etwa die Journalistin Sanaa Elaji. „Aber sobald wir unseren Vorteil wittern, verhalten wir uns exakt wie die, die wir eben noch angeklagt haben. Die meisten von denen, die sich über Korruption beklagen, praktizieren sie, sobald sich dazu Gelegenheit bietet. Und viele, die sich eben noch über den Egoismus der anderen aufgeregt haben, verlieren die Geduld, sobald sie sich in eine Schlange einreihen müssen.“

Das aufgeklärte Bewusstsein vom Falschen

Große Worte und kleine Heucheleien: Das „aufgeklärte falsche Bewusstsein“, das Peter Sloterdijk vor Jahren einmal beschrieb, hat sich auch in Marokko erfolgreich durchgesetzt – mit dem Unterschied, dass es sich für die meisten trotzdem nicht lohnt: Sie kommen einfach nicht vom Fleck, beruflich nicht, und privat auch nicht. Es genügt ein kleiner Spaziergang durch eine beliebige marokkanische Stadt, um zu wissen, wovon die Autoren sprechen: Überall sieht man junge Menschen, die im Café die Zeit totschlagen oder sich als Schuhputzer, Touristenführer, Parkwächter versuchen. Ermutigend ist das nicht. „Du hast auf vollem Weg angehalten“, schreibt der Videokünstler Mounir Fatmi seinem Bruder. „Eigentlich bist du niemals richtig gestartet. Du hast alles aufgegeben: dein Studium, deine Träume, die Philosophie und die Philosophen. Du hast alles fallen lassen. Warum, habe ich niemals verstanden. Du warst der stärkere und intelligentere von uns beiden – und trotzdem!“ Und Fatmis Bruder ist nicht allein: Auch die anderen Autoren handeln von Melancholie und Depression, von fundamentaler Verzagtheit, die immer wieder auf den Entschluss hinausläuft, es am besten gar nicht zu versuchen und alles zu lassen, wie es ist.

Zufall ist diese Haltung nicht. In Marokko, erklärt Abdellah Taïa, der Herausgeber der Briefe, würden junge Menschen regelmäßig zurückgepfiffen. „Was immer du tust, es gibt immer jemanden, der dich an deinen alten Platz verweist.“ Er selbst hat Marokko vor zehn Jahren den Rücken gekehrt – nicht nur, um als Schriftsteller, sondern auch, um offen als Homosexueller leben zu können. Aus diesem Grund hat er sich vor zwei Jahren auch öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt. Sein Bekenntnis hat für erhebliche Aufregung gesorgt. Viele Menschen zeigten sich empört, viele unterstützten ihn aber auch. Die Empörung wurde von konservativen Politikern geäußert. Ihnen kam sein Bekenntnis durchaus gelegen, meint Taïa, denn es erlaubte ihnen, die Anhänger ideologisch bei der Stange zu halten. Und wenn Marokko derzeit ein Problem mit dem Fundamentalismus habe, dann vor allem darum, weil vor dem irdischen Jammer die Transzendenz noch am leichtesten Zuflucht biete. Die übrigen Autoren sehen es ähnlich. Ihre Deutungen des Fundamentalismus lesen sich, als wären sie in einem liberalen think tank irgendwo in Europa verfasst worden – mit dem Unterschied, dass sie mit den Fundamentalisten früher die Schulbank drückten, zumindest aber hätten drücken können.


Ein Haufen Widersprüche

Die ruinierte Tradition: Einiges mag zu retten sein, aber in Zukunft wird es nicht mehr genügen. Längst reichen eine Sprache und eine Kultur als Inspirationsquelle nicht mehr aus. „Ich bin wie jeder Mensch ein Haufen von Widersprüchen“, schreibt der Dichter Omar Berrada. „Ich habe viel Zeit damit zugebracht, mich neu zu erfinden, mich der Symbole zu entledigen, die Herkunft und Anschein mir auferlegt haben.“ Wie Taïa und mehrere andere Autoren des Bandes lebt Berrada in Paris, also mit und zwischen zwei Kulturen, der marokkanischen und der französischen. Und durch seine Frau, berichtet er, werde diese Welt noch bunter: Sie ist Amerikanerin. Gegen die junge Tochter aber, verrät Berrada, seien die Eltern chancenlos: Die junge Babysitterin spreche nämlich in noch einer anderen Sprache mit ihr, nämlich in Russisch.

In vielen Welten zuhause zu sein: Das ist die Entschädigung, die die Marokkaner für ihre geraubte Erinnerung erhalten haben. Kein ganz schlechter Tausch, gegen den sich die Weltläufigkeit vieler Europäer einigermaßen bescheiden ausnimmt. Doch Multikulturalität allein, so kann man die hier versammelten Autoren verstehen, reicht nicht. Man muss aus ihr auch was machen.

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15:30 21.08.2009

Ausgabe 39/2020

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