Psychosomatik eines Umbruchs

Mentale Kosten Vielen Osteuropäern, denen 1990 keine Wiedervereinigung widerfuhr, erscheinen die Ostdeutschen privilegiert und die Zustände in den neuen Bundesländern paradiesisch

Nicht unbedingt die Politiker sind zynisch, sondern die Politik selbst trifft ihre Entscheidungen moralisch wertfrei. Der DDR-Regierungschef Hans Modrow erörterte während seiner Moskauer Verhandlungen am 30. Januar 1990 in Anwesenheit von Gorbatschow, Ryschkow, Schewardnadse und Falin die durch versprochene, aber ausgebliebene sowjetische Rohstofflieferungen katastrophal gewordene Situation der DDR, die selbst die zukünftige Ernte gefährdete. Aus dem Protokoll:

„MODROW Eine ziemlich schwierige Situation entstand wegen der offenen Grenze. Jetzt gilt der offizielle Umtauschkurs eine BRD-Mark = 3 DDR-Mark, der kommerzielle Kurs hingegen ist eins zu acht. (…) All unsere Sozialpolitik konnte nur unter den Bedingungen geschlossener Grenzen wirksam sein. Jetzt wenden sich alle unsere sozialen Errungenschaften gegen uns, da die von uns festgesetzten niedrigen Preise für Waren ausschließlich die Spekulanten begünstigen. Für Westmark kaufen sie unsere Waren spottbillig auf. Außerdem beschäftigen sich mit Spekulation auch DDR-Bürger, die jetzt frei in Westberlin und BRD Arbeit nehmen dürfen. (…) Ich glaube, dass unsere jetzige Begegnung nach ihrem Charakter und Bedeutung so ist, wie sie noch nie war. Ich habe alles so erzählt, wie es ist. Leider kann ich nichts anderes sagen.

GORBATSCHOW Ich schätze die Ehrlichkeit Ihrer Information. Wir folgen demselben Prinzip: Die Dinge real zu sehen, sie real einzuschätzen, ob sie angenehm sind oder nicht. Ohne dies gibt es keine Realpolitik. (…) Ich weiß auch, dass euer Land jetzt von der Euphorie der Wiedervereinigung ergriffen ist. (…) Ich bin mit Ihnen auch darin einverstanden, dass die DDR jetzt eine schicksalhafte Periode erlebt. Und deswegen kann ich Ihnen, Genosse Modrow, nur sagen: Lassen Sie sich nicht stören, verhalten Sie sich konsequent.“

Dass Modrow mit leeren Händen aus Moskau zurückkam, hat ihn selbst kaum verwundert. Was aber er nicht wissen konnte, war die Tatsache, dass er und sein Staat bereits vier Tage davor auf der Sitzung des Politbüros vom 26. Januar 1990 schlicht abgeschrieben worden waren. KGB-Chef Krjutschkow sprach klare Worte: „Die Tage der SED sind gezählt. Sie ist weder Hebel noch Stütze für uns. Modrow ist eine Übergangsfigur, hält sich aufgrund von Zugeständnissen, bald aber wird es nichts mehr geben, was man noch zugestehen kann. (…) Allmählich müssen wir unser Volk auf Deutschlands Wiedervereinigung vorbereiten. (...) Notwendig ist der aktive Auftritt zum Schutz unserer Freunde – ehemaliger Mitarbeiter des KGB und unseres Innenministeriums in der DDR.“ Zur gleichen Zeit notierte Gorbatschows Chefberater Tschernjajew die melancholischen Worte in sein Tagebuch: „Osteuropa bröckelt von uns ganz ab, und das unaufhaltsam. Und es wird immer mehr sichtbar, dass das ‚gesamteuropäische Haus‘ – falls es das überhaupt geben wird! – ohne uns, ohne die UdSSR entsteht…“

Fazit: Die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten vor 20 Jahren war nicht nur die beste, sondern auch die einzig mögliche Lösung der Krise der DDR. Die Frage lautet aber noch heute, wie man aus dieser einzig möglichen Lösung das Beste herausholen kann.

Flug und Sturz zugleich

Für all die Gesellschaften, welche nach dem Zweiten Weltkrieg das sowjetische Entwicklungsmodell verfolgten, erwies sich der Systemwechsel zunächst als Flug und Sturz zugleich. Die Rückkehr zur Marktwirtschaft und zu parlamentarischem Pluralismus forderte von den aktiven Generationen eine Umstellungsfähigkeit, die sie sich in keiner Schule vorher aneignen konnten, eine Abschiednahme von dem bisherigen Staat samt dessen repressiver und fürsorglicher Präsenz im Alltag seiner Bürger. Was jedoch die größten subjektiven Schwierigkeiten verursachte, war der zeitliche Bruch: Jeder, der die Wende im bewussten Alter erlebte, verfügte von Rostock bis Warna über eine mit anderen Bewohnern des Kontinents kaum teilbare Vergangenheit, eine persönliche Tradition des „sozialistischen Zusammenlebens“. Die Erfahrungen mit dem System konnten noch so unterschiedlich sein – sie waren Lebensinhalte. „Über die Runden zu kommen“, bedeutete ostwärts vom Eisernen Vorhang, entweder sich mit dem System zu arrangieren oder die Grenzen des Möglichen auszuweiten beziehungsweise das äußere oder innere Exil zu wählen.

Die meisten osteuropäischen Völker blickten auf das ostdeutsche Brudervolk nach dem 3. Oktober 1990 mit einem gewissen Neid: Schließlich wurden die DDR-Bürger in ihrem Freifall vom mächtigen sozialen Netz der Bundesrepublik aufgefangen, sie waren nicht gezwungen, vor der Tür der EU anderthalb Jahrzehnten lang Schlange zu stehen, und selbst die ewig skandalösen und die öffentliche Atmosphäre vergiftenden politischen Kämpfe blieben ihnen dank der tafelfertig servierten gesamtdeutschen Parteienstruktur erspart. Alles in allem erschienen in den Augen vieler ehemaliger Ostblockbürger die Zustände in den neuen Bundesländern geradezu paradiesisch. Für die Sorgen der „Ossis“ hatten sie nur eine matte Handbewegung übrig, ihre Beschwerden wurden schlicht als psychosomatisch abgetan. Polen, Ungarn, Rumänen und Bulgaren fühlten sich in Krisenmomenten entsprechend ihrer eigenen Selbstmitleidstradition oft als arme Waisenvölker, die niemanden in der Welt hatten, mit dem sie sich vorteilhaft „wiedervereinigen“ konnten.

Nachträgliche Sinngebung

Gleichzeitig haben diese „Unwiedervereinigten“ und die von ihnen beneideten Ex-DDR-Bürger zumindest in den betroffenen Jahrgängen einige Ähnlichkeiten, was die Rezeption der gemeinsam verbrachten Jahrzehnte anbelangt: Erstens ringen sie mit der Sorge der nachträglichen Sinngebung der historischen Ära, welche mit dem Großteil ihrer biologischen Existenz zusammenfiel. Zweitens bleibt ihnen dieselbe Zeitspanne im Leben der westlichen Gesellschaften ein weitgehend fremder Stoff. So gehören die Studentenrevolte 1968 oder die Friedensdemonstration 1982 für die Bürger der neuen Bundesländer nicht zur eigenen Geschichte und erscheinen höchstens als verschwommenes Fernsehbild im Bewusstsein. Ebenso wenig reflektiert ein polnischer Bürger mittleren Alters den Streik der britischen Bergarbeiter 1984.

Insgesamt sind demnach zwar die sozialen Kosten der historischen Umwälzung für die Angehörigen des ehemaligen „Arbeiter- und Bauernstaats“ – abgesehen von der hohen Arbeitslosenrate – relativ günstig ausgefallen, doch gerieten die mentalen Kosten offensichtlich höher als in anderen Ländern des Ostbündnisses. Die Renaissance des Nationalgefühls und -stolzes von Polen bis Bulgarien war ein Versuch, das nachkommunistische geistige und seelische Vakuum zu füllen und eine Art neue Gemeinsamkeit zu konstruieren. Dies produziert heutzutage nationalistische Auswüchse, könnte jedoch als Teil eines Verfassungspatriotismus durchaus eine kreative und demokratische Rolle spielen.

Der Osten erodiert

Den Bürgern des Ostteils der Bundesrepublik nach ihrer langjährigen Indoktrinierung als „DDR-Nation“ fällt es bis heute schwer, ihre neue Zugehörigkeit zu verinnerlichen. Neben offensichtlichen ökonomischen Problemen, die Osteuropäern nur zu bekannt vorkommen, wirken hier höchstwahrscheinlich Ost-West-Komplexe nach. Die kleinstädtischen Strukturen der DDR mit ihrer niedrigen Beschäftigungsrate und verarmten kulturellen Infrastruktur nähren ein Peripheriegefühl und begünstigen die zentripetale Bevölkerungsbewegung Richtung Westen. Es hat hier keinen Zweck, die besorgniserregenden Abwanderungszahlen aufzulisten, es reicht vielleicht der Hinweis aus, dass dieses Phänomen lang anhaltend ist und auf das weitere Schicksal des Ostens erodierend zurückwirken kann.

Beispiele dafür gibt es mehr als zahlreich. Benennen wir nur eines, das besonders ins Auge sticht: Die wundervolle thüringische Stadt Altenburg, in deren Rekonstruktion Milliarden Euro investiert wurden, während die Zahl ihrer Bewohner von 1989 bis heute von 50.000 auf 35.000 zurückgegangen ist. Das ist zweifelsohne eine Fluchtbewegung, die es so und vor allem in einem solchen Maße nicht geben sollte. Man ist versucht zu sagen, dass die Investitionen in das großartige Projekt „Aufbau Ost“ selbst im dritten Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung statt des Modells „Schöner Wohnen“ eher das Ziel „Schöner, besser, sinnvoller Leben“ verfolgen sollten.

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17:00 05.10.2010

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