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Was Kunst kann Hans Werner Henzes "Elegie für junge Liebende" in der Staatsoper Berlin

Henzes Elegie ist voller Fragen. Ein Dichter steht im Mittelpunkt, um sich herum eine Figurenwelt, die ihm gefügig ist, ihm dient. Die Atmosphäre der Vorkriegszeit des letzten Jahrhunderts schimmert durch. Eine leere, stickige, lustlose Zeit, in der es untergründig brodelt, die Aktion sich Luft zu verschaffen sucht und der Dichter nach Inspiration schreit, weil es ihm an eigenen Ideen gebricht. Gregor Mittenhofer ist der Dichter, ein Mann, der den Geniekult des prosperierenden Zeitalters und dessen Verfall repräsentiert, ein Bürger, der sein Gefühl der Schwäche und inneren Verrottung nur schlecht tarnen kann. Mittenhofer will die letzten Stufen des Ruhms erklimmen und setzt dafür alles ein, selbst den Tod. Nicht den eigenen, den fremden. Das vermeintliche Gelingen seiner Dichtung Elegie für junge Liebende setzt den realen Tod der jungen Liebenden voraus. Alle Protagonisten sind Opfer. Das junge Paar, Elisabeth und Toni (Katherina Müller, Stefan Rügamer), es wird Opfer eines Unwetters, das nicht endet, bevor der Dichter ihre Rettung verhindert hat. Die Gräfin Carolina (Rosemarie Lang), Mittäterin in dem gespenstischen Vorgang, ist unglücklich, da sie nicht anders kann, als sich der Magie des maroden Dichtertums vollkommen zu unterwerfen.

Grundmetapher des Stücks ist der Berg und die Frage, ob der Berg Gipfel oder Grab ist. Hoch - niedrig, Kunst - Verrat der Humanität. Das sind die Konstellationen. Künstler endeten nicht selten im Zenit ihrer Produktion. Heinrich von Kleist weiß all seine poetischen Fähigkeiten in die Waagschale zu werfen, bevor er sich mit 34 eine Kugel in den Mund schießt. Ob Mozart, der viel zu früh Gestorbene, über die kompositorische Absolutheit des Don Giovanni oder der Jupiter-Sinfonie danach noch größere Werke geschaffen hätte, ist zumindest fraglich. Er endet einsam in einem Massengrab. Klaus Mann, in Extremposition zum deutschen Barbarentum, bringt sich selbst um und hinterlässt ein reiches Werk. Der Tod wohnt neben der Kunst, und er wohnt in ihr und lauert zwischen den Zeilen. Henzes Elegie zeichnet kein Bild eines Riesen an Geist und Gestaltungskraft. Ihr Dichter lanciert den Tod. Es ist die letzte Konsequenz. Die Oper (Libretto Wystan Hugh Auden und Chester Simon Kallmann) fragt, ob die Auslöschung poetische Triebfeder sein darf, Triebfeder im Namen einer höherer Gesittung, eines hochgespannten poetischen Entwurfs - und setzt Grenzen.

Die Aufführung bot eine große Geschlossenheit (Inszenierung Christian Pade). Striche, Kreuze und Blutspuren markieren die Berglandschaft, so abstrakte wie gefährliche Konturen. Die Wohnstatt des Meisters ist grell belichtet, klirrend das Interieur, kalt und sachlich. Die Rationalität der Bühnenwelt (Bilder und Kostüme: Alexander Lintl) verhält sich zu einer Welt kontrastierender menschlicher Ausdrucksformen in der Musik. Henze, der in Italien lebende alte Meister, der in keine Schublade passt, komponierte das Werk 1961, eine Partitur voller Zartheiten und jäher Wechsel. Jede Figur hat ihr eigenes Profil. Der ältliche Mittenhofer (Andreas Schmidt), die absolute Autorität, verschlagen im Umgang mit dem aufbegehrenden jungen Paar (durch die junge Liebe verliert er seine ihm bislang ergebene Elisabeth) und sein böses Innere herauskehrend, übersieht irgendwann die Szene nicht mehr und verliert die Fassung. Am Ende singt er: "Sei´s heut, sei´s im Dienste einer Ewigkeit: Ich frag nicht nach dem Preis. Die Welt, sie zahlt ihn mir." Wie aktuell.

Aus dem Sextett heraus sticht Caroline Stein als Hilda Mack, die Irre, die ihrem im Berg verschwundenen Ehemann ewig nachtrauert, bevor sie eine lustige Witwe wird; sie singt in schrillen Gesten und fratzenhaften Fiorituren. Schwächer erschien dagegen im Begleitpersonal der Arzt Reischmann am Krankenbett der Dichtung (Günter Missenhardt). Toni, einfach in den Gefühlen zu Elisabeth und rebellisch gegen das ganze exaltierte Gehabe derer, die seiner Liebe gefährlich werden, hat einen schlichten, eindringlichen, fordernden Tonfall. Die Liebesarien mit Elisabeth und Toni gehören zum Anmutigsten der Oper. Henze verbindet darin die Schönheiten venezianischer Gesangskultur mit einer Sprache, die keinerlei kompositorischen Dogmen Tribut zollt, sondern frei und fast schwerelos abläuft und markant die Seelen sich aussingen lässt. Philippe Jordan, der Dirigent, eine große Begabung, führte die Staatskapelle mustergültig durch die Partitur, die neben unzähligen Schönheiten ihre Wildheiten, Grimassen und kritischen Kommentare hat. Hans Werner Henze selbst war bei der Premiere zugegen und erhielt den meisten Beifall.


00:00 11.06.2004

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