Quereinstieg in den Vereinigten Staaten

Einwandern Der schwierige Nachbar im Norden: Lena Zúñiga war auf Rassismus, Egoismus und Konsum vorbereitet, als sie in die USA zog. Aber nicht auf die Überraschungen der Geschichte

Die Nachbarin meiner Großmutter schwor bis zum Tod, dass zwei ihrer Kinder vom selben Vater seien, auch wenn gewisse Umstände und körperliche Merkmale offensichtlich auf das Gegenteil hinwiesen. Einer der Söhne war dunkel und hatte Schlitzaugen, war leise, ruhig, genauso wie der Nachbar. Der andere war blond und ungestüm, bereit, sich mit jedem zu prügeln, um die Familiensage zu verteidigen.

Eine Einwanderin zu sein, heißt, zwei Geschichten zu haben. Wer mehr als eine Geschichte hat, weiß, dass sich jede Geschichte aus mehr oder weniger denselben Zutaten zusammensetzt: aus bestätigten Tatsachen, ehrgeizigen Wünschen, ländlichem Schamgefühl und fehlgeleitetem Stolz. Und angesichts des Zweifels gibt es die Faust, um all dem Gültigkeit zu verleihen. Die Geschichte ist eine Mythologie, die Menschen brauchen, um den nächsten Tag zu überleben.

Als ich in den Vereinigten Staaten ankam, fühlte ich mich angegriffen durch meine Vorgeschichte. Ich wuchs in einer linken, zentralamerikanischen Familie auf, mit linken Freunden und linken Büchern und unsere Sicht auf die Vereinigten Staaten war immer nur eine politische gewesen. Die Geschichte, die wir miteinander teilen, ist eine der Ressourcenausbeutung und der Unterstützung brutaler Regime, der Zermürbung sozialer Bewegungen und der Stütze von Diktaturen. Der räuberische Tourismus, der kulturelle Müll, der leichtfertige Krieg gegen die Drogen. Ich war auf Rassismus, Egoismus und eine Konsumgesellschaft vorbereitet, denn dies war der Mythos, den ich brauchte, um hier herkommen zu können. Auf Solidarität, Respekt, tiefe Freude, den Kampf der Unsichtbaren, war ich weniger vorbereitet. Kurz und gut: Auf die Überraschungen der Geschichte.


In meinen ersten Monaten als Migrantin in San Francisco lief ich viel durch die Stadt, und da ich nicht legal arbeiten durfte, besorgte ich mir als Erstes einen Ausweis für die öffentliche Bibliothek, um einen Nachweis über meinen neuen Wohnsitz zu erwerben. In meinem Ursprungsland sind Bibliotheken eine angenehme Erinnerung an die Vergangenheit, ebenso wie die Telegrafenmasten. Wir wissen, dass sie wichtig und nützlich waren, und möglicherweise sind noch einige in Gebrauch, aber da die meisten nicht benutzt werden (und da sie kein Budget haben), hat man sie weitgehend aus der kollektiven Erinnerung gelöscht. In einer riesigen Bibliothek, begann ich, umgeben von Obdachlosen, die in den Gängen umherstreifen, zu lesen.

Geschichtsfabrik Los Angeles

Diese Stadt ermöglichte mir einen Quereinstieg in die Vereinigten Staaten. Ich las über die Gründung der Jesuiten, über das Goldfieber, über die Seemänner, die sich in einer Bar betranken und auf einem Schiff Richtung Shanghai erwachten. Ich las die Beatpoeten und sprach mit Hippies, die in den 1960ern in Berkeley demonstriert hatten, die mit Harvey Milk für die Rechte von Homosexuellen marschiert waren. Ich durchstreifte die anonymen Industrieparks, in denen das Internet lebt. „San Francisco ist nicht die Vereinigten Staaten“, warnten mich alle. Es stimmt.

Als ich vor Ort bereits als Sozialarbeiterin in einer Ortsgruppe arbeitete, fuhr ich einmal nach Zentralkalifornien, eine weitläufige, landwirtschaftlich genutzte Region, wo die Luft nach Artischocken, Erdbeeren und Spinat riecht. Ich lernte zwei der zahlreichen Bauernfamilien Hmong kennen, die zu Beginn der 1980er Jahre eingewandert waren. Ich machte die Begegnung mit einer Frau aus El Salvador, die gerade erst angekommen war und unter einer die Sinne beraubenden Sonne Zwiebeln erntete. Ich sah Landkarten aus der Zeit, als dies alles noch zu Mexiko gehörte und die anderen die Migranten waren. Ich lernte Los Angeles kennen, eine apokalyptische Stadt, die sich – Dank der Wunder des Kinos – eine eigene und exklusive Raum-Zeit erschaffen hat: eine Geschichtsfabrik.

Später kam Neuengland dran, jener Teil der Geschichte, der vorwiegend in den nordamerikanischen Geschichtsbüchern auftaucht und von Menschen mit weißen Perücken handelt. Hier legte die Mayflower an, welche das größte Schiff der Welt gewesen sein muss, wenn man bedenkt, wie viele Amerikaner versichern, sie seien direkte Nachfahren von einem der Passagiere. Ich entdeckte, dass viele US-Amerikaner Stammbäume lieben und davon besessen sind, ihren Ursprung zu kennen, als stützenden Mythos. Wir Lateinamerikaner hingegen zucken normalerweise eher mit den Schultern und ziehen es vor, die Ungeheuer der Vergangenheit ruhen zu lassen.

Ich lernte New York und Washington DC kennen, von denen die Nachrichten sagen, hier werde Geschichte gemacht. Ich sah nicht, dass hier irgendwas passierte. Ich sah nur einen Haufen Menschen: arme Menschen, Menschen mit viel Geld, Menschen mit kleinen Hoffnungen, mit riesiger Verantwortung. Menschen, die glauben, dem Glück zu folgen. Menschen, die ihr wahres Zuhause vermissen. Menschen, die nie kommen wollten, die sich irrten oder die niemals wieder gehen können. Millionen von individuellen Geschichten, die sich anschweigen und die auf irgendeine Art und Weise den Verlauf der kollektiven Geschichte zeichnen.

Ein mit Hoffnung spärlich bestücktes Land

Und eines Tages, in einem sumpfig-feuchten Herbst, lernte ich New Orleans kennen. Ich sah die Zäune, die Mauern, die Pfosten, an denen das Ausmaß der Katastrophe noch abzulesen war, die der Hurrikan Katrina verursacht hatte. Ich sah einen Mann, der Jazz spielte und direkt in sein Saxophon weinte. Ich erinnerte mich an Harriet Jacobs, eine Sklavin, die sich sieben Jahre lang in einem engen Dachzimmer versteckte, um durch ein Loch in den Holzlatten zusehen zu können, wie ihre versklavten Kindern groß wurden. Durch eine Fensterscheibe in der Straßenbahn stellte ich mir die Uniformen der Sklaverei vor, die Häuser der Sklaverei, die Schmerzen der Sklaverei, die auch heute noch nicht erloschen sind und die detaillierten Mythologien, die erfunden werden mussten, um die Ungerechtigkeit und das Elend über Jahrhunderte hinweg ertragen zu können.

In der kommenden Woche werde ich eine Reise durch mehrere Bundesstaaten der Vereinigten Staaten beginnen, die auf der Landkarte alle gleich aussehen. Wenn alles gut läuft, werden wir Nevada, Utah, Wyoming, Nebraska, Iowa, Illinois und Michigan durchqueren. Ich habe keine Ahnung, was das bedeutet. Ich vermute, ich muss irgendeine Bibliothek ausfindig machen. Ich habe einige vage Anhaltspunkte: Ich weiß, dass ich eine Wüste sehen werde, viele Plateaus, ein paar Städte, viele Felder, auf denen Industriemais angebaut wird. Ich weiß, dass ich Detroit sehen werde, die heruntergekommene Automobilstadt, die von Künstlern und Aktivisten übernommen wurde in Ermangelung der Arbeiter. Ich reise der Geschichte eines Landes hinterher, das es nicht mehr gibt.

Die Armut, die Sklaverei, die Auslöschung indigener Völker, die Unterdrückung der Frauen hinterließen ein Land voller Wunden, das sich bis heute auf seinem riesigen Territorium selbst nicht gefunden hat. Als ich in die Vereinigten Staaten kam, fand ich ein Land vor, das durch seine eigenen Kriege zerstört war, das sich Hals über Kopf in seinen ökonomischen Lügen wiederfand, in dem Millionen und Abermillionen Besiegter aus den Büchern getilgt wurden. In dem obdachlose Menschen in den Gängen einer öffentlichen Bibliothek umherstreifen. Ein mit Hoffnung spärlich bestücktes Land, das gleichzeitig auf einen irritierenden und sturen Optimismus besteht.

Nach und nach beginne ich, mir eine eigene Mythologie dieses Territoriums zu erschaffen, das nun mein Zuhause ist. Es ist eine Verbindung aus dem, was ich früher dachte und was ich heute weiß. Auch wenn ich manchmal die Geduld verliere und nichts mehr verstehe, würde ich mich verwaist fühlen, wenn ich ohne die Umarmung der Geschichte leben müsste – meiner eigenen Geschichte, derjenigen, die in den Büchern steht, die mir die Menschen erzählen, die ich durch das Autofenster an einem Sonntag auf der Straße fotografiere. Indem ich mit anderen lebe und die Welt mit vorantreibe, bin letztendlich ich die Geschichte.

Lena Zúñiga ist Journalistin, Sozialwissenschaftlerin und Autorin. Sie wurde in San José in Costa Rica geboren, zur Zeit lebt sie in San Francisco und schreibt zwei Blogs, ihr persönliches Blog und eines zum Thema .ItzpapalotlDigital Storytelling

Übersetzung: Marcela Knapp

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19:10 21.06.2010

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