Preußische Abkehr von Preußen

Wem der Helm passt Vor 50 Jahren entstand die Nationale Volksarmee der DDR

Im April 2003 teilte der damalige Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) militärisch knapp mit, dass auch der Standort Oranienburg im Norden Berlins von der Bundeswehr endgültig aufgegeben werde. Weil es daneben viele weitere Orte traf, die ihren Status als Garnison verlieren sollten, schien es - im Unterschied zum Palast der Republik - weniger angebracht, von einer gezielten Spurentilgung an dieser Stelle zu sprechen. Spuren, die in die fünfziger Jahre zurückführten, als in Oranienburg deutsche Militärgeschichte geschrieben wurde: Vor nunmehr 50 Jahren nämlich, im März 1956, wurde an dieser Stelle, unweit des früheren KZ-Geländes Sachsenhausen, ein "1. Mechanisiertes Regiment" aufgestellt und damit die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR gegründet.

Kurz zuvor, am 18. Januar 1956, hatte die Volkskammer beschlossen, eigene Streitkräfte zu bilden, und am 30. April übergaben der damalige Oberbefehlshaber Willi Stoph, später DDR-Ministerpräsident, sowie der einstige Wehrmachtsgeneral Vincenz Müller die erste Regimentsfahne - der Fahneneid ging auf einen Entwurf von Kulturminister Johannes R. Becher zurück.

Angesichts des Äußeren der neuen Wehr war der Staat seinen Bürgern und dem Rest der Welt eine Erklärung schuldig: Dieses Einheitsgrau am Soldatenleib war weltbekannt - die Uniformen unterschieden sich nicht weiter vom Zwirn der Wehrmacht, sah man vom abgetrennten Reichsadler ab. "Deutsche tragen deutsche Uniformen", argumentierte die SED-Presse seinerzeit feinsinnig und vergaß nicht, darauf hinzuweisen, dass die zeitgleich aufgestellte westdeutsche Bundeswehr sich für den Stahlhelm der "amerikanischen Atombomben-Abwerfer" entschieden habe.

Der markante NVA-Stahlhelm hingegen sorgt bis heute für Mythen und Legenden. In seinem Buch Zwei Armeen und ein Vaterland zum Beispiel behauptet Ex-General Jörg Schönbohm, Chefabwickler der NVA nach 1990, der Helm sei "mit geringen Abänderungen dem sowjetischen Vorbild nachempfunden". Nichts falscher als das, war doch der NVA-Helm keine Nachkriegsentwicklung, sondern vielmehr eine der letzten Kriegskreationen der Wehrmacht kurz vor ihrem Ende, die allerdings nicht mehr in Serie ging. Und dass sich die Wehrmachtsführung von der Roten Armee inspirieren ließ, darf getrost ausgeschlossen werden.

Die NVA-Gründung fiel 1956 in eine - wenn man so will - patriotische Phase der DDR-Geschichte. Der 17. Juni 1953 saß der Partei- und Staatsführung noch in den Knochen, und zur Strategie, dem künftig vorzubeugen, gehörte die ostentative Hinwendung zu "fortschrittlichen deutschen Traditionen" und zu "Deutschen, auf die wir stolz sind".

Dass Preußen und sein Militarismus mit Sicherheit nicht dazu gehörten, verstand sich zu diesem Zeitpunkt von selbst. Für die SED war mit der totalen Abkehr der DDR von den Hohenzollern- und großdeutschen Wurzeln ein "Wendepunkt in der Geschichte Europas" erreicht. Dabei trug die Abkehr von Preußen durchaus preußische Züge - die höchste Auszeichnung der NVA war bis zuletzt der nach einem preußischen General benannte Scharnhorst-Orden, während ihr Parademarsch gleichfalls auf einen patriotischen Preußen aus der Zeit der antinapoleonischen Kriege zurückging: Beethovens "Yorkscher Marsch". Dass General York 1812 sein preußisches Heer in die Waffenbrüderschaft mit den Russen führte, hatte dem Komponisten seinerzeit sehr gefallen. Und der NVA-Führung gefiel es aus nahe liegenden Gründen sehr viel später auch. Die "Befreiungskriege" an der Seite des russischen Zarenreiches wurden aus dem ansonsten üblen Sumpf der Preußenhistorie herausgestochen und in den Heiligenschrein nationaler Verdienste aufgenommen. Die Helden jener Zeit taugten als Namensgeber etlicher NVA-Einheiten wie Adolf von Lützow für eine Jagdfliegerstaffel oder Ferdinand von Schill für ein Hubschraubergeschwader.

Vor Madrid

Deutsche Soldatenlieder allerdings, gar solche aus den Beständen der Wehrmacht, wurden nicht nur nicht gesungen, sondern waren verboten, worin sich die NVA klar von der Bundeswehr unterschied. Eine Ausnahme machte - wenn auch auf ganz subtile Weise - das berühmte "Ich hatt´ ein Kameraden". Der Text fand zwar keinen Eingang ins Repertoire des NVA-Liedgutes, wohl aber die Melodie. Die deutschen Kämpfer in den Internationalen Brigaden des Spanischen Bürgerkrieges hatten sich ihr versichert und einen neuen Text geschrieben. Später dann donnerte es auch bei NVA-Märschen kraftvoll: "Vor Madrid auf Barrikaden/ in der Stunde der Gefahr/ mit den Interkampfbrigaden/ sein Herz voll Hass geladen/ stand Hans, der Kommissar."

Dieser Hans hieß vollständig Hans Beimler, nach ihm wurde vor 50 Jahren das in Oranienburg aufgestellte erste NVA-Regiment, das spätere 1. Mot.-Schützenregiment, benannt. Beimler war Ende 1936 nahe Madrid als Brigadist des "Thälmann-Bataillons" gefallen, in dem rund 5.000 Deutsche (davon überlebten etwa 2.000) in Spanien für die Republik kämpften. Der Kommunist Beimler war Mitte der dreißiger Jahre über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt, weil ihm als einem von ganz wenigen die Flucht aus einem deutschen KZ, dem Lager bei Dachau, gelungen war. Seine Geschichte inspirierte Anna Seghers zu ihrem in Hollywood verfilmten Roman-Welterfolg Das siebte Kreuz.

Auch der langjährige DDR-Verteidigungsminister, General Heinz Hoffmann, kämpfte im Thälmann-Bataillon. Hoffmann wie Beimler hätten heute - würden sie noch leben - Anspruch auf die Ehrenbürgerschaft Spaniens, mit der sich dieses Land bei seinen einstigen Verteidigern bedankt hat.

Die Vorstellung, eine Armee der Antifaschisten zu sein, beherrschte die DDR-Streitkräfte von ersten bis zum letzten Tag ihrer Existenz. Folglich wurde dieses Selbstverständnis an genau diesem Punkt immer wieder angegriffen, wobei als einer der Kronzeugen der bereits erwähnte Vincenz Müller diente. Er war einer von Hitlers Divisionskommandeuren gewesen, hatte sich allerdings im Sommer 1944 als stellvertretender Oberbefehlshaber der 4. Armee mit seinen Einheiten an der Ostfront ergeben und damit das Leben Tausender deutscher Soldaten gerettet. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als das in der Wehrmacht keineswegs üblich war, und unterschied Vincenz Müller von jenen Durchhalteobristen, die den Krieg verlängerten und während der fünfziger Jahre in häufig maßgebender Position am Aufbau der Bundeswehr beteiligt waren. Wie überhaupt der Vergleich des damaligen Führungspersonals beider Armeen recht aussagekräftig ist - in der NVA waren etwa fünf Prozent davon auch schon in kommandierender Funktion bei der Wehrmacht tätig, für 95 Prozent des Offizierskorps galt das nicht. Bei der Bundeswehr war es umgekehrt.

Der letzte DDR-Verteidigungsminister Heinz Kessler wurde nach der Wende zu siebeneinhalb Jahren Freiheitsentzug verurteilt, weil die bundesdeutsche Justiz ihm eine Mitverantwortung an den Mauertoten zur Last legte. Kessler war als Soldat 1941, nach dem Überfall auf die Sowjetunion, aus der Wehrmacht desertiert und zur Roten Armee übergelaufen. Von den vielen Generalen Hitlers musste sich nicht einer für seine Verbrechen im Zweiten Weltkrieg vor einem bundesdeutschen Gericht verantworten. Im Gegenteil - sie wurden als Helden gefeiert und durften von der Heuss-Adenauer-Regierung Ehrenerklärungen entgegen nehmen.

Nie Krieg geführt

Seit ihrer Gründung beging die NVA am 1. März ihren Ehrentag. Über eine Armee, die Wert darauf legte, von Preußen geformt, aber nicht beseelt zu sein, fällte der Regisseur Leander Haußmann jüngst mit seinem Film NVA ein eher diffuses, unentschiedenes Urteil. Dem satirischen Grundton seines Streifens lag wohl vor allem das Motiv zugrunde, eigene Erfahrungen aus der Zeit des Grundwehrdienstes zu verarbeiten. Insofern erscheinen drei Ergänzungen angebracht: Mit der NVA verschwand 1990 die einzige deutsche Armee, die nie einen Krieg begonnen hat. Ihre Waffen wurden von der Bundesregierung in alle Welt verkauft und dienen heute unter Umständen dazu, Menschen zu töten. Wenige Jahre nach dem Verschwinden der NVA kehrte der Krieg nach Europa zurück.


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00:00 03.03.2006

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