Protestieren, spekulieren, investieren

Ethik- und Umweltfonds Mit der Technologiehausse am Neuen Markt geriet dieser Investmentansatz in Vergessenheit, inzwischen erlebt er ein Comeback

Es war Mitte der sechziger Jahre, als der US-Chemiekonzern Dow Chemical vom Pentagon einen lukrativen Auftrag erhielt: Das Verteidigungsministerium brauchte für den Krieg in Vietnam das berüchtigte Napalm. Die Genugtuung im Unternehmensvorstand darüber hielt noch an, als ein effektiver, wenn auch leiser Protest einsetzte, der ganz ohne Sprechchöre auskam. Tausende von Dow-Aktionären griffen zum Telefon und wiesen ihre Börsenmakler an, sämtliche Papiere des Chemiegiganten zu verkaufen - eine Kettenreaktion ließ den Kurs der Aktie dramatisch einbrechen.

"Dieses Beispiel zeigt, wie machtvoll die ethisch-ökologische Bewegung an der Börse schon damals war", meint Robert Haßler, Vorstand der Ratingagentur oekom research AG in München. "Die Umweltbewegung in den siebziger und achtziger Jahren verlieh ihr noch zusätzlichen Aufschwung." In den Boomzeiten der späten Neunziger herrschte dagegen Flaute - Umweltaktien wurden gemieden, versprachen doch viele von ihnen anstatt irrationaler Gewinne lediglich fundierte Wachstumsraten. Das Comeback datiert Haßler auf den März 2000. "Als die Technologieblase platzte und mit ihr die Träume vom schnellen Geld, waren plötzlich wieder langfristige Investments gefragt."

So betrug das Marktvolumen ethischer Geldanlagen 2001 allein in Deutschland rund sechs Milliarden Euro. Über den gesamten Kontinent verteilt registrierte die Sustainable Investment Research International Group (SiRi) gar ein Anlagekapital von knapp 50 Milliarden Euro. Meister der grünen Geldvermehrung sind nach wie vor die USA. Über zwei Billionen Dollar investierten die Amerikaner zu Beginn des neuen Jahrtausends in Ethikfonds oder vergleichbare Anlagen. "Anders als in Amerika sind es in Europa vor allem institutionelle Anleger, die den Markt erobern", weiß Horst Popp, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Nürnberger Umweltbank, und verweist auf Gewerkschaften, Kirchen und Stiftungen.

Gemeinsam ist allen dreien, dass sie aus ihrer Tradition heraus mit dem Begriff "Rendite" zumindest nach außen hin ein Glaubwürdigkeitsproblem haben. Oekom-Chef Haßler sieht genau hier den Ansatzpunkt des ethischen Investments: "Wer viel Anlagekapital auf sich vereinigt und es zugleich langfristig einem guten Zweck widmet, kann Macht und Einfluss ausüben." Dafür sprechen nicht nur aufwendige Umweltberichte, mit denen heute fast jeder große Konzern aufwartet, um bei Privatanlegern und Institutionellen möglichst gut auszusehen. Auch der Erfolg von jungen, innovativen Firmen wie der S.A.G. Solarstrom AG oder dem Windkraftanbieter Energiekontor AG wäre ohne das Geld ethisch-ökologisch orientierter Investoren kaum denkbar.

Davon abgesehen, kann auch die Wertentwicklung der in Deutschland zugelassenen Umweltfonds durchaus überzeugen. Berechnungen des Öko-Zentrums Nordrhein-Westfalen zufolge gewannen die hier zugelassenen Investmentprodukte in den vergangenen drei Jahren um rund 18 Prozent an Wert und lagen damit um knapp vier Prozent über der Performance konventioneller Aktienfonds.

Ein Nachhaltigkeitsinvestment sei durchaus geeignet, "sowohl die anlegerspezifischen ethischen als auch finanzielle Erwartungen zu bedienen", betont Robert Haßler. Dennoch: der hehren Absicht, eine Geldanlage nach bestimmten Kriterien auszurichten, ist nicht immer leicht nachzukommen. Schließlich spiegeln sich die Anlagekonditionen nachhaltiger Fonds nur zum Teil in Bilanzzahlen. Die wichtigsten Argumente für oder gegen ein derartiges Investment sind vielmehr formulierte Glaubensbekenntnisse, deren Wahrheitsgehalt ein Privatanleger nur schwer verifizieren kann.

So schließen klassische Ethikfonds bei der Auswahl ihrer Aktien bestimmte Branchen wie die Rüstungsindustrie a priori aus. Auch Firmen, die Kinderarbeit zulassen oder Tierversuche vornehmen, werden gemieden. Die Aufgabe von Ratingagenturen wie der oekom-research AG ist es daher, Unternehmen danach zu beurteilen, ob Anspruch und Realität auch wirklich übereinstimmen. Die kritischen Fragen der Umweltanalysten stoßen naturgemäß nicht überall auf offene Ohren. Das Wiener Internetportal oekoinvest (www. oekoinvest.de) hat daher eine Methode entwickelt, die dazu animieren soll, sich möglichst kooperativ zu zeigen. Eine "grau-grüne" Liste verzeichnet all jene Firmen, die Kontakte mit oekoinvest verweigern. Auf keinen Fall gehören dazu Werte aus dem Bereich der erneuerbaren Energien, die augenblicklich das Angebot dominieren.

Insgesamt sieht die Zukunft ethisch-ökologischer Investments eher rosig aus. Nicht nur, dass die Attraktivität solcher Geldanlagen stetig wächst, es registrieren auch immer mehr Unternehmen, wie wichtig es für ihre Reputation sein kann, sparsam mit Ressourcen umzugehen und ethische Grundsätze einzuhalten. Und wenn in diesen Tagen William Clay Ford Jr. engagierte Umweltschützer und Kirchengruppen in Detroit zu einer Debatte über die Zukunft des Automobils empfängt, ist das auch ein Beleg dafür, dass hier ein neues Bewusstsein zu Tage tritt und unser Bild von einem Abgas speienden Amerika ein wenig ins Wanken gerät.

00:00 29.11.2002

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